16.11.2020

Lieferketten: Laut Studie werden Risiken unterschätzt

Fast 9000 km von Shenzhen nach Hamburg. Da kann viel passieren. Das Schiff kann untergehen. Die Zulieferung in China kann sich verzögern. Piraten können das Schiff überfallen. Gründe en masse für Firmen, sich um die Sicherheit auf der Lieferkette zu sorgen. Doch nur wenige tun es.

Lieferkette Risiken

Stellenwert des SCRM in den Unternehmen

Das lückenlose Managen von Risiken entlang der gesamten Lieferkette – bisher ist dies nur in wenigen Unternehmen fest verankert. Häufig gibt es dort keine eigene Organisationseinheit für „Supply Chain Risk Management“ (SCRM).

Mit Risiken beschäftigt man sich eher nebenbei – oder anscheinend gar nicht. Zu diesen Ergebnisse kommen der Bundesverband Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik e.V. (BME) und die Hochschule Fulda in einer gemeinsamen Online-Erhebung unter 214 Supply Chain Manager und Führungskräften aus Industrie, Handel und Dienstleistung. Sie fragten:

  • Welchen Stellenwert hat das SCRM in den Unternehmen des deutschsprachigen Raumes?
  • Welche Stärken oder Schwächen bei dessen Implementierung gibt es?
  • Und: Welche Auswirkungen hat die Corona-Krise?

Überraschende Antworten

„Die Antworten haben uns schon etwas überrascht. So berücksichtigen rund zwei Drittel der befragten Unternehmen das Ausbrechen einer Pandemie bisher nicht als Risikofaktor“, sagt Carsten Knauer, BME-Leiter Sektion Logistik/SCM, Referent Fachgruppen.
Das sei überraschend, zumal die Corona-Krise nicht als sogenannter schwarzer Schwan bezeichnet werden könne. Gleichzeitig hätten nur gut ein Viertel der befragten Unternehmen eine Pandemie als Risiko für das eigene Geschäft berücksichtigt. Ebenfalls nur ein geringer Teil von ihnen entwickelte bisher Maßnahmenpläne zur Absicherung der eigenen Supply Chains. Zur Wahrheit gehöre aber auch, dass es durchaus Firmen gebe, die im übertragenen Sinne ein funktionierendes Radar zur Krisenabwehr installiert hätten.

Klar sei aber auch: „Die existenzielle Bedeutung des SCRM für die erfolgreiche Krisenbewältigung wird noch nicht von allen Firmen gleichermaßen erkannt. Sie sehen in Supply Chain Risk Management häufig nur eine Unterfunktion etablierter Bereiche wie Logistik, Einkauf oder Beschaffung“, betonte Knauer.

Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die Lieferketten

Die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die Lieferketten der befragten Unternehmen seien zwar überschaubar. Trotzdem dürfte die Corona-Krise zu einem Überdenken des eigenen SCRM führen, gibt sich Michael Huth zuversichtlich. Huth ist Professor für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Logistik, an der Hochschule Fulda und neben Carsten Knauer (BME) einer der Autoren der Umfrage. Vielen Unternehmen sei klar, dass die Transparenz in ihren Supply Chains zu gering sei. Fehlende Vorbereitung auf eine Pandemie und ihre Auswirkungen auf die eigenen Geschäftsabläufe könne dazu führen, dass die Bedeutung des SCRM weiter steige.

Maßnahmen gegen die Pandemie beeinträchtigen Lieferketten

Durch die Reise- und Transportrestriktionen haben nach den Maßnahmen im April 2020 81 Prozent der deutschen Unternehmen Versorgungsprobleme, wie „Gutcert“ damals unter Berufung auf Berechnungen des Risikomanagementspezialisten Heiko Schwarz berichtete.

Die Elektronikindustrie sei dabei besonders betroffen, ebenso wie die Medizintechnik und Zulieferer für Haushaltsgeräte und Autos. Der Nachfrageeinbruch führt zu fehlenden Umsätzen bei gleichzeitig steigenden Kosten (beispielsweise für erhöhte Frachtgebühren), was sich für viele Unternehmen in naher Zukunft zu einer existenziellen Bedrohung entwickeln könnte.

Die Gutcert bietet seit 2009 Zertifizierungen nach REDcert, ISCC und RSPO an, die maßgeblich zur Einhaltung der Nachhaltigkeitsforderungen beitragen und die Rückverfolgbarkeit von Agrarrohstoffen in globalen Lieferketten sicherstellen.

Lieferengpässe zu vermeiden

Sowohl auf europäischer als auch auf nationaler Ebene wurden demnach Strategien erarbeitet, um Lieferengpässe zu vermeiden. Mit der Richtlinie der EU-Kommission vom 16. März 2020 soll neben dem Gesundheitsschutz vor allem die Verfügbarkeit von Waren gewährleistet werden. Dies soll beispielsweise durch das Schaffen von „Green Lanes“ für besonders dringende Transporte und die Regulierung von Grenzkontrollen erreicht werden.

Zudem hat die Bundesregierung gemeinsam mit Kreditversicherern einen Schutzschirm über 30 Milliarden Euro zum Schutz von Lieferantenkrediten ins Leben gerufen, um deutsche Unternehmen zu stützen. Trotz den gestiegenen Ausfallrisiken sollen auf diese Weise bestehende Deckungszusagen aufrechterhalten und der Warenverkehr gesichert werden.

Die BME-Logistikumfrage „Digitalisierung in Supply Chains“ wurde im Zeitraum 19. Mai bis 30. Juni 2020 durchgeführt. Die meisten Teilnehmer kamen aus den Bereichen Maschinenbau, Pharma- und Chemie sowie aus der Lager- und Transportbranche. Autoren der Umfrage sind Prof. Dr. Michael Huth (Hochschule Fulda) und Carsten Knauer (BME).

Autor: Friedrich Oehlerking (Freier Journalist und Experte für Einkauf, Logistik und Transport)