24.05.2016

Grenzkontrollen: Rückkehr der Plombe

Grenzkontrollen: Das Gespenst geschlossener Grenzen treibt auch die Logistikbranche um. Sie warnt vor geschlossenen Grenzen. Wissenschaftler präzisieren: nicht ohne funktionierende Außengrenzen, sonst keine liberale Wirtschaft. Die gute alte Plombe könnte fröhliche Urstände feiern.

Grenzkontrollen

Auswirkungen von Grenzkontrollen auf den deutschen Güterverkehr

Die Flüchtlingsproblematik macht auch vor den Lieferketten nicht halt. Von einer Schließung der Grenzen nach Süd- und Osteuropa befürchtet der Bundesverband Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik e.V. (BME) erhebliche Auswirkungen auf den deutschen Güterverkehr.

Aktuellen Mautstatistiken zufolge passieren jährlich mindestens 40 Millionen Transportfahrzeuge die Grenzen der Bundesrepublik. Die Aufkündigung des Schengener Abkommens würde die Transportkosten in die Höhe treiben und Just-in-time- Lieferungen massiv erschweren. Der BME hat deshalb mögliche Szenarien durchgespielt und versucht, Lösungswege aufzuzeigen.

Wartezeiten werden länger

Bisher kommt es durch sporadische Kontrollen, z.B. an der österreichischen Grenze, nur zu geringen Wartezeiten. Hier sind vor allem kleinere Lieferfahrzeuge betroffen. Sie könnten als potenzielle Schleuserfahrzeuge genutzt werden. Bislang haben Spediteure und Verlader die Auswirkungen im Griff: Kurze Verzögerungen verteuern zwar bereits den
Transport, seien aber für die Supply Chains gut zu beherrschen, so Gunnar Gburek, Leiter der BME-Sektion Logistik. Ohnehin würden Puffer für die Verkehrslage in die Transportzeit eingeplant.

Mit der Dauer der Verzögerungen würden die Folgekosten aber exponentiell ansteigen. Aus wenigen Stunden wird dann schnell ein halber Tag oder mehr. Beim kombinierten Verkehr oder auf längeren Strecken, etwa in die Türkei, seien die Transporte mittlerweile streng durchgetaktet. Mehrkosten befürchtet der BME beim Handling der Kontrollen.
Das Ausmaß der logistischen Beeinträchtigungen sei deswegen nach heutigem Stand nicht absehbar.

Trennung zwischen Waren- und Personenkontrollen

Der BME-Logistikexperte fordert bei etwaigen Kontrollen eine klare Trennung zwischen Waren- und Personenkontrollen. Im Regelfall sollte seiner Meinung nach für Kontrolleure der Zutritt zum Laderaum tabu
sein. Ladung müsse am Ursprungsort durch zugelassene Wirtschaftsbeteiligte (Authorized Economic Operator, kurz AEO) verladen und im weiteren Verlauf zuverlässig vor Zugriffen geschützt werden. Dann sollte ein schneller Blick in die Kabine und in die Papiere des Fahrers ausreichen, so Gburek.

Eines scheint indes sicher zu sein: Ohne Grenzkontrollen wird es nicht gehen, sollen nicht das gesamte Wirtschaftsmodell des freien liberalen Markts gefährdet und die damit entstehenden Kosten riskiert werden. Prof. Hans-Werner Sinn, ehemaliger Präsident des Münchner ifo-Instituts in einem Vortrag am 1. März 2016: „Eine Marktwirtschaft kann nur funktionieren, wenn wohldefinierte Eigentumsrechte an Erstausstattungen vorhanden sind.“ Ohne Eigentumsrechte bekäme man eine Wildwest-Gesellschaft.

Grenzkontrollen lassen sich wohl nicht vermeiden

Das gelte auch für das kollektive Eigentum einer ganzen Staatsgemeinschaft. Auch dieses Eigentum stehe nicht zur freien Disposition. Im Prinzip könne eine liberale, offene Gesellschaft nur funktionieren, wenn Zäune da seien. Sinn: „Das machen sich die nicht klar, die meinen, eine offene Gesellschaft brauche offene Grenzen.“ Die Idee, das Schengen-System auch auf den freien Warenverkehr und Warenaustausch anzuwenden, hält Sinn für gut. Sie verlange aber, dass man die Grenzen nach außen dicht mache.

Solange dies nicht der Fall ist, werden sich demnach Grenzkontrollen innerhalb des Schengen-Raums
kaum vermeiden lassen.

Fazit des BME: Transportverzögerungen aufgrund stärkerer Kontrollen werden
sich nicht vermeiden lassen. Sie sind nach heutigem Stand zudem nicht kalkulierbar. „Wenn es zu einschneidenden
Maßnahmen durch die Sicherheitsbehörden kommt, werden die Lieferketten ordentlich durchgeschüttelt“, befürchtet Gburek. Langfristig, so ist er sich jedoch sicher, wird sich alles einpendeln, wenn auch zu deutlich ansteigenden Kosten. „Standortfragen spielen dann eine größere Rolle, Business-Modelle wie just in time werden hinterfragt und Lieferketten hinsichtlich der Transportwege komplett neuaufgestellt.“

Autor: Franz Höllriegel (Friedrich Oehlerking ist erfahrener Journalist und unser Experte für Einkauf & Logistik. )