26.10.2022

Größter Schiffslift Deutschlands eröffnet

Es wirkt wie aus der Zeit gefallen: nahe einem kleinen Ort in Brandenburg stehen zwei Schiffshebewerke, eines 88 Jahre alt, das andere knapp vier Wochen. Letzteres ist mit 53 m Höhe der größte und über einer Milliarde Euro Baukosten der teuerste Schiffslift Deutschlands.

Größter Schiffslift

BER des Schiffsverkehrs

Der alte Lift ist laut der „Berliner Zeitung“ das bundesweit allererste Objekt, das 2007 mit dem Titel „Historisches Wahrzeichen der Ingenieurbaukunst in Deutschland“ ausgezeichnet wurde. Der Neubau ist demnach 53 Meter hoch und ein Bauwerk der Superlative, im positiven wie im negativen Sinne:

  • Es ist das größte seiner Art in Deutschland.
  • Es ist hier das modernste seiner Art.
  • Die Technik ist das direkte Vorbild für den größten, doppelt so hohen Schiffslift der Welt am Drei-Schluchten-Damm in China.

Negativ vermerkt die Zeitung:

  • der Neubau wurde acht Jahre zu spät fertig.
  • Er ist mit Baukosten von 520 Millionen Euro fast 200 Millionen Euro teurer als ursprünglich geplant.
  • Wegen der Probleme wird das Projekt auch „BER des Schiffsverkehrs“ genannt.

Keine Statements vor der Eröffnung am 04.10.2022

Die Zuständigen durften vor Eröffnung am 04.10.2022 keine Statements abgeben. Von früheren Terminen vor Ort zitiert die Zeitung eine lange Liste von Gründen für die Verspätung:

  • Jedes Schiffshebewerk ist ein Unikum, es gibt quasi keine vorgefertigten Teile auf dem Markt.
  • Hinzu kam eine große Stahlkrise, die das Material während der Bauzeit deutlich verteuert habe.
  • Schließlich habe China den Markt leer gekauft. Andere Preise seien ebenfalls massiv gestiegen.
  • Beim Kauf von Spezialmaschinen ging nicht alles glatt.
  • Einen Winter lang war es so kalt, dass die Arbeiten ruhen mussten.
  • In der Pandemie kamen mit Zusammenbruch von Lieferketten viele wichtige Bauteile nicht rechtzeitig.
  • Massiver Fachkräftemangel in der Baubranche. Inzwischen fehlen nicht nur Ingenieure, sondern auch einfache Arbeiter. Vor Ort heißt es: Da das alte Hebewerk noch funktioniert, habe man lieber auf Sicherheit und Qualität gesetzt als auf Schnelligkeit.

Zwei imposante Bauten in der Landschaft

Die beiden imposanten Bauten prägen diese Landschaft extrem:

  • groß,
  • mächtig,
  • trotzdem nicht plump.

Die Schiffshebewerke stehen am Finowkanal, eine künstliche Wasserstraße, die ab 1609 gebaut wurde. An seinen Ufern soll, so erzählt man es sich seit Alters her in und um Niederfinow, in den Mittsommernächten das Gespenst der Weißen Frau umgegangen sein, die den Fischern die ausgeworfenen Netze haben sollen. Jungfrauen, märkische Schwestern der Loreley, hätten im Mondlicht am Ufer des heute über 400 Jahre alten Finow-Kanals gesessen und einsame Wanderer zu bezirzen versucht.

Auf der Strecke stellt sich der Schifffahrt ein geographisches Hindernis in den Weg: ein Höhenzug. Früher halfen den Schiffen zwölf Schleusen den Hügel hinauf. Das dauerte viele Stunden. Mit dem ersten Schiffslift dauerte diese Überquerung nur noch fünf Minuten.

Die Wasserstraße entwickelte sich zu einer Hauptlebensader des Berliner Handels. 1914 ging der heutige Oder-Havel-Kanal zwischen dem Ostseehafen Stettin und der Hauptstadt in Betrieb. Das Schiffshebewerk Niederfinow bei Eberswalde wurde am 21. März 1934 in Betrieb genommen. Diese mit einem 84 Meter langen wassergefüllten Trog bestückte Großmaschine ermöglicht bis zu 1250 Tonnen schweren Schiffen das Überwinden einer 37 Meter hohen geologischen Vertikalverschiebung und das in weniger als einer halben Stunde. Der einzigartige Elevator, ein Bindeglied der Wasserstraßen Oder, Havel und Elbe, ist heute das älteste noch funktionierende deutsche Hebewerk für Schiffe.

Das Prinzip des Schiffshebewerkes:

  • Ein Schiff kommt voll beladen von der Ostsee,
  • fährt unten in den riesigen, mit Wasser gefüllten Trog des Hebewerks hinein.
  • Der Trog wird geschlossen und wie die Kabine eines Fahrstuhls 36 Meter in die Höhe gehoben.
  • Oben öffnet sich der Trog, das Schiff fährt hinaus und setzt auf dem Kanal seine Fahrt Richtung Berlin fort.

Jedes Jahr überwinden den Hügel so laut dem Zeitungsbericht:

  • etwa 1500 Frachtschiffe
  • 2500 Sportboote
  • 250 Fahrgastschiffe

Der Trog behält auch mit einem eingelaufenen Lastkahn sein Gewicht von 4290 Tonnen, weil das verdrängte Wasser dem Schiffsgewicht entspricht. Bei der Abwärtsfahrt werden die 192 Betongegengewichte und ihre Aufhängungen nicht leichter, weil die auf den oberen Seilscheiben bereits hinweg gelaufenen 192 Drahtseile mit ihrer enormen Eigenlast nun das Troggewicht doch vergrößern müssten. Die Erbauer, eine deutsche Firmengemeinschaft, haben zu diesem Zweck an den Gegengewichten wiederum Seilausgleichketten angebracht, die alles im Gleichgewicht halten, so dass die Trogbewegung relativ wenig Energie benötigt.

Wieso zwei Schiffshebewerke jetzt?

Dass es nun gleich zwei dieser imposanten Bauten gibt, dafür führt der Bericht folgende Gründe an:

  • Das alte Hebewerk hätte in absehbarer Zeit schließen müssen. Deshalb war ein Ersatzneubau nötig.
  • Der Ostsee-Havel-Kanal ist für Schiffe die einzige Hinterlandanbindung eines Ostseehafens an das Netz der Binnenwasserstraßen in ganz Westeuropa mit insgesamt 12.000 Kilometer Länge.

Vor seiner Eröffnung unterzogen die Bauherren das neue Hebewerk bereits hunderten Tests, bevor als erstes offizielles Schiff der Eisbrecher „Frankfurt“ in die Höhe ging. Das Schiffshebewerk ist täglich 16 Stunden in Betrieb (06:00 Uhr bis 22:00 Uhr). Die Trogfahrten für die Schifffahrt werden nach Erfordernis durchgeführt. Besonders für die Infos zu den Öffnungszeiten vom Schiffshebewerk Niederfinow übernimmt die Leitung des Hebewerks keine Garantie. Infos zum Neubau:

  • Grundsteinlegung am 23.03.2009
  • Länge: 115 m
  • Breite: 11,45 m
  • Durchfahrtshöhe: 5,25 m
  • Höhe: 55m
  • Mehr als 250.000 Menschen schauen sich jedes Jahr diese ungewöhnliche Konstruktion an.
  • Pläne, das Hebewerk um die um Aufnahme als Weltkulturerbe bemühen zu lassen, sind in der Diskussion.

Schiffshebewerk und Tourismusmagnet

Über die Auslastung der beiden Schiffshebewerke wird die künftige wirtschaftliche Entwicklung zwischen Ostsee, Havel und darüber hinaus entscheiden. Sicher dürfte bereits der Erfolg für die Region schon jetzt sein. Niederfinow wird, davon gehen die Beobachter vor Ort aus, mit dem zweiten Lift noch mehr zum Tourismusmagneten. Schon das alte Hebewerk zog jedes Jahr 150.000 Besucher in die Nähe von Eberswalde. Nun könnten die Technikfans aus der gesamten Bundesrepublik nicht nur das Baudenkmal bewundern, sondern gleich zwei beeindruckende Ingenieurbauten – die touristische Attraktion im Landkreis Barnim.

Es kommen aber auch Ausflügler, denen die Technik nicht so wichtig ist. Denn die hohen Bauwerke bieten einen phänomenalen Ausblick. Die Leute steigen hoch zur Aussichtsplattform, um über die Weiten des Odertals zu schauen bis nach Polen. Der alte Bau gilt zudem als Wunderwerk aus Stahlstreben, für das doppelt so viel Stahl verbaut wurde wie am Pariser Eiffelturm. Der Neubau ist zwar aus Beton, sei aber doch elegant.

Schiffshebewerk Lüneburg in Scharnebeck

Das Schiffshebewerk Lüneburg in Scharnebeck arbeitet als Doppelhebewerk. Beide Tröge des Schiffshebewerkes arbeiten unabhängig voneinander und überwinden einen Höhenunterschied von 38 m. Jedem Trog sind vier Führungstürme zugeordnet. Durch die wannenartigen Öffnungen in diesen Türmen ist das gegenläufige Auf und Ab vom Trog und den Gegengewichten zu erkennen. Das Gewicht eines wassergefüllten Troges mit 100 m nutzbarer Länge, 11,80 m Breite und 3,40 m Wassertiefe beträgt mit oder ohne Schiff immer 6000 t, da die Schiffe beim Ein- und Ausfahren so viel Wasser aus dem Trog verdrängen wie sie selber wiegen.

Im Bereich der Türme liegen die Tröge auf Stützrahmen auf. Jeden Trog halten hier 240, je 54 Millimeter dicke Stahlseile, im obersten Stockwerk der Türme über Seilscheiben geführt und an einem Seilende mit dem Stützrahmen, am anderen Ende mit den Gegengewichten verbunden. Sie bestehen aus 224 Schwerbetonscheiben mit jeweils rd. 26,7 Tonnen Einzelgewicht.

Für den Antrieb sorgen in Scharnebeck je Trog 4 Drehstrommotoren mit je 160 kW, die eine Hubhöhe von bis zu 38 m in ca. 3 Minuten überwinden. Die Tröge bieten Platz für Schiffe bis zu einer Länge von 100 m, da beginnt das erste Problem. Moderne Fracht – oder Tankschiffe sind 110 m lang und Schubverbände 185 m. Für diese Schiffe reichen die Tröge mit einer Nutzlänge von 100 m nicht mehr aus. Ein neues Abstiegsbauwerk neben dem Hebewerk befindet sich bereits in der Planung.

Schiffshebewerk Henrichenburg

Das Schiffshebewerk Henrichenburg war ein Schlüsselbauwerk des Dortmund-Ems-Kanals. Erst seine Fertigstellung erlaubte die Befahrung des Kanals bis zum Dortmunder Hafen. Dieses Hebewerk ist das größte und spektakulärste Bauwerk am Dortmund-Ems-Kanal. Hoch über diesem prangt seit 120 Jahren der preußische Adler an den imposanten Türmen des Schiffshebewerks Henrichenburg in Waltrop. Bis heute hat der stählerne Aufzug für Schiffe nichts von seiner Faszination eingebüßt. Er wurde gebaut, um eine 14 Meter hohe Kanalstufe zu überwinden. Über 60 Jahre lang war die Anlage in Betrieb. Heute ist das Wahrzeichen ein beliebtes Ausflugsziel mit Wasserspielplatz und Schiffstouren. Es bietet vielfältige Möglichkeiten, das Leben und die Arbeit am Wasser zu erkunden.

Mit dem Entschluss zum Bau des neuartigen Schiffshebewerks hatte Preußen ein weithin sichtbares Zeichen gesetzt. Die Eisenbahn hatte den Massengut-Transport zu und von den Seehäfen nur mit großen Schwierigkeiten bewältigen können. Um den Aufschwung der Montan-Industrie im Ruhrgebiet zu unterstützen, sollte ein zweites leistungsstarkes Transport-System aufgebaut werden: eine inländische  Binnenschifffahrt. Ein Mittellandkanal sollte Oder, Elbe, Weser, Ems und Rhein verbinden. Dabei trafen viele gegensätzliche Interessen aufeinander. Die ostelbischen Junker als die konservativen Vertreter der Landwirtschaft lehnten die Pläne genauso ab wie die Vertreter der Schwerindustrien im Saarland und in Schlesien. Um den Widerständen aus dem Weg zu gehen, konzentrierte sich die preußische Regierung auf die Verwirklichung eines ersten Teilstücks, auf den Bau des Dortmund-Ems-Kanals: Kohle Kurs Emden, Erz für die Montan-Region Dortmund. Auch die von Fachleuten als zu eng kritisierte Begrenzung der Schiffsgrößen (67 m Länge, 8,20m Breite, 2 m Tiefgang) war ein Zugeständnis an die Gegner der Pläne.

Autor*in: Friedrich Oehlerking (Freier Journalist und Experte für Einkauf, Logistik und Transport)