15.01.2021

Industrieflächen sollen Parkplatznot von Lkw mildern

Wer zum Nachmittagskaffee noch keinen Parkplatz hat, findet für die Nacht keinen mehr. Die Situation ist für Lkw auf deutschen Autobahnen katastrophal. Außer Lippenbekenntnissen ist bislang wenig geschehen. Doch mehrere Anbieter, darunter die Politik, entwickeln jetzt Lösungen.

Parkplatznot Lkw

3,3 Millionen Lkw – und jeder braucht irgendwann einen Parkplatz

Im vergangenen Jahr gab es fast 3,3 Millionen Lastwagen in Deutschland – im Vergleich zum Vorjahr vier Prozent mehr. Das meldet dpa und beruft sich auf Daten des Kraftfahrt-Bundesamts. Laut Kravag Truck Parking fehlen pro Nacht mehr als 20.000 Parkplätze an den deutschen Autobahnen. Prof. Dirk Engelhardt, Vorstandssprecher des Bundesverbands Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung (BGL), geht sogar von 30.000 bis 35.000 aus. Die vorhandenen Parkplätze seien mit in der Spitze bis zu 290 Prozent deutlich überlastet. Engelhardt: „Die Fahrzeuge stehen dann kreuz und quer.“ Parkplatznot, der nun eine Anwendung von Autoversicherer Kravag zu Leibe rücken will

Parken auf Firmengelände

Ein Ansatz zur Lösung ist, dass Firmen ihre Gelände als Stellfläche anbieten. Das Verkehrsministerium Baden-Württemberg zum Beispiel hat bei einer Umfrage unter Unternehmen und Privatleuten acht mögliche Flächen im Land ausgemacht, die zu Stellplätzen werden könnten. Gemäß einem Gespräch mit dem Bundesverkehrsministerium soll die neue Autobahn GmbH noch im Januar mögliche Pilotprojekte übernehmen. Das Ministerium hatte jüngst Pläne veröffentlicht, wonach es den Bau neuer Lkw-Parkplätze an Autobahnen vor allem durch private Investoren über vier Jahre mit insgesamt 90 Millionen Euro fördern will. Ziel sei ein Förderstart noch im ersten Halbjahr 2021.

Ein Logistik-Versicherer vermittelt Parkmöglichkeiten

Das Modell gibt es bereits. Betriebe bieten ihr Areal anderen Unternehmen an, die ihre Lkw dort nachts abstellen können. Ein junger Anbieter für die Vermittlung ist Kravag Truck Parking, ein Projekt der Wiesbadener R+V Versicherung. Seit Juni können Fahrer oder ihre Arbeitgeber per App Parkplätze reservieren, wie Co-Projektleiter Tim Baumeister gegenüber dpa erklärt. Sieben Euro koste ein Platz. Davon gingen fünf an das Unternehmen, das den Parkplatz anbietet, zwei Euro an Kravag fürs Vermitteln.

Knapp 30 Standorte gebe es schon, über 200 sollen es werden. Noch verbuche man zwar nicht jede Nacht etliche Buchungen, sagte Baumeister, aber der Markt entwickele sich. Dass sich die R+V Versicherung bei dem Thema engagiert, erklärt Baumeister mit der Tochtergesellschaft Kravag. Sie versichere große Teile der Logistikbranche. Hieraus resultierten Know-how und Kontakte.

Zudem habe das Projekt auch für die Versicherung Vorteile. Wenn Fernfahrer planbar wüssten, wo sie parken können, müssten sie nicht stundenlang suchen, gerieten nicht in Stress. Mit ausgeschlafenen Fahrern verringere man das Unfallrisiko, argumentiert Baumeister in Bezug etwa auf Auffahrunfälle an Stau-Enden.

Bosch-Netzwerk mit 50 Lkw-Plätzen

Ein anderer Anbieter ist Bosch Secure Truck Parking mit einem Netzwerk aus rund 50 Lkw-Plätzen in Deutschland, Österreich, Belgien, Frankreich, Luxemburg und den Niederlanden.

„Die nächsten Markteintritte werden in Ost- und Südeuropa stattfinden“, zitiert dpa eine Sprecherin.
Parkareale in guter Lage nahe der Autobahn und stark frequentierten Gebieten hätten eine hohe Auslastung. Hier lege der Grundstückseigentümer den Preis fest. In Deutschland reiche der Tagessatz von 5 bis zu 30 Euro bei Hochsicherheitsarealen. Bosch Service Solutions biete den Firmen an, die Gelände mit Sicherheitstechnik wie Schranke, Umzäunung und Videoüberwachung samt virtuellen Wächterrundgängen auszurüsten.

Kein Parkplatz ohne Sanitäranlage

Beide Anbieter stellten dabei sicher, dass zum Beispiel Sanitäranlagen vorhanden sind. Auch ein Einzelhandelsgeschäft soll in erreichbarer Nähe oder ein Lieferservice verfügbar sein, sagt Baumeister von Kravag. Lkw-Fahrer seien dann nicht auf Selbstversorgung mit dem Gaskocher angewiesen. Das ist aus Sicht des BGL wichtig, um den Beruf des Fernfahrers attraktiv zu halten. In Deutschland fehlten um die 16.000 Fahrer, so Engelhardt. Probleme gebe es auch in Polen, Rumänien und Bulgarien.

Engelhardt: „Wenn sich nichts ändert, steuern wir auf einen Verkehrskollaps zu.“
Der BGL unterstütze daher Kravag Truck Parking.

Betriebsgelände kostengünstiger als neue Parkplätze

Neue Stellplätze zu errichten, kostet laut BGL-Experte Engelhardt im Schnitt 50.000 bis 60.000 Euro. Ein vorhandenes Betriebsgelände aufzurüsten sei mit rund 21.000 Euro deutlich günstiger. Das Ganze sei auch vor dem Hintergrund wichtig, dass die Bahn derzeit gar nicht in der Lage sei, alle Güter zu transportieren – was sich angesichts des Kaufverhaltens der Menschen auch nicht alsbald ändern werde.

Kritik von Speditionsseite

Kaum begeistert klingt auch der Verband Spedition und Logistik Baden-Württemberg. Manche mögliche Flächen lägen abseits stark genutzter Routen, erklärte Geschäftsführer Andrea Marongiu. Auch die Idee, auf bestehenden Speditionshöfen Parkplätze zu schaffen nach der Idee „Airbnb für Lkw-Parkplätze“ stößt bei den Betreibern aus Sicherheits- und hygienischen Gründen auf wenig Gegenliebe. Gut laufe es nahezu nirgends in der Republik – mit Ausnahmen des Nordosten und Nordwesten, Regionen außerhalb der Hauptrouten. Schwierig sei die Situation besonders in Bayern, Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen und Hessen.

Autor: Friedrich Oehlerking (Freier Journalist und Experte für Einkauf, Logistik und Transport)