17.07.2019

Forschungsreaktor Garching kann kein Uran beschaffen

Waffenfähiges Uran, wer braucht denn so was? Antwort: der Forschungsreaktor München II. Der benötigt die Neutronen etwa für Nuklearmedizin oder Grundlagenforschung. Das Problem: Frankreich will nicht liefern. Atomgegner begrüßen das.

Der Forschungsreaktor Garching braucht Uran für den Betrieb – die französischen Behörden genehmigen jedoch den Transport nicht.

Uran-Transport aus Romans-sur-Isère

Schon im Dezember hätte der Transport aus dem französischen Romans-sur-Isère ablaufen sollen. Dort wird waffenfähiges Uran hergestellt – der Brennstoff für den Forschungsreaktor Garching oder auch „Forschungs-Reaktor München II“ (FRM II).

Wie die Süddeutsche Zeitung berichtet, stellen sich aber die französischen Behörden quer. Früher hatten diese eine Sondergenehmigung für die Fahrt eines deutschen Spezial-Lasters durch Frankreich erteilt. Jetzt nicht mehr. Damit laufe alles auf eine Übergabe in Grenznähe hinaus. Das jedoch erfordere eine Vielzahl neuer Genehmigungen. Wie die Organisation des Transports letztendlich erfolgen werde, könne man aus Geheimhaltungsgründen nicht sagen, zitiert das Blatt die Hanauer Transportfirma Daher.

Forschungsreaktor Garching: Freistaat Bayern ist Auftraggeber

FRM II wird im Auftrag des Freistaats Bayern von der Technischen Universität (TU) München betrieben. Der Forschungsreaktor Garching ist eine Neutronenquelle. Diese Neutronen braucht man:

  • in der Nuklearmedizin
  • für die Grundlagenforschung in Physik, Chemie, Biologie und Materialwissenschaften
  • für Batteriespeicher
  • für Bauteile
  • für Medikamente
„Eine auf Hochtechnologie basierende Wirtschaft wie die deutsche benötigt eine Neutronenquelle höchster Brillanz“,

warb einst Winfried Petry, bis 2018 wissenschaftlicher Leiter des FRM II, für den Reaktor. Seit dem 12. März 2019 steht die „Forschungs-Neutronenquelle Heinz-Maier-Leibnitz“ in Garching nun still. Derzeit stehen keine Brennelemente zur Verfügung.

Das hoch angereicherte Uran kommt ursprünglich aus Russland und wird in Frankreich verarbeitet. Neue Lieferbestimmungen in Frankreich verhindern zurzeit den Transport über die Grenze nach Deutschland.

Abschaltung des Forschungsreaktors Garching gefordert

Das alles passiert nicht zum Unmut der Atom-Gegner, die die endgültige Abschaltung des Reaktors fordern. Richard Mergner vom Bund Naturschutz in Bayern zeigt sich gegenüber der Zeitung

„wild entschlossen, dass der FRM II nicht mehr in Betrieb geht“.

Die Gegner sehen ein Proliferationsrisiko, also die Gefahr, dass waffenfähiges Material in die falschen Hände geraten könnte. Knackpunkt ist die Nutzung von Uran 235 mit einer Anreicherung von fast 93 Prozent.

In der Betriebsgenehmigung aus dem Jahr 2003 ist zwar eine Umstellung auf niedriger angereichertes Uran (unter 50 Prozent) bis 2010 festgeschrieben – die ist aber bisher nicht erfolgt. Die Wissenschaftsministerien von Freistaat und Bund hatten eine Verlängerung ausgehandelt.

Ohne die Maßgabe der Umstellung hätte es gar keine Genehmigung für den Reaktor gegeben, und daran ändere auch die Verlängerung nichts, kommt die Anwältin der Gegner, Cornelia Ziehm, in der „Süddeutschen Zeitung“ zu Wort. Sie stellte am 10. Juli 2019 ein Gutachten vor, in Auftrag gegeben von einem Konsortium aus Bund Naturschutz, Landtags-Grünen, Umweltinstitut München und der Bürgerinitiative „Bürger gegen den Atomreaktor Garching“.

Hier geht es zum ausführlichen Bericht der Süddeutschen Zeitung über die Diskussion um den Forschungsreaktor Garching.

TU: FRM II ungefährlich

Die TU sieht keine Gefahr von dem Gutachten ausgehen, so laut der Zeitung Anke Görg, Sprecherin des Forschungsreaktors. Die Universität will das Gutachten nun prüfen. Laut einem Sprecher des bayerischen Umweltministeriums wurde der Forschungsreaktor nach den geltenden gesetzlichen Regelungen und einer intensiven rechtlichen und fachlichen Prüfung genehmigt. Die Genehmigung bestehe demnach.

Die Umrüstung auf einen Brennstoff mit geringerer Anreicherung sei derzeit technisch nicht möglich. Im Reaktor werde hochkarätige technische und medizinische Forschung betrieben und darüber hinaus würden

„wichtige Beiträge zur medizinischen Versorgung geleistet“.

Anreicherungsgrade von Uran

Für Atomspaltwaffen gibt es laut dem Umweltinstitut München zwei Pfade: Plutonium oder Uran. Beim Uran ist demnach der Anreicherungsgrad von U-235 ausschlaggebend für die Atomwaffentauglichkeit.

Niedrig angereichertes Uran

Niedrig angereichertes Uran (low enriched uranium, LEU) mit einem U235-Anreicherungsgrad unter 20 Prozent gilt als nicht waffentauglich. Den weiteren Anreicherungsprozess beherrschen nur wenige Staaten. Ohne ihn aber sei LEU für Atomwaffen ungeeignet. Die für eine Atomwaffe benötigte Menge wäre dann so groß, dass diese nicht mehr handhabbar wäre.

Hoch angereichertes Uran

Hoch angereichertes Uran (highly enriched uranium, HEU) mit einem U235-Anreicherungsgrad über 20 Prozent gilt als waffentauglich. Je höher die Anreicherung, desto interessanter sei HEU für die Atomwaffenherstellung. Bei einem Anreicherungsgrad von rund 90 Prozent schätze man als Mindestmenge für einen nach dem Implosionsprinzip arbeitenden Sprengkopf mit fortgeschrittener Technologie drei bis sieben Kilogramm Uran.

Das Brennelement des FRM II soll aus acht Kilogramm HEU (Anreicherung 93 Prozent) bestehen. Nach dem Abbrand werde der HEU-Brennstoff des FRM II noch eine Anreicherung von etwa 75 Prozent haben. Das Uran könne man grundsätzlich chemisch aus der Brennstoffmatrix lösen und abtrennen.

Mittel angereichertes Uran

Uran mittlerer Anreicherung MEU gibt es definitionsgemäß nicht. Dies sei eine neue Wortschöpfung in Verbindung mit dem Forschungsreaktor Garching. Sie steht für waffenfähiges HEU mit „reduzierter“ Anreicherung von z.B. 50 Prozent. Für den Bau einer Atomwaffe benötigte man im Vergleich zu einem Anreicherungsgrad von rund 90 Prozent ungefähr das dreifache der Uran-Menge. Dies sei keine ausreichend hohe Hürde gegen einen Missbrauch, so das Umweltinstitut.

Weiterführender Beitrag: Jülich bereitet Hochsicherheitstransporter für Atommüll vor

Autor: Friedrich Oehlerking (Freier Journalist und Experte für Einkauf, Logistik und Transport)