15.01.2015

Infrastruktur: Just in time über marode Brücken

Wenn jemand die Brücken hinter sich abbricht, ist gemeint, dass derjenige sich abnabelt, den Kontakt abbricht, sich loslöst von allem, was ihm lieb oder auch nicht lieb war. Die Gründe dafür mögen vielfältig und dahingestellt, vielleicht auch nicht nachvollziehbar sein. Nicht selten ist es aber tatsächlich so, dass der Weg nach vorne dadurch einfacher werden kann.

Das ist natürlich nur bildlich gesprochen. In der harten Realität der Logistik sieht die Sache mit den Brücken in Deutschland nämlich manches Mal ganz anders aus. Ihr Zustand ist immer häufiger leider so, dass ein Abbrechen schon vor dem Befahren zu befürchten ist. Das liegt z.B. an den verheerenden Folgen der Flutkatastrophe im Frühsommer 2014. Aber auch fehlende Instandhaltung und eine zurückhaltende Investitionsbereitschaft tragen einen großen Teil zum Zustand der Infrastruktur bei.

Die Zeiten des durchgängigen, unumschränkten Just-in-time scheinen dadurch zunächst einmal vorbei zu sein. Anlass  genug, sich den Kopf darüber zu zerbrechen, wie Warentransporte künftig mit annähernder Aussicht auf Pünktlichkeit abgewickelt werden können. Die Lebenslüge der Lkw-Lobby vom schnellsten und unschlagbaren Transportmittel Lkw wird man einer gründlichen Überprüfung unterziehen müssen.

Ein moderner Supermarkt bietet heutzutage etwa 12.000 bis 15.000 unterschiedliche Artikel an. Die 460 Millionen Verbraucher in Europa betrachten dieses riesige Angebot als völlig normal, denn jegliche Art von Knappheit ist uns Menschen der westlichen Welt von heute fremd. Machen wir uns dies jedoch genügend bewusst? Wissen wir überhaupt noch, welche Abläufe hinter dieser einfachen, offenbar ohne jede Kapazitätseinschränkung möglichen Verfügbarkeit von Produkten in unserer heutigen Gesellschaft stecken?

Kann das immer so weitergehen?

Bei möglichst niedrigen Kosten werden möglichst hohe Erträge erwirtschaftet. Die Produktion und der Transport von Gütern sind so eingerichtet. Wirtschaftliche Gesetzmäßigkeiten haben dafür gesorgt. Kritische Verbraucher legen aber immer mehr Wert auf Nachhaltigkeit. Ihre Produkte sollen unter annehmbaren Bedingungen hergestellt und transportiert werden. Die wenigsten aber machen sich Gedanken darüber, was dafür überhaupt an Infrastruktur alles nötig ist.

Um diesem Anspruch auch in Zuklunft zu genügen, ist ein Anstieg des Güterverkehrs fest mit dem wirtschaftlichen Wachstum verbunden. Aufgrund dieses Trends prognostiziert die EBU (European Barge Union) für 2020 eine Verdoppelung des europäischen Güterverkehrs!

Deutschland ist das wichtigste Hinterland für die ZARA-Nordseehäfen. In ihnen laufen Vorbereitungen auf Hochtouren, die An- und Abtransporte von der Straße auf andere Transportträger zu verlagern – mit wichtigen Signalen für die Verladerschaft im deutschen Hinterland, sich ebenfalls Gedanken darüber zu machen.

Zusätzlich befeuert werden diese Gedanken durch die Hiobsbotschaften über die Straßeninfrastruktur in Deutschland. Marode Brücken, zumal bei den Rheinquerungen vor allem der Straßenverkehre, aber auch in anderen Landesteilen, Baustellen ohne Ende, schlaglochübersäte Straßen nach dem Winter und vor der Hitzewelle im Sommer machen Just-in-time zu einem reinen Vabanquespiel. Experten schlagen angesichts des schlechten Zustands Alarm. Mit gutem Grund, denn der Sanierungsstau gefährdet die Sicherheit der Verkehrsteilnehmer und belastet zugleich die Wirtschaft.

Deutschland verschleißt seine Infrastruktur

Allein im deutschen Fernstraßennetz sind rund 300 Brücken marode. Nicht besser sieht es bei den Eisenbahnbrücken aus. Laut einer Sonderprüfung des Eisenbahnbundesamts war Ende 2012 von 256 überprüften Brücken rund ein Viertel sanierungsbedürftig. Immer mehr Überführungen im Land sind bereits heute nur mit Einschränkungen verkehrstauglich.

Durch die Einbeziehung von Schiff und Bahn konnten unvorhergesehene Störungen im Verkehrsfluss weitgehend ausgeschlossen werden. Die Vorteile:

  • Generierung neuer Frachtraumressourcen
  • zusätzliche Funktion der Verkehrssysteme als Zwischenlager
  • höhere Versorgungssicherheit durch weitgehend ungestörten Verkehrsfluss
  • Optimierung der Umweltbilanz

Bislang war Just-in-time das „In-Wort“ schlechthin. Unternehmen fanden es betriebswirtschaftlich besonders geschickt, ihre Lagerkapazitäten auf die Bundesfernstraßen outzusourcen. Endlosstaus, marode Brücken und schadhafte Straßen belehren sie nun eines Besseren. Just-in-time ist schlicht und ergreifend out of time.

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Autor: Friedrich Oehlerking (Friedrich Oehlerking ist erfahrener Journalist und berät Betriebsräte bei ihrer Pressearbeit.)