07.12.2021

Fehmarn-Tunnel: Bau startet bei widrigen Winden

Ökologisch eine Katastrophe – ökonomisch ein Irrsinn. So beurteilt der Nabu den Baustart für den Fehmarn-Tunnel. Aber Kritik kommt auch von anderer Seite. Die IHK zu Rostock befürchtet eine Verlagerung der Verkehre zum Nachteil der Küstenländer – und schlägt Alarm.

Fehmarn-Tunnel

Bauarbeiten deutscherseits begonnen

Auf der Ostseeinsel Fehmarn haben die Bauarbeiten für den 18 Kilometer langen Tunnel zur dänischen Insel Lolland begonnen. Er soll die Zeit für die Zugverbindung zwischen Hamburg und Kopenhagen verkürzen. Noch verkehren zwischen Fehmarn und Dänemark Fähren. Sie benötigen etwa 45 Minuten für eine Passage. Rund zweieinhalb Stunden soll die Fahrzeit zwischen beiden Metropolen nach Fertigstellung des Tunnelbaues betragen. Der kombinierte Straßen- und Eisenbahntunnel soll voraussichtlich 2029 fertig sein. Dänemark trägt die von „Zeit Online“ auf 7,1 Milliarden Euro geschätzten Baukosten für den Tunnel, Deutschland die für die hiesige Straßen- und Schienenanbindung von geschätzt 3,5 Milliarden Euro. Der bisherige Verlauf:

  • Bereits seit Sommer 2020 baut man in Dänemark,
  • zunächst am Arbeitshafen auf Lolland,
  • seit Juli 2021 am Aushub des Tunnelgrabens,
  • seit September vor der deutschen Küste.
  • Das Baurecht für den Tunnel besteht in Dänemark seit 2015,
  • in Deutschland seit Ende 2020.
  • Dem gingen in Deutschland dem Zeitungsbericht zufolge allerdings mehr als 12.000 Einwendungen gegen das Projekt voraus,
  • im November 2020 zuletzt abgewiesen vom Bundesverwaltungsgericht mit der Auflage, bei erst später im Trassenbereich entdeckten Riffen nachzubessern. Dafür sind nun Ausgleichsflächen geplant.

Stärkung des Schienenverkehrs

Der Tunnel stärke den Schienenverkehr. Es sei ein Projekt, an dem man erkennen könne: „Europa wächst zusammen“, so der bisherige Parlamentarische Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium, Enak Ferlemann, auf „Zeit Online“. „Wirklich ein Jahrhundertprojekt“ und „für Norddeutschland eine riesige Chance“ echoet dort Schleswig-Holsteins Verkehrsminister Bernd Buchholz (FDP).

Er rechnet allein im Kreis Ostholstein dadurch mit 600 bis 1110 Arbeitsplätzen. Für den Ausbau der Bundesstraße auf Fehmarn besteht bereits Baurecht. Den geplanten Ersatz der Fehmarnsundbrücke zwischen Insel und Festland bezeichnet Buchholz indes als „ein etwas schwierigeres Kapitel“. Für den Ausbau der Bahnstrecke auf dem Festland rechnet er dagegen nicht mit großen Schwierigkeiten, schreibt „Zeit Online“.

Nabu: Wogende Seegraswiesen

Unter anderem der Naturschutzbund Nabu und das Aktionsbündnis gegen eine feste Fehmarnbeltquerung gehen weiter juristisch gegen das Projekt vor. Der Nabu wirft den Behörden vor, gesetzliche Vorgaben beim Ausgleich der 36 Hektar Riffflächen nicht erfüllt zu haben. Für den Tunnel solle der Meeresboden durch den Fehmarnbelt auf den 18 Kilometern in 30 Metern Tiefe 16 Meter tief und 150 Meter breit mit Baggern ausgehoben werden. Die Naturschützer sehen besonders in Gefahr:

  • „Wogende Seegraswiesen“
  • Sandbänke
  • artenreiche Steinriffe
  • das Zuhause von Seenadeln
  • Robben
  • streng geschützen Schweinswalen.

IHK: Auswirkungen auf Mecklenburg-Vorpommern

Auf die negativen Auswirkungen für ihren Bezirk weist die IHK zu Rostock hin. Der gesamtwirtschaftliche Nutzen der Milliardeninvestition sei umstritten, ein Punkt unter Tunnelbefürwortern wie -kritikern allerdings kaum: Der geplante Fehmarnbelt-Tunnel werde die Verkehrsströme in der südlichen Ostsee zu Lasten des Güter- und Personenverkehrs über die Häfen Mecklenburg- Vorpommerns verlagern. Die IHK hat dazu eine Studie in Auftrag gegeben. Ergebnis: die Gefahr deutlicher Rückgänge der hafenaffinen Wirtschaft bei Arbeitsplätzen von bis zu 30 Prozent und erhebliche Umsatzeinbußen.

Wirtschaftliche Rahmenbedingungen schaffen

„Wir müssen in der verbleibenden Zeit unbedingt die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen schaffen“, so Klaus Jürgen Strupp, Präsident der IHK. Dies sei nötig, um Häfen und Region so zukunftsfähig aufzustellen, dass sie dem steigenden Wettbewerbsdruck standhalten.

Strupp: „Zum Ausgleich der wirtschaftlichen Nachteile infolge der Querung fordern wir dringend seitens des Bundes Kompensationsmaßnahmen.“
Dazu zählen laut einem Positionspapier der IHK Maßnahmen zur Stärkung der:

  • Eisenbahninfrastruktur
  • Hafengebiete
  • Ansiedlung von Forschungsinstituten und Bundesbehörden.

Klare Regeln für Fähren und Häfen

Die betroffenen Fährreedereien und Häfen bräuchten zudem einen fairen Wettbewerb. Man begrüße daher die Positionierung der Landesregierung, die Linie der EU-Kommission zu unterstützen, staatliche Hilfen für den Bau der neuen Querung klaren und fairen Regeln zu unterwerfen. Darüber hinaus müsse sich die Landesregierung dafür einsetzen, dass die Bundesrepublik Deutschland ihre Streithilfe für eine Klage Dänemarks gegen den EU-Beihilfebeschluss und damit gegen die wettbewerblichen Auflagen zurückzieht. „Das wäre ein wichtiges Signal für Wettbewerbsgleichheit“, so Strupp.

Autor*in: Friedrich Oehlerking (Freier Journalist und Experte für Einkauf, Logistik und Transport)