07.03.2019

Großauftrag der Deutschen Bahn geht nach Spanien

ICEs, die nicht fahren – bei der Deutschen Bahn hat man offenbar genug von Zügen made in Germany. Für die neuen Fernverkehrszüge hat man sich anderweitig orientiert – dieses Mal geht ein Großauftrag der Deutschen Bahn nach Spanien. Der dortige Zugbauer Talgo soll 100 neue Euro-City-Züge liefern.

Das spanische Unternehmen Talgo hat einen Großauftrag der Deutschen Bahn erhalten und soll bis zu 100 neue Euro-City-Züge liefern.

Zwei Jahre europaweite Ausschreibung

Zwei Jahre dauerte das europaweite Vergabeverfahren. Jetzt ging der Großauftrag der Deutschen Bahn an den spanischen Herstellerkonzern Talgo. Laut „Handelsblatt“ umfasst der Auftrag einen Wert von 550 Millionen Euro für bis zu 100 Euro-City-Züge inklusive Lokomotiven – und die erste Tranche 23 Fernverkehrszüge.

Bekannt ist der spanische Zugbauer mit Sitz in Madrid durch seine Höchstgeschwindigkeitszüge, die vorne und hinten in Schnabelform enden. Das soll Energie sparen helfen. Hochgeschwindigkeitszüge von Talgo fahren zum Beispiel in der Wüste von Saudi-Arabien auf der Strecke zwischen Mekka und Medina.

Medienberichten zufolge waren auch Siemens und Bombardier an dem Auftrag der Deutschen Bahn interessiert.

Talgo-Züge ab 2023 auf grenzüberschreitenden Strecken

Den Betrieb für die ersten Fernzüge mit einer Höchstgeschwindigkeit von 230 Stundenkilometern plant die Bahn für 2023. Die neuen Züge sollen dann insbesondere auf grenzüberschreitenden Strecken zum Einsatz kommen, unter anderem von Berlin nach Amsterdam und von Hamburg in die Schweiz.

Dies ist bereits der zweite Lieferauftrag der Deutschen Bahn an Talgo. Von 1994 bis 2009 belieferte Talgo den deutschen Konzern mit mehreren Schlafwagenzügen. Darüber hinaus verbinden Talgo-Züge seit 2016 Berlin mit Moskau über Polen und Weißrussland. Für den Wechsel zwischen der europäischen Normalspur (1.435 mm) und der russischen Breitspur (1.520 mm) nutzen die Züge ihre automatischen Spurwechselsysteme. Außerdem verfügen sie über eine passive Neigetechnik zur schnelleren Fahrt in Kurven. Inzwischen hat Talgo auch Fahrzeuge in verschiedene europäische Länder, in die USA, nach Kasachstan und Usbekistan verkauft.

In Deutschland übliche Konfiguration

Wie Talgo in einer Pressemitteilung schreibt, sollen die Züge eine in Deutschland übliche Konfiguration haben:

  • eine von Talgo entwickelte Lokomotive und
  • einen Wagenzug, an dessen Ende ein Steuerwagen eingereiht ist. Letzterer ermöglicht es, in beide Richtungen zu fahren.

Die Bahn will die Talgo-Züge auf nationalen und internationalen Fernverkehrsstrecken einsetzen. Talgo verfügt eigenen Angaben zufolge über umfangreiche Erfahrung in der Produktion von konventionellem Rollmaterial für den Regional- und Fernverkehr.

Das spanische Unternehmen reklamiert für sich eine Erfolgsbilanz bei der pünktlichen Lieferung an seine Kunden sowie Zuverlässigkeit und Qualität seines Rollmaterials. Ein großer Teil der Tätigkeit des Unternehmens konzentriert sich auf Instandhaltungsdienstleistungen. Hieraus schöpft der Hersteller eine tiefe Kenntnis des gesamten Lebenszyklus‘ seiner Produkte im Detail und die Möglichkeit, das gesamte in jeder neuen Zuggeneration erworbene Wissen umzusetzen.

Talgo Hauptlieferant der spanischen Staatsbahn Renfe

„Der Vertrag mit der Deutschen Bahn ist ohne Zweifel eine gute Nachricht für den gesamten Zugsektor in Spanien“,

zitiert das „Handelsblatt“ Pedro Fortea, Generaldirektor des spanischen Eisenbahnverbands Mafex. Der deutsche Markt sei sehr anspruchsvoll und habe hohe Standards in Bezug auf Qualität oder Technologie.

Großauftrag der Deutschen Bahn an Talgo: Mehr über das spanische Unternehmen

Talgo wurde 1942 von dem Unternehmer José Luis Oriol und dem Ingenieur Alejandro Goicoechea gegründet. Früher stellte das Unternehmen vor allem für die spanische Staatsbahn Renfe her und ist Marktführer in Spanien.

Im Jahr 2002 übernahm Carlos de Palacio Oriol, Enkel des Gründers, die Leitung des Unternehmens. Nach dem Jurastudium arbeitete er zwei Jahrzehnte lang bei der Europäischen Union als erster spanischer EU-Beamter. Er entwickelte sich zum Experten für Institutionen, Wettbewerbs- und Agrarpolitik sowie Außenbeziehungen. 1997 trat er in den Verwaltungsrat von Talgo ein.

Kleiner Fisch, große Beute

Seit 2015 ist der Konzern an der Börse notiert. Vor Bekanntgabe des Großauftrags der Deutschen Bahn wurde Talgo dort mit 730 Millionen Euro bewertet. Danach schoss der Aktienkurs um sechs Prozent in die Höhe. Die Familie hält noch elf Prozent der Anteile; 40 Prozent sind im freien Handel, den Rest halten Private-Equity-Fonds und eine Versicherung. Das Auftragsvolumen lag im dritten Quartal 2018 bei 2,7 Milliarden Euro.

Gemessen an den Branchengrößen wie Alstom, Bombardier oder Siemens bezeichnet das „Handelsblatt“ die Spanier mit einem Umsatz von 384 Millionen Euro im Jahr 2017 als „kleinen Fisch“ – und im Vergleich zu Weltmarktführer CRRC aus China schon gar. Der kommt mit Bahntechnik auf einen Umsatz von 18 Milliarden Euro Umsatz.

Autor: Friedrich Oehlerking (Freier Journalist und Experte für Einkauf, Logistik und Transport)