20.01.2022

Hamburger Hafen testet Netzwerk der Netzwerke

Digitalisierung in den Transportprozessen. Wer daran beteiligt ist, greift online auf Serviceangebote zurück. Bislang ist das mit Arbeitsaufwand für die Beteiligten verbunden. Der Bund startet dafür im Hamburger Hafen ein Pilotprojekt. Auch Drohnen sollen künftig dort die Logistik unterstützen.

Hamburger Hafen

Dakosy erstellt Infrastruktur

Knapp 15 Millionen Euro will der Bund in die Verschlankung der Datenkommunikation in und am Hamburger Hafen stecken. Das Bundesministerium für Digitales und Verkehr (BMDV) will damit die Errichtung eines digitalen Testfelds dort mit fördern. Das Projekt heißt „Santana“ für Services and Data Network Port of Hamburg) der Hamburg Port Authority (HPA) und soll über 30 Monate laufen. Den Auftrag zu seiner Errichtung konnte sich die Dakosy Datenkommunikationssystem AG sichern. Im Mittelpunkt von Santana steht der Aufbau einer digitalen Infrastruktur zur besseren Vernetzung von privatwirtschaftlich organisierter Logistik und öffentlicher Infrastruktur- und Verkehrsmanagement.

Netzwerk der Netzwerke

In dem künftigen gemeinsamen „Netzwerk der Netzwerke“ (Pressemitteilung Dakosy) sollen digitale Serviceangebote über einen gemeinsamen Markplatz für die an den Transportprozessen beteiligten Akteure in Hafen und Hinterland leichter zugänglich werden. In der Förderung durch den Bund sieht Michael Westhagemann, Senator für Wirtschaft und Innovation der Hansestadt, einmal mehr die nationale Bedeutung des Hamburger Hafens. Es sei wichtig, bisher nicht erschlossene Potenziale in der Vernetzung multimodaler Transport- und Logistikketten zu heben und dabei die Schaffung volkswirtschaftlichen Nutzens mit der Verringerung von Emissionen zu verbinden.

HHLA, Eurogate und HVCC mit im Boot

Als assoziierte Partner sind die Hamburger Hafen und Logistik AG (HHLA), Terminalbetreiber Eurogate und das Hamburg Vessel Coordination Center (HVCC) beteiligt. Gemeinsam mit ihnen sollen die Verbundpartner HPA und Dakosy in diesem Projekt insgesamt sechs Maßnahmen umsetzen zur Verbesserung der Ablaufsteuerung

  • zu Wasser, auf der Straße und
  • auf der Schiene.

Unter anderem ist die Verkehrsoptimierung auf dem Straßennetz im Hafen durch quanten-inspirierte Technologie zur Echtzeitsteuerung des Ampelnetzes geplant.

„Durch die Verbindung von logistischen Daten mit Informationen aus dem Infrastruktursektor erreichen wir einen Quantensprung an digitaler Transparenz. Dies wird die Prozesse im Hafen und Hinterland weiter beschleunigen“, konstatiert Dieter Spark, Vorstand der Dakosy.

„Die offene Testfeldarchitektur wird über geplante Living Labs ein Umfeld mit einfachem Zugang für künftige Innovationen aus Wirtschaft und Wissenschaft anbieten. SANTANA bildet somit die Grundlage für die Entwicklung digitaler Service- und Produktinnovationen, die Erprobung unter Realbedingungen und die Integration in den Hafenbetrieb“, sagt Jens Meier, CEO der HPA.

Hafenmanagement aus einer Hand

Die HPA betreibt seit 2005 ein zukunftsorientiertes Hafenmanagement aus einer Hand. Das Unternehmen ist verantwortlich für ressourcenschonende Planung und Durchführung von Infrastrukturmaßnahmen im Hafen und sieht sich als Ansprechpartner für Fragen:

  • der wasser- und landseitigen Infrastruktur,
  • der Sicherheit und Leichtigkeit des Schiffsverkehrs,
  • der Hafenbahnanlagen,
  • des Immobilienmanagements und
  • der wirtschaftlichen Bedingungen im Hafen.

Dazu stellt es Flächen bereit und übernimmt die hoheitlichen Aufgaben und hafenwirtschaftlichen Dienstleistungen. Das Unternehmen vermarktet spezielles, hafenspezifisches Fachwissen und nimmt zudem die hamburgischen Hafeninteressen auf nationaler und internationaler Ebene wahr.

Software für Logistiker

Die Firma Dakosy sieht sich als eines der führenden Softwarehäuser für Logistik. Sie bietet seit nahezu 40 Jahren digitale Lösungen für die internationale Speditions- und Zollabwicklung sowie das Supply Chain Management an. Darüber hinaus betreibt das Unternehmen das Port Community System (PCS) für den Hamburger Hafen sowie das Cargo Community System (FAIR@Link) für die Flughäfen Frankfurt und Hamburg. In Export- und Importprozesse eingebundene Unternehmen und Behörden profitieren den Angaben zufolge von der Nutzung der digitalen Plattformen für ihre Transportprozesse.

Technologie-Partnerschaft HHLA Sky und HPA

HHLA Sky, eine Tochtergesellschaft der Hamburger Hafen und Logistik AG, und die HPA wollen überdies den Einsatz automatisierter Drohnen im Gebiet des Hamburger Hafens ermöglichen. Dazu haben sie eine umfassende Technologie-Partnerschaft vereinbart. Vom Einsatz dieser Technologie erhoffen sich die Verantwortlichen vielversprechende Lösungen bei logistischen, sensorischen oder koordinativen Prozessen.

HHLA Sky hat einen Leitstand entwickelt und weltweit in den Markt eingeführt unter anderem zur Steuerung und Überwachung der Drohnen. Die verschiedenen HPA-Anwendungen werden darüber im Rahmen der Technologie-Partnerschaft vernetzt. Dies soll bisher aufwendige Abläufe verschlanken und den Betrieb von Geräten effizienter gestalten.

Meier: „Wenn sich Sturmfluten, Unfälle oder an-dere unvorhergesehen Störfälle ereignen, sind fliegende, schwimmende oder selbstfahrende Roboter deutlich schneller vor Ort, um hochauflösendes Video- und Fotomaterial für ein genaues Lagebild zu geben. Dieser Zeitgewinn kann im Notfall entscheidend sein. Zudem machen sie die Wartung und den Ausbau der Hafeninfrastruktur deutlich effizienter zum Beispiel bei Anlagen, die nur sehr schwer und mit hohem zeitlichem Aufwand oder unter Gefahren zu erreichen sind.“

Lars Neumann, Direktor Logistik der HHLA: „Die HHLA Sky steht exemplarisch für die gezielte Wachstums- und Innovationsstrategie der HHLA. Auf Basis unserer starken Position sind wir Treiber nachhaltiger Innovationen in der Logistik der Zukunft.“

 

Dienstleistung Drone-as-a-Service

Die nächste Phase der Produktentwicklung für die neue Dienstleistung Drone-as-a-Service gehe mit dieser Partnerschaft auf die Reise, so Phanthian Zuesongdham, Head of Division Port Process Solution bei der HPA. „Mit unserer Lösung werden alle verbundenen Prozesse sicher und nachvollziehbar abgebildet und gesteuert“, erklärt Matthias Gronstedt, Geschäftsführer der HHLA Sky. Außerdem könne die HPA durch mobile und teleoperierte Sensorik unterschiedliche Daten erheben, deren Analyse dabei helfe, Ressourcen besser einzusetzen.

Hamburger Hafen-Start-up HHLA Sky

HHLA Sky, gegründet als Start-up der Hamburger Hafen und Logistik AG (HHLA), automatisiert damit den weltweiten industriellen Einsatz von autonomen Fluggeräten und Fahrzeugen. Der integrierte Leitstand von HHLA Sky bildet mit autonomen Fluggeräten oder Fahrzeugen eine logische Einheit. Die modular aufgebaute Industrie IoT- Software Plattform weist folgende Leistungsmerkmale auf:

  • Automation,
  • Standardisierung,
  • Betriebs- und Cybersicherheit
  • Skalierbarkeit
  • Integrationsfähigkeit in ERP- und Workflow-Managementsysteme.

Mit der Technologie könne man mehr als 100 unbemannte Flugsysteme und Fahrzeuge steuern, heißt es dazu seitens HHLA Sky.

Mühsame Befreiung aus Corona

Der Hamburger Hafen arbeitet sich nur mühsam aus dem Corona-Tal. Zwar blieb der größte deutsche Seehafen im Sommer auf Wachstumskurs. Er konnte sich allerdings von den pandemiebedingten Rückgang des vorigen Jahres immer noch nicht vollständig aufholen, wie „finanztreff.de“ unter Berufung auf die Marketingorganisation des Hafens berichtet. Dementsprechend bleibe es für das Gesamtjahr 2021 bei der Prognose von einem Umschlagergebnis von rund 130 Millionen Tonnen und 8,7 Millionen Standardcontainern (TEU). Im Pandemiejahr 2020 waren es den Angaben zufolge 8,5 Millionen TEU, deutlich weniger als 2019 mit damals noch 9,3 Millionen TEU.

Containerumschlag unter wachsendem Wettbewerbsdruck

Hamburg steht laut der Finanzplattform im Containerumschlag unter wachsendem Wettbewerbsdruck der großen Nordsee-Konkurrenten Rotterdam und Antwerpen. Die hätten im bisherigen Jahresverlauf stärker zulegen können als die europäische Nummer drei an der Elbe. Vor diesem Hintergrund werde seit einiger Zeit über die Zusammenlegung des Containerumschlags in Hamburg, Bremerhaven und Wilhelmshaven verhandelt. Dahinter stehe die Hoffnung, dass die deutschen Häfen gegen die Konkurrenz mit gebündelten Kräften besser bestehen können.

In den ersten neun Monaten 2021 erreichte der Hafen mit 95,8 Millionen Tonnen beim Seegüterumschlag ein Plus von 2,9 Prozent. Dabei habe der Massengutumschlag mit einem Plus von 6,1 Prozent auf 29,7 Millionen Tonnen besonders stark zugelegt. An den vier Hamburger Containerterminals wurden demnach insgesamt 6,5 Millionen Transportboxen über die Kaikanten gehievt, 2,4 Prozent mehr als ein Jahr zuvor.

Mittelstand will gemeinsames Hafen-Konzept

Der Mittelstand macht sich seit längerem im Interesse der deutschen Wirtschaft für eine weitgehende Kooperation der Nordseehäfen Hamburg und Bremen stark. „Aus Gesprächen unserer Experten mit Mittelständlern vor Ort wissen wir, dass es einen weitgehenden Konsens über den Handlungsbedarf in den deutschen Häfen gibt“, sagte der Bundesgeschäftsführer des Bundesverbandes mittelständische Wirtschaft, Markus Jerger, der dpa. Auch die Länder sprächen sich immer deutlicher für eine engere Zusammenarbeit der Häfen aus. „Die Summe der Maßnahmen in der bisherigen Hafenplanung reicht aus heutiger Sicht jedoch nicht mehr aus und scheint zur prekären Situation der Häfen beizutragen,“ so Jerger.

Jerger wies darauf hin, dass die neuen Berliner Regierungsparteien SPD, Grüne und FDP in ihrem Koalitionsvertrag vereinbart hätten, eine „Nationale Hafenstrategie“ zu entwickeln und die enge Zusammenarbeit der deutschen Häfen zu fördern. „Der Bund steht zur gemeinsamen Verantwortung für die notwendigen Hafeninfrastrukturen“, zitiert „finanztreff.de“ aus dem 177 Seiten starken Vertrag. Demnach soll unter anderem der Anteil der Schifffahrt im Güterverkehr gestärkt werden. Zudem sollen Hinterlandanbindungen verbessert werden.

Autor*in: Friedrich Oehlerking (Freier Journalist und Experte für Einkauf, Logistik und Transport)