18.08.2020

GNF und Bodensee-Stiftung fordern Lieferkettengesetz

Lieferketten europäischer Unternehmen sollen transparent werden. Das hat sich die deutsche EU-Ratspräsidentschaft vorgenommen. Helfen sollen verbindliche Regeln zu Menschenrechten und Umwelt. Global Nature Fund (GNF) und Bodensee-Stiftung signalisieren Unterstützung.

Lieferkettengesetz

Die dicksten Bretter für Nachhaltigkeitsmanager

Nachhaltige Lieferkettengestaltung, das ist die Sicherstellung sozial-ökologischer Standards auf dem Weg von der Produktion bis zum Verkauf. Für die Nichtregierungsorganisationen (Non government organisations NGOs) Global Nature Fund (GNF) und Bodensee-Stiftung sprichwörtlich mit die „dicksten Bretter, die unternehmerisches Nachhaltigkeitsmanagement zu bohren hat“.

In vielen Branchen und Produkten lägen die eigentlichen Herausforderungen außerhalb europäischer Werkstore in den überseeischen Ursprüngen der Rohstoffe und Vorprodukte. Oft würden erstere in einem Land gewonnen und in zahlreichen Etappen gehandelt und weiterverarbeitet, bis sie in einem anderen an Endkundein gelängen. Die Rückverfolgung sei mitunter schwierig. Viele beschaffende Unternehmen hätten nur zu ihren direkten Lieferanten Kontakt.

Transparente Lieferketten, Schutz biologischer Vielfalt

Folge: soziale wie ökologische Belastungen in Produktionsländern. Von ihnen wissen Zwischenhändler, verarbeitende Unternehmen sowie Kunden oft nichts. Oder sie nähmen sie stillschweigend in Kauf. GNF und Bodensee-Stiftung befassen sich mit den Auswirkungen menschlichen Wirtschaftens auf Umwelt und Unternehmen. Sie wollen Wege zu ökologischerem Handeln weisen.

Besonders beschäftigt sie der Einfluss internationaler Lieferketten auf die Biodiversität. Sie verzeichnen einen bedeutenden Verlust an biologischer Vielfalt in den Ländern, die Rohstoffe und Waren für den internationalen Handel und damit den Export nach Europa zwar gewinnen und herstellen, aber nicht selbst verbrauchen.

Den GNF gründeten Umweltschützer 1998 in Radolfzell am Bodensee mit der selbstgesteckten Aufgabe, Seen und Feuchtgebiete zu bewahren. Hinzu kamen Arbeitsbereiche wie

  • Unternehmen und Biodiversität
  • Handel, der biologische Vielfalt berücksichtigt und schützt
  • Initiativen für Biodiversitätskriterien in Standards
  • Labels der Lebensmittelbranche
  • naturnahe Firmengelände
  • unternehmerisches Engagement für Wald- und Klimaschutz.

Die Bodensee-Stiftung setzt sich seit 25 Jahren für Nachhaltigkeit und Naturschutz in der Bodenseeregion der Anrainerstaaten Deutschland, Österreich, Schweiz ein. Handlungsfelder der Stiftung sind:

  • Landwirtschaft und Klima
  • Energiewende
  • Natur- und Gewässerschutz
  • Unternehmen und Biologische Vielfalt
  • Umweltbildung

In über 40 Modellprojekten will sie zeigen, dass nachhaltige Entwicklung keine Worthülse bleiben müsse, sondern konkret umgesetzt werden könne.

Gebiete der Biodiversität mit bedrohtem Artenreichtum

Gerade in Entwicklungs- und Schwellenländern lägen viele Gebiete der Biodiversität mit großem und bedrohtem Artenreichtum. Marion Hammerl, Geschäftsführerin der Bodensee-Stiftung, erklärt:

„Wissenschaftler konnten zeigen, dass 30 Prozent aller gefährdeten Arten durch den internationalen Handel auf die Rote Liste gekommen sind.“
Die Waldrodung für Sojaanbau, der Einsatz von Pestiziden auf Bananenplantagen oder Vergiftung von Flüssen durch den Erzabbau tragen ihr zufolge zum Verlust biologischer Vielfalt insbesondere in Ländern des Globalen Südens bei. Es brauche ein Lieferkettengesetz auf deutscher wie auf europäischer Ebene. „Und das am besten schon gestern“, so Hammerl. Der menschengemachte Verlust an Biodiversität sei nicht wiedergutzumachen.

Bündnis für nachhaltige Beschaffung

Die Unterstützer eines Lieferkettengesetzes sehen daher genug gute Gründe gelebter Verantwortung, aus denen viele Unternehmen schon heute selbstständig die Initiative ergriffen, um ihre Wertschöpfungsketten stärker zu durchleuchten und aktiv zu gestalten. Dazu gehört, Mitarbeiter vom Nachhaltigkeitsmanagement über den Einkauf bis zur Unternehmensleitung dafür zu sensibilisieren, die eigenen Lieferketten unter die Lupe zu nehmen und Handlungsspielräume zu bestimmen.

Damit diesen Ansatz zukünftig alle europäischen Unternehmen teilen, unterstützt neben der Bodensee-Stiftung auch der Global Nature Fund eine Stellungnahme der Initiative für nachhaltige Agrarlieferketten (INA), unter deren Dach sich laut Angaben 33 Unternehmen und Organisationen zusammengeschlossen haben.

Beispiel für soziale und ökologische Verantwortung

„Uns ist es wichtig, damit ein Statement zu setzen“, so Stefan Hörmann, Stellvertretender GNF-Geschäftsführer und Leiter des Bereichs Unternehmen und Biodiversität. Ihm zufolge zeigen viele Firmen bereits, wie es geht, und gehen mit gutem Beispiel für soziale und ökologische Verantwortung voran. Aber eben nicht alle – und Mensch, Natur und biologische Vielfalt litten unter bedenkenlosem Handel und Konsum. Um dem entgegenzuwirken, seien verbindliche Regelungen für fairen Handel nötig – verankert in einem Lieferkettengesetz.

Autor: Friedrich Oehlerking (Freier Journalist und Experte für Einkauf, Logistik und Transport)