13.01.2022

Kommunen könnten schon bald Versorgung behindern

Kein Platz für Online-Waren. Der bisherige Vorteil des Online-Handels stellt sich zunehmend als Zeitbombe heraus: Platz sparen durch weniger Einkaufszentren auf der grünen Wiese. An deren Stelle tritt der Bedarf an Logistikflächen. Die Kommunen haben dafür aber auch keinen Platz.

Kommunen Versorgung

Je Milliarde Euro Online-Umsatz 100.000 m² Logistikfläche

Rund vier Millionen Quadratmeter Lager- und Logistikflächen mehr als 2020 benötigt der Onlinehandel in Deutschland bis 2025. Das ergeben neueste Berechnungen des US-Immobiliendienstleisters Commercial Brokerage Real Estate Richard Ellis (CBRE) für den Report „CBRE Global E-Commerce Outlook 2021“. Danach werden für jede zusätzliche Milliarde Euro an E-Commerce-Umsatz rund 100.000 Quadratmeter neue Distributionsflächen benötigt. Bis 2025 schätzen die Marktforscher das Umsatzwachstum im Onlinehandel in Deutschland auf 43 Milliarden Euro.

Entwicklungen des Onlinehandels

Für den Bericht hat CBRE eine Vielzahl an Faktoren untersucht zu den jeweiligen Entwicklungen des Onlinehandels in verschiedenen Ländern, wie z.B.:

  • Anteil der städtischen Bevölkerung,
  • Verbreitung von Kreditkarten,
  • digitale Fähigkeiten
  • Infrastruktur.

Im darauf beruhenden Ranking für die Stärke der Entwicklung des Onlinehandels belegt Deutschland mit 72 Punkten unter weltweit 43 untersuchten Ländern den dritten Rang – nach Südkorea mit 87 Punkten und dem Vereinigten Königreich mit 78 Punkten.

Wachsender Anteil Onlinehandel am Einzelhandel

Der Onlinehandelt gewinnt nach Einschätzung der Marktforscher von CBRE als wichtiger Treiber der Logistikflächennachfrage weiter an Bedeutung. Als entscheidenden Faktor für die Umsatzentwicklung des Onlinehandels haben die Forscher die Entwicklung des Anteils des Onlinehandels am gesamten Einzelhandel ausgemacht. Die Fachleute erwarten bis 2025:

  • für die E-Commerce-Umsätze einen Anstieg auf weltweit fast 1,3 Billionen Euro
  • globale Logistikflächennachfrage um 130 Millionen Quadratmeter
  • in Europa rund 29 Millionen Quadratmeter.

„In Europa ist die E-Commerce-Durchdringung in den verschiedenen Ländern noch recht unterschiedlich“, so CBRE-Deutschland-Chefforscher Dr. Jan Linsin.
Es gebe bereits viele der Faktoren für ein hohes Maß an E-Commerce in einer Reihe von Märkten, darunter:

  • Großbritannien
  • Deutschland
  • Schweden
  • Niederlande.

Viele der weniger entwickelten Märkte wie Portugal, Italien und Spanien könnten in den nächsten vier Jahren aufholen. Das werde zu einer wachsenden Nachfrage nach Logistikflächen in diesen Märkten und in ganz Europa führen.

Kommunen bevorzugen produzierendes Gewerbe

Weniger klar sei hingegen, ob der Markt diese Flächennachfrage bedienen kann. Bereits jetzt werde es in vielen Regionen Deutschlands schwieriger, die passenden Grundstücke oder Mietflächen für die E-Commerce-Nutzer zu finden, so Rainer Koepke, Chef Industrie und Logistik CBRE Deutschland.

Das Problem: Immer mehr Kommunen weigern sich, wie „Welt“ berichtet, auf ihrem Gemeindegebiet die Ansiedlung solcher Logistikimmobilien zu erlauben. „Leider werden die Kommunen immer zurückhaltender, was die Ansiedlung von Logistikimmobilien betrifft“, bestätigt gegenüber der Zeitung Kuno Neumeier, Geschäftsführer der auf Logistikimmobilien spezialisierten Beratungsgesellschaft Logivest. Viel lieber hätten nach seiner Beobachtung die Kommunen produzierendes Gewerbe. Von ihm versprächen sie sich besser bezahlte Arbeitsplätze.

Lidl: Hier muss ich leider draußen bleiben

Zum Beispiel habe in Magdeburg das Stadtparlament Anfang November 2021 bei der Beratung des Bebauungsplans für ein Gewerbegebiet beschlossen, dort ausschließlich „qualitativ hochwertiges“ Gewerbe und keine Logistik zuzulassen. In der osthessischen Gemeinde Friedewald habe die Gemeindevertreterversammlung bereits im Frühjahr 2021 ähnlich entschieden.

Zusätzlich befeuerten diese Ablehnung vielerorts eigens zu diesem Zweck gegründete Bürgerinitiativen. Damit zu kämpfen habe unter anderem der Discounter-Riese Lidl. Seinem Plan, im hessischen Edermünde ein bestehendes Logistikzentrum zu vergrößern, stellte sich eine lokale Bürgerinitiative in den Weg. – offenbar mit Erfolg, wie „Welt“ unter Berufung auf das Unternehmen schreibt: der Konzern prüfe das Vorhaben und suche dabei nach alternativen Standorten.

Autor*in: Friedrich Oehlerking (Freier Journalist und Experte für Einkauf, Logistik und Transport)