01.07.2019

Experte: Nabu-Kritik an Kreuzfahrtschiffen populistisch

Zu viel Stickstoff, zu viel Schwefel, zu viel alles. Die selbsternannte Naturschutzorganisation „Nabu“ holt zum Rundumschlag gegen Kreuzfahrtschiffe aus – zum wiederholten Mal. Der Fachjournalist Hans-Jürgen Reuß wirft der Organisation Abhängigkeit und Populismus vor.

Kreuzfahrtschiffe würden zu viele Luftschadstoffe ausstoßen, so die Nabu-Kritik

Schadstoffe von Kreuzfahrtschiffen mehr als von Pkws

Was genau beinhaltet die Nabu-Kritik an Kreuzfahrtschiffen? Die Vorwürfe des Naturschutzbunds Deutschland e.V. (NABU) an die Kreuzfahrer haben es in sich:

  • Luftschadstoffemissionen vor allem von Kreuzfahrtschiffen der Flotte des italienischen Branchenriesen Costa Crociere, gefolgt von MSC Cruises (Schweiz)
  • 2017 allein von den Hamburg anlaufenden Kreuzfahrtschiffen mehr als anderthalbmal so viele Schwefeloxidemissionen wie von den knapp 770.000 in der Hansestadt gemeldeten Pkws
  • Stickoxidemissionen der Ozeanriesen rund zwölf Prozent der Pkw-bedingten Abgasbelastung

Studie von Nabu-Partner Transport & Environment

Zu diesen Ergebnissen kommt eine Studie unter dem Titel „One Corporation to Pollute them All – Luxury cruise air emissions in Europe“ vom europäischen Dachverband und Nabu-Partnerorganisation Transport & Environment. Die Organisation konzentriert sich eigenen Angaben zufolge auf europäische und weltweite Umweltfragen sowie die Verantwortung für Verschmutzung durch Pkw, Lkw, Schiffe und Flugzeuge. Transport & Environment wurde 1990 gegründet. Sie repräsentiert 60 Organisationen aus 25 Ländern, und zwar in erster Linie Umweltorganisationen. Zu den Unterstützern zählen staatliche Stellen Norwegens mit Zuwendungen von 750.000 Euro allein 2017 oder die EU-Kommission mit 500.000 Euro.

Auf diesen Report gründet sich die Nabu-Kritik an Kreuzfahrtschiffen. Für den Report haben die Wissenschaftler laut einer Pressemitteilung des Nabu die Emissionen von Kreuzfahrtschiffen in europäischen Hafenstädten im Jahr 2017 ermittelt und ausgewertet. Erstmals habe die Studie die Verschmutzung konkreten Anbietern zuordnen können. Demzufolge habe der weltgrößte Kreuzfahrtkonzern Carnival Corporation 2017 fast zehnmal mehr Schwefeloxide entlang Europas Küsten ausgestoßen als alle 260 Millionen Pkws in Europa zusammen.

Zum Carnival Konzern gehören Tochterfirmen wie Aida Cruises, Costa Cruises oder die Cunard Line. Der zweitgrößte Kreuzfahrt-Konzern Royal Carribean Cruises, zu dem die deutsche TUI Cruises gehört, rangiert auf der Nabu-Hitliste an zweiter Stelle mit viermal höheren Schwefeloxidemissionen.

Nabu-Kritik an Kreuzfahrtschiffen: Miller fordert Bann

Nabu-Bundesgeschäftsführer Leif Miller nimmt die Veröffentlichung der Studie zum Anlass, den Städten einen schnellstmöglichen Bann dreckiger Schiffe aus ihren Häfen zu empfehlen. Die Abnahme von Landstrom aus erneuerbaren Quellen müsse zur Pflicht werden. Hier genieße eine Branche „unerhörte Verschmutzungsprivilegien“, obgleich der Steuerzahler die teuren Landstromanlagen finanziere, die am Ende niemand nutze.

Miller: „So jedenfalls wird die Luft kein bisschen sauber.“

Er bemüht das Beispiel Norwegen. Das Land habe unlängst ein Einfahrverbot in Fjorde für Schiffe mit laufendem Verbrennungsmotor ab 2026 beschlossen.

Miller weiter: „Wer das Weltnaturerbe vom Schiff aus bestaunen will, muss dann emissionsfrei unterwegs sein. Schwefeloxide schaden der menschlichen Gesundheit und führen zur Versauerung von Böden und Gewässern.“

Kreuzfahrer falsche Adresse

Doch sind die Städte, Kreuzfahrtreedereien und ihre Kreuzfahrtschiffe die richtige Adresse für die Anklagen des Nabu? Der langjährige Experte für Schiffsantriebe, Hans-Jürgen Reuß, bezweifelt es. In einem Beitrag für das Online-Portal „VEUS-Shipping.com“ sieht er stattdessen das für Fragen der Schiffsantriebe zuständige Institut der UNO, die International Maritime Organization (IMO), sowie die Regierungen der Mitgliedstaaten in der Pflicht.

Mit seinem Rundumschlag greife der Nabu zugleich die Bürger an, die „auf derartigen Schiffen ihren Urlaub verbringen wollen“.

Und so bleibe der Nabu „denn unverändert beim Populismus“, so Reuß.

Nabu-Partnerorganisation unabhängig?

Die „European Federation for Transport and Environment AISBL“, bei der das Copyright für die Studie liegt, ist Reuß zufolge keine unabhängige, neutrale Institution. Mit ihr gehe der Nabu von falschen Voraussetzungen aus. Zum Beispiel führe die Studie für den Vergleich von Schiffs- und Pkw-Dieselmotoren einen Bezug zur Zahl der insgesamt zugelassenen Pkws herbei. Dabei werde nicht unterschieden, ob diese von Otto- oder von Dieselmotoren angetrieben werden.

Zudem führe der Vergleich der Schiffsemissionen in Hamburg mit dem Ausstoß durch die in der Hansestadt gemeldeten Pkws zu der Gegenüberstellung: sauberer Pkw hier, Dreckschleuder Kreuzfahrtschiff da. Dabei dürfe in Ländern der Europäischen Union von Straßenfahrzeugen getankter Dieselkraftstoff nur noch 0,001 Prozent Schwefel enthalten. Folglich könnten die Motoren der Personen- und Nutzfahrzeuge kaum noch Schwefeloxide ausstoßen.

Synthetische Kraftstoffe als Lösung für Emissionsproblem

Reuß relativiert die Nabu-Kritik an Kreuzfahrtschiffen weiter: Schiffsmotore dürften in den Hoheitsgewässern der EU bereits seit Anfang 2015 statt mit Schweröl nur noch mit Kraftstoffen, die weniger als 0,1 Prozent Schwefel enthalten, betrieben werden. Dasselbe gelte im Hafen bei Liegezeiten von mehr als zwei Stunden. Insofern sei die Seeschifffahrt in küstennahen Gewässern, bei Revierfahrt und in den Häfen im Vergleich zur offenen See bereits recht sauber.

Und selbst auf See, wo zurzeit der Kraftstoff unverändert 3,5 Prozent Schwefel enthalten dürfe, stehe für nächstes Jahr eine Senkung des Grenzwerts für Schwefel auf 0,5 Prozent an. Das Postulat nach „emissionsfreien Antrieben“ erfülle sich nicht, sondern allenfalls eine Lösung der verursachten Emissionen über synthetische CO2-neutrale Kraftstoffe. Deren Herstellung allerdings fordert nicht der Nabu – sondern die Unionsfraktion im Bundestag jetzt auf dem Autogipfel im Kanzleramt am 24.06.2019 mit ihrem Konzept der „E-Fuels“.

Zu diesem Autogipfel finden Sie einen Beitrag auf Spiegel online.

Autor: Friedrich Oehlerking (Freier Journalist und Experte für Einkauf, Logistik und Transport)