17.03.2022

K+S um landwirtschaftliche Produktion besorgt

Operation gelungen, Patient tot. Widersprüchlich sind die Aussagen zur Situation in der Landwirtschaft von Düngemittelhersteller K+S. Man rechnet mit dem erfolgreichsten Jahr der Firmengeschichte – und malt düstere Szenarien für die Versorgung mit Nahrungsmitteln an die Wand.

landwirtschaftliche Produktion

Höhere Kundennachfrage

K+S hat im abgelaufenen Geschäftsjahr an allen Kali- und Salzstandorten erneut eine hervorragende Produktionsleistung erreicht. Das berichtet der Kasseler Anbieter von mineralischen Produkten für Landwirtschaft, Industrie, Verbraucher und Gemeinden in einer Mitteilung an die Medien. Demnach hat das Unternehmen eine erhöhte Nachfrage der Kunden bedient und die Absatzmengen gesteigert. Die gute eigene Performance habe eine positive Marktentwicklung im Jahresverlauf zusätzlich unterstützt. Die Kalipreise stiegen in nahezu allen Regionen deutlich an, heißt es in der Mitteilung weiter.

Das Auftausalzgeschäft sei witterungsbedingt im ersten und im vierten Quartal positiv verlaufen. „2021 war ein sehr erfolgreiches Jahr für K+S“, sagt Dr. Burkhard Lohr, Vorsitzender des Vorstands der K+S Aktiengesellschaft anlässlich der Bilanzpressekonferenz. Man hab das Unternehmen „effizienter, schlanker sowie profitabler gemacht und K+S strategisch neu ausgerichtet“.

Umsatzzuwächse in beiden Kundensegmenten

Im Kundensegment Landwirtschaft stieg der Umsatz im Geschäftsjahr 2021 um 34 Prozent auf 2,3 Milliarden Euro (2020: 1,7 Milliarden Euro) an. Dies habe hauptsächlich gelegen an

  • bedeutsam gestiegenen Durchschnittspreisen (+28 Prozent)
  • der um rund 300.000 Tonnen auf 7,62 Millionen Tonnen gesteigerten Absatzmenge.

Das Kundensegment „Industrie+“ weist den Angaben zufolge mit 941 Millionen Euro einen um 29 Prozent höheren Umsatz im Jahr 2021 (2020: 731 Millionen Euro) aus. Insbesondere die starke Nachfrage im Auftausalzgeschäft und der Chemieindustrie sowie höhere Preise bei Industriekali macht das Unternehmen für die positive Entwicklung verantwortlich. Vorstand und Aufsichtsrat beabsichtigten, der Hauptversammlung eine Dividende in Höhe von 20 Cent je Aktie vorzuschlagen. Gemäß der neuen Dividendenpolitik von K+S setze sich der Betrag aus einer Basisdividende von 15 Cent und einer Prämie von 5 Cent zusammen.

Positiver Ausblick 2022

Wegen des Krieges in der Ukraine seien die gesamtwirtschaftlichen und geopolitischen Auswirkungen noch nicht abschätzbar. K+S beobachtet die weitere Entwicklung durch ein Monitoring, insbesondere bei der Energieversorgung und den Sanktionen. Lohr: „Wir sind zutiefst erschüttert, dass in Europa wieder Krieg herrscht. Ich hoffe, dass die Rückkehr an den Verhandlungstisch und ein Ende der Kampfhandlungen schnell erreicht werden können.“

Für das laufende Geschäftsjahr rechnet das Unternehmen – wie bereits vorab berichtet – mit einem Anstieg des operativen Ergebnisses Ebitda auf 1,6 bis 1,9 Milliarden Euro. Es dürfte sich damit im Vergleich zum Vorjahreswert (ohne Einmaleffekte) mehr als verdoppeln. Aufgrund des weiterhin günstigen Marktumfelds im Kundensegment Landwirtschaft geht das Unternehmen erneut von einem starken Anstieg des Durchschnittspreises im Produktportfolio aus. Auch die Absatzmenge dürfte demnach erneut leicht steigen. Der bereinigte freie Cashflow sollte vor diesem Hintergrund ebenfalls stark ansteigen und zwischen 600 und 800 Millionen Euro liegen, so die K+S-Pressemitteilung.

„Mit der genannten Bandbreite würden wir das bisher beste Ergebnis unserer Firmengeschichte erwirtschaften. Selbst mit Blick auf den Krieg in der Ukraine und der damit verbundenen Dynamik bei den Absatzpreisen sowie den Energierisiken halten wir an dieser Prognose fest,“ so Lohr.

Preisanstieg bei Kali

Mit diesen Feststellungen kontrastieren Lohrs sonstige Einschätzungen zur Lage, die er laut „Welt“ hegt. Demzufolge verweist der Manager auf die derzeitige Entwicklung der Energiepreise und der Energiesicherheit sowie die Sanktionen gegen Russland. Er glaube, man müsse sich mindestens genauso viele Gedanken machen über die landwirtschaftliche Produktion und daraus folgend über die weltweite Versorgung mit Nahrungsmitteln. Lohr: „Das treibt mich wirklich um, das macht mir große Sorgen.“

Er spielt damit auf die stark gestiegenen Preise für Düngemittel an. Zwar gab es diesen Trend schon vor dem Angriff auf die Ukraine. Der Krieg habe die Teuerung aber noch einmal zusätzlich befeuert. In Brasilien zum Beispiel kostet ein Standard-Kali-Produkt mittlerweile rund 900 Dollar pro Tonne. Vor Kriegsbeginn waren es noch 800 Dollar und Ende 2019 sogar nur 300 Dollar. Lohr sieht darin eine dramatische Entwicklung. Wenn die Weltgemeinschaft vor allem in Afrika nicht einspringt, befürchtet Lohr Hungersnot und damit einhergehend neue Flüchtlingsbewegungen.

Hungersnöte in Afrika und Arabien

Neben Stickstoff und Phosphor gehört Kali zu den wesentlichen Dünger-Sorten. K+S ist laut dem Bericht der viertgrößte Anbieter von Kalium, einem der Hauptnährstoffe für Pflanzen. Der Aktienkurs des zuletzt lange gebeutelten M-Dax-Konzerns bewegt sich seit Wochen nach oben. Russland und Ukraine sind bei der weltweiten Versorgung mit Nahrungsmitteln wie Weizen oder Mais führend. Zusammen stehen sie für rund ein Drittel des weltweit gehandelten Getreides. Derzeit komme die Ware aufgrund kriegsbedingt geschlossener Häfen nicht an ihre Bestimmungsorte. Zu ihnen gehören vorwiegend Länder in Afrika und im arabischen Raum sowie das Flüchtlingsprogramm der Vereinten Nationen.

DBV: Sorgen wegen Energie- und Dieselkosten

Der Präsident des Deutschen Bauernverbandes (DBV), Joachim Rukwied, begrüßt die von Landwirtschaftsminister Cem Özdemir (Grüne) auf den Weg gebrachten ersten Maßnahmen zur Unterstützung der Landwirtschaft. Rukwied „Wir sehen in diesen Maßnahmen erste richtige Schritte zur Unterstützung unserer Betriebe. Darüber hinaus machen wir uns, genauso wie die übrige Wirtschaft und das Transport- und Logistikgewerbe, große Sorgen wegen der explodierenden Energie- und Dieselkosten. Hier müssen wir einen Weg finden, die Landwirtschaft zu entlasten.“ Russland und die Ukraine sind Hauptlieferanten von Getreide. Doch mit Kriegsbeginn ist der Export nahezu zum Erliegen gekommen, berichtet das ZDF:

  • Russland exportiert demnach weltweit den meisten Weizen
  • Ukraine ist der drittgrößte Exporteur von Mais.
  • In der EU kommen nahezu 60 Prozent der gesamten Mais- und Gerstenimporte aus der Ukraine,
  • Sonnenblumenöl sogar fast 90 Prozent.

Krieg verhindert Agrartransport

Mit Kriegsbeginn sei der gesamte Agrarexport aus der Ukraine zum Erliegen gekommen. Exporte aus Russland hätten sich reduziert, die russischen Häfen im Asowschen Meer sind wegen der Nähe zum Kriegsgeschehen geschlossen. Die Agrar-Expertin Linde Götz, plädiert deswegen im ZDF dafür, den Agrarhandel von den Sanktionen auszunehmen. Das verknappte Angebot führe schon jetzt dazu, dass die Weltmarktpreise deutlich ansteigen. In der EU wögen die höheren Getreidepreise nicht so schwer wie in Entwicklungsländern wie Ägypten, Sudan, Libanon, Jemen, Tunesien oder Bangladesch. Dort gäben die Menschen einen größeren Anteil ihres Gehalts für Nahrung aus.

Götz sieht die Gefahr, dass viele Menschen in Armut geraten und sich Unterernährung zunehmend verbreitet, wenn man Nahrungsmittel nicht von den Sanktionen ausnähme. Götz ist stellvertretende Leiterin der Abteilung Agrarmärkte am Leibniz-Institut für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien (IAMO). Sie forscht zu internationalem Handel Russlands und den Ländern im Schwarzmeerraum und deren Bedeutung für die globale Ernährungssicherheit.

Russland liefert Getreide und Düngergrundstoffe

Russland ist nicht nur wichtiger Getreidelieferant für die Welt, sondern produziert auch Grundstoffe für Dünger. Götz zufolge ist Deutschland hochgradig importabhängig. Es habe bisher ungefähr 35 Prozent seines Stickstoffdüngers und 60 Prozent seines Kalidüngers aus Russland und Belarus importiert. Hinzu käme, dass für die Herstellung Erdgas benötigt wird. Derzeit werde überall das Düngemittel knapp:

  • infolge hoher Gaspreise,
  • damit hoher Produktionskosten,
  • deswegen gedrosselter Herstellung von Düngemitteln.

Wegen stark angestiegener Agrarpreise sei eine teure Düngung für die Landwirte rentabel gewesen. Die Lager seien leergekauft. Der Export von Kalidünger aus Belarus hatte die EU sanktioniert und Russland seit Ende letzten Jahres Exporte von Düngemitteln reduziert. Das sorge für steigende Preise und höhere Kosten für Landwirte in Deutschland. Götz: „Es ist eben nicht nur der Energiesektor bei dem Russland uns in der Hand hat, sondern auch die Agrar- und Düngemittelexporte.“

Um die Ernährungssicherheit zu verbessern, spricht sich Götz dafür aus, sich bei diesen Produkten unabhängig von Russland zu machen und statt dessen aus verschiedenen Regionen zu importieren, um sich so gegen Dürren oder Kriege in einzelnen Ländern abzusichern. Der Grund dafür, dass so viele Länder Getreide von Russland und der Ukraine importieren, liege darin, dass diese günstig produzieren und die Weltmärkte zu relativ niedrigen Preisen beliefern. Götz: „Aber unsere Systeme resilienter gegen solche Krisen zu machen, kostet etwas. Ernährungssicherheit ist nichts, was umsonst zu haben ist – das werden die Verbraucher rund um den Globus spüren.“

Kali-Lieferungen stocken

Belaruskali könne laut Lohr kaum noch liefern, weil die Ausfuhr weder über Häfen im Baltikum noch über die Schwarzmeer-Region möglich ist und dazu viele Reedereien russische Häfen meiden. Uralkali habe mittlerweile Logistikprobleme. Gleichzeitig habe das russische Handelsministerium einen vorübergehenden Stopp von Düngemittel-Exporten empfohlen. Weder K+S noch andere Kali-Produzenten sehen sich in der Lage, die Ausfälle von Belaruskali und Uralkali kurzfristig auszugleichen. „Sie können nicht innerhalb von Monaten die Produktion beliebig steigern“, zitiert „Welt“ Lohr. Es seien immer nur kleine Schritte möglich.

Für die geplante Verdopplung der Jahresleistung des neuen K+S-Werks in Bethune in Kanada von zwei auf vier Millionen Tonnen sei zum Beispiel mehr als ein Jahrzehnt angesetzt. Diese Gemengelage sorge vielerorts für Panik, etwa in Brasilien, das neben China und Indien zu den Hauptabnehmern von Dünger aus Russland und Belarus gehört. „Brasiliens Agrarindustrie ist auf die Düngemittel aus Osteuropa angewiesen, vor allem bei der für das Land so wichtigen Produktion von Soja, Mais und Kaffee“, so gegenüber „Welt“ Christian Janze, Partner bei der Wirtschaftsberatungsgesellschaft Ernst & Young (EY).

Autor*in: Friedrich Oehlerking (Freier Journalist und Experte für Einkauf, Logistik und Transport)