12.09.2019

KEP-Konsolidierung auf „letzter Meile“ hat keinen Effekt

Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute auf der Letzten Meile zu einem kommt? Immer mehr, weil es dort eng wird. Die Zustellverkehre parken alles zu. Erhebt sich also die Frage: lässt sich der Engpass durch lokale Konsolidierung der Zusteller beheben? Nein, sagt eine Studie.

KEP-Konsolidierung

Verkehrliche oder logistische Effekte

Positive verkehrliche oder logistische Effekte auf der letzten Meile durch Gebietskonsolidierung von Kurier-, Express- und Paket-Unternehmen (KEP) – wer solche erhofft hat, muss umdenken. Jedenfalls, wenn zutrifft, was die Studie „Quantitative Untersuchung der konsolidierten Zustellung auf der Letzten Meile“ des Bundesverbandes Paket und Express Logistik (früher Bundesverband Internationaler Express- und Kurierdienste e.V., BIEK) jetzt herausgefunden haben will.

Sie geht am Beispiel zweier KEP-Unternehmen in Nürnberg und München der selbstgestellten These nach, dass keine positiven Effekte aus einer Konsolidierung zu erwarten seien, diese stattdessen aber sogar zu zusätzlichen Schwerlastverkehren zwischen den vorhandenen Depots führen würde. Autor der Studie ist Professor Dr.-Ing. Ralf Bogdanski vomLehrstuhl für Nachhaltige Unternehmensführung und Logistik an der Fakultät Betriebswirtschaft der Technischen Hochschule Nürnberg Georg Simon Ohm.

Er ist assoziiertes Mitglied des Forschungsbereiches Urbane Technologien/Intelligente Verkehrsplanung am Nuremberg Campus of Technology (NCT). Dieser nimmt laut eigener Mitteilung mit dem Konzept „Engineering for Smart Cities“ aktuelle Entwicklung des Industriestandortes Nürnberg und der Region auf und knüpft an die von der Metropolregion Nürnberg identifizierten relevanten Kompetenzfelder sowie an Forschungsschwerpunkte von Unternehmen in der Region an.

Schnell wachsender Markt KEP

Die KEP-Industrie ist in Deutschland wie der Online-Handel ein schnell wachsender Markt. Etwa 75 Prozent der deutschen Bevölkerung leben der Studie zufolge derzeit in Städten – mit steigender Tendenz. Der größte Teil der Abholungen und Zustellungen finde auf der Letzten Meile in städtischen Ballungsräumen statt. Damit sei die Stadtlogistik ein kritischer Erfolgsfaktor für die KEP-Dienste. Ihrerseits erbrächten diese aber eine unverzichtbare Grundversorgung für den Endverbraucher und den Einzelhandel. Zusammen mit dem stationären Einzelhandel sorgen sie für eine stetig größer werdende Nachfrage nach KEP-Dienstleistungen. Die Studie hat anhand realer Sendungsdaten eine Gebietskonsolidierung der beiden KEP-Unternehmen in Szenarien quantitativ untersucht.

Geringer Gewinn, Inter-Depot-Verkehre, Zustellerbelastung

Dabei gelangt die Studie u.a. zu folgenden Erkenntnissen:

  • Eine Gebietskonsolidierung reduziert die Zahl der Zustellfahrzeuge in den Szenarien entweder nicht oder um höchstens ein Zustellfahrzeug, d. h. um rund zehn Prozent. Positive verkehrliche Effekte seien damit in den Zustellgebieten kaum spürbar.
  • Die konsolidierten Zustelltouren haben kürzere Stoppdistanzen und Tourenlängen bei nur geringfügig veränderter Auslastung. Infolgedessen sinke teilweise die erforderliche logistische Leistung auf den einzelnen Touren.
  • Die Konsolidierung erfordere Inter-Depot-Verkehre. Dadurch geht der geringe Gewinn an logistischer Leistung selbst bei günstigen Depotlagen ganz oder teilweise verloren. Ungünstige Depotlagen führen zu erheblichen Mehrverkehren.
  • Die eigentliche tourenplanerische Restriktion auf der letzten Meile ist die Arbeitszeit des Zustellers, nicht aber eine Auslastung der Fahrzeuge in Gewicht oder Volumen.
  • Inter-Depot-Verkehre verursachen zusätzliche Schwerlastverkehre und Transportkosten und führen zu Laufzeitverlusten in der Zustellung und Abholung von jeweils einem Tag.
  • Die Wettbewerbsposition beider KEP-Unternehmen verschlechtert sich, insbesondere die des abgebenden KEP-Unternehmens.

Höhere Transportkosten und neue Schwerlastverkehre

Die Studie kommt zu dem Fazit, dass eine Gebietskonsolidierung:

  • die Transportkosten erhöht,
  • Schwerlastverkehre generiert,
  • die Paketlaufzeiten des jeweils abgebenden KEP-Unternehmens verlängert und
  • im Zustellgebiet nur minimale verkehrliche Entlastungen bringt, die durch die Inter-Depot-Verkehre je nach deren geographischer Lage teils erheblich konterkariert werden.

Zudem stellt die zulässige Tourendauer und damit die gesetzlich vorgeschriebene Höchstarbeitszeit des Paketzustellers die eigentliche Restriktion einer Gebietskonsolidierung dar; für eine nachhaltige Stadtlogistik müsste also andere Konzepte her, so die BIEK-Forscher.

Autor: Friedrich Oehlerking (Freier Journalist und Experte für Einkauf, Logistik und Transport)