Fachbeitrag | Logistik 01.10.2015

Kontraktlogistik als Allheilmittel?

Befragt man Logistiker nach Wachstumsmärkten in der Logistik, so fällt fast immer das Stichwort Kontraktlogistik. Auch in der Literatur wurde sie vor, während und nach der Wirtschafts- und Finanzkrise 2008/09 als besonders lukrativ klassifiziert. Auf der anderen Seite gibt es nach wie vor eine Vielzahl an Speditionsbetrieben, die mittelständisch geprägt sind und keine bzw. kaum kontraktlogistische Dienstleistungen anbieten. Haben diese Unternehmen den Trend verschlafen, sind sie mit ersten Versuchen gescheitert oder gibt es etwa gute Gründe, als (mittelständischer) Spediteur auf die Kontraktlogistik zu verzichten?

Speziell bei mittelständischen Logistikdienstleistern ist das Zukunftsthema Kontraktlogistik noch nicht vollumfänglich entwickelt, obwohl gerade dieser Logistikteilmarkt als mittelstandsaffin betrachtet wird.
In der Kontraktlogistik agieren neben diesen KMU ebenso Großkonzerne wie Deutsche Post DHL und DB Schenker, aber auch ausgelagerte Logistikabteilungen von Industrie- und Handelsunternehmen wie Volkswagen Logistics, Metro Group Logistics, arvato (Bertelsmann) als 4PL oder Lead Logistics Provider (LLP).

Marktpotenzial

Zu den wesentlichen Chancen eines Einstiegs in den Kontraktlogistikmarkt zählen neben höheren Margen und Kundenbindung durch längere Vertragslaufzeiten auch das hohe Marktpotenzial durch den bislang geringen Outsourcinganteil von unter 30 Prozent.
Wenn auch häufig weder in der Praxis noch in der Literatur erwähnt, stehen diesen Chancen auch einige Risiken gegenüber: Neben dem grundsätzlich nicht vergüteten Angebots- und Planungsaufwand ist ein Trend zu sinkenden Vertragslaufzeiten und generell aufseiten des verladenden Mittelstands eine gewisse Zurückhaltung gegenüber dem Outsourcing anspruchsvollerer Dienstleistungen feststellbar.
Um diese Risiken als mittelständischer Spediteur einschätzen zu können, sind die internen und externen Voraussetzungen für einen Markteinstieg zu prüfen.

Was zeichnet die Kontraktlogistik aus?

Das Speditionsgeschäft wird in den §§ 453 bis 466 HGB ausführlich beschrieben. Dies gilt nicht für den Begriff der Kontraktlogistik, dem es zwar nicht an einer Vielzahl von Definitionen, wohl aber häufig an Eindeutigkeit fehlt. Durchgesetzt hat sich am ehesten der Definitionsansatz von Klaus, der eine Beschreibung über vier konstitutive Merkmale vornimmt. Dabei werden unter Kontraktlogistik Geschäfte verstanden,

  • bei denen mehrere logistische Dienstleistungen (nicht nur Transport oder Lager) zu einem Leistungsbündel aggregiert werden,
  • und zwar kundenindividuell entwickelt und erbracht,
  • über einen – meist sehr umfangreichen – Kontrakt längerfristig abgesichert (länger als ein Jahr, durchschnittlich drei bis fünf Jahre) und
  • mit einem erheblichen Geschäftsvolumen pro Projekt und Jahr, wobei von mindestens 500.000 Euro ausgegangen wird.

Kritisch anzumerken ist bei diesem Definitionsansatz, dass speziell im Mittelstand, unabhängig davon, ob auf Auftraggeber- oder -nehmerseite, die letztgenannte Voraussetzung nur selten erfüllt werden dürfte. Im vorliegenden Beitrag soll diese Voraussetzung daher als nicht zwingend eingestuft werden.

Chancen und Risiken eines Kontraktlogistikengagements

Zu den wesentlichen Chancen zählen:

  • höhere Margen durch weniger Wettbewerb und geringere Preissensibilität
  • Aufbau neuer Geschäftsfelder und Kundengruppen
  • positive Wachstumsraten
  • Kontraktlogistik als mittelstandsaffiner Markt

Den Chancen stehen dabei folgende vier Hauptrisiken gegenüber:

  • hoher, unvergüteter Planungsaufwand
  • Gefahr langfristiger Verluste durch Fehlkalkulationen oder fehlende interne Ressourcen
  • sinkende Amortisationsdauern durch schrumpfende Vertragslaufzeiten
  • Gefahr falscher Ressourcenallokation
  • zurückhaltendes Outsourcingverhalten mittelständischer Verlader

Da den Chancen des Wachstumsmarkts „Kontraktlogistik“ teilweise beachtliche Risiken gegenüberstehen, sollen im Folgenden acht Handlungsempfehlungen für einen erfolgreichen Einstieg in den Kontraktlogistikmarkt gegeben werden. Sie mögen keine abschließende Auszählung sein, stellen aber aus Sicht des Autors die wesentlichen Erkenntnisse der Beratungs- und Projekterfahrung sowohl in der Beratung als auch bei einem Kontraktlogistiker dar.

Acht Regeln für Mittelständler

  1. Regel: Vertrauen und Kontakte aufbauen (Grundregel)!
  2. Regel: Kompetenzfelder und Leistungspakete eindeutig definieren!
  3. Regel: Bezug zu bisherigem Geschäft sicherstellen!
  4. Regel: Auf Branchenlösungen fokussieren!
  5. Regel: Übernahme von Mehrwertdiensten genau prüfen!
  6. Regel: Gezielt überlegen, bei welchen Anfragen überhaupt ein Angebot abgegeben werden soll!
  7. Regel: Gegebenenfalls fehlendes Know-how temporär zukaufen!
  8. Regel: Zunächst auf Mittelständler im eigenen Umfeld zugehen!

Sie lasen soeben einen Auszug aus einem längeren Beitrag unseres Autors Dirk Hartel. Wenn Sie mehr zu wichtigen Logistik-Themen wissen wollen, dann testen Sie jetzt 14 Tage lang kostenlos und unverbindlich den Online-Titel “Einkauf – Logistik – Transport“.

Autor: Dirk Hartel