06.09.2022

Experte: Entfernung, nicht Inflation das Problem

Bald zehn Prozent – die Inflation wirft immer längere Schatten voraus. Besonders betroffen: Lieferketten. Experten sehen die Inflation dabei nur als Symptom, die eigentliche Krankheit in der Entfernung. Ihr versuchen Unternehmen, mit verschiedenen Shoring-Modellen beizukommen.

Inflation

Im- und Exportpreise im Aufwärtstrend

Alle reden von Inflation – und redeten schon vor einem Jahr von ihr. Seither kennen die Importpreise nur eine Richtung: aufwärts. Im Juli 2021 stiegen sie wie lange nicht. Das letzte Mal davor war die Veränderung der Preise für Importwaren vor 40 Jahren größer, wie wir in unserem Beitrag „Importpreise im Juli so hoch wie nie seit 40 Jahren“ damals berichtet haben. Zwei Jahre Pandemie, Krieg in der Ukraine, Energiekrise – derlei Schicksalsschläge bleiben nicht ohne Wirkung, schon gar nicht auf den Einkauf der Unternehmen. Bei aller Nachhaltigkeit – sie sorgen sich um ihre Lieferketten und den gestiegenen Kostendruck, vergleiche unseren Beitrag „Einkäufer besorgt um Lieferkette und Kostendruck“.

Davos: Optimismus vor dem Sturm

Als die Delegierten im Mai dieses Jahres vom Weltwirtschaftsforum im schweizerischen Davos zurückkehrten, hätten sie optimistischer Stimmung sein müssen. In Davos herrschte laut Christian Lanng, CEO von Tradeshift, der Eindruck vor, dass sich der aufkommende Wirtschaftssturm recht schnell legen könnte. Die derzeitige hohe Inflation sei zumindest ein vorübergehendes Phänomen, wenngleich auch Lanng eine Rezession für wahrscheinlich hält. Unternehmen sollten sich da, so Lanngs Rat, nicht so sicher sein. Lanng weiß, wovon er redet. Sein Unternehmen mit Hauptsitz in San Francisco ist im E-Invoicing, Automatisierung der Kreditorenbuchhaltung sowie B2B-Marktplätze und Zugang zu Lieferantenfinanzierung tätig. Seine Cloud-Plattform unterstützt Einkäufer und Lieferanten, Einkauf und Rechnungsbearbeitung zu digitalisieren sowie die Arbeitsabläufe in Beschaffung und der Kreditorenbuchhaltung zu automatisieren. Tradeshift ist bestrebt, Unternehmen zu vernetzen und so wirtschaftliche Chancen für alle zu schaffen. Das Tradeshift-Netzwerk wachse derzeit schnell in mehr als 190 Ländern.

Globalisierung hält Kosten niedrig

Lanng sieht zwar viele der Auslöser für die Inflation jüngst als vorübergehend an. Aber die Inflation sei ein Symptom und keine Krankheit. Die Globalisierung des Welthandels halte die Kosten künstlich niedrig, zugenommen habe das Risiko von

  • Störungen,
  • Engpässen und
  • Preissteigerungen für die Unternehmen.

Anfälligkeit der Unternehmen für lokale Triebkräfte

Bis vor kurzem habe es zwei wichtige Faktoren gegeben, die sich auf internationale Lieferketten auswirkten:

  • Arbeitskosten und
  • Transportkosten.

Während einer längeren Phase der Stabilität seien beide reichlich vorhanden und relativ billig zu haben gewesen. Die Lektion der letzten Jahre sei die Anfälligkeit der Unternehmen für eine wachsende Zahl regionaler und lokaler Triebkräfte für Inflation und Engpässe:

  • Energiepreise,
  • Klimawandel,
  • Arbeitskräftemangel,
  • politische Unruhen,
  • Lockdown und
  • Krieg.

Ein altes Paradigma erweist sich als töricht

Das alte Paradigma, auf einzelne Quellen von Produktionskapazitäten zu setzen, erweist sich, so Lanng, zunehmend als töricht. Beispiel Speicherchips. Lanng erkennt keine strategischen Engpässe bei den weltweiten Produktionskapazitäten. Dennoch hätten sich die Ereignisse verheerend auf die Produktion ausgewirkt. So sehr, dass die US-Regierung zugestimmt hat, 52 Milliarden US-Dollar an Subventionen und Steuergutschriften an US-Halbleiterhersteller wie Intel zu zahlen, damit diese mehr Fabriken auf heimischem Boden bauen. Lanng fragt: „Können staatliche Eingriffe die durch die Volatilität angeheizte Inflation eindämmen?“ Aus einer Makroperspektive sei dies vielleicht möglich. Die Unternehmen könnten aber selber viel tun, um sich vor strukturellen Problemen innerhalb ihrer Lieferketten zu schützen.

Re-Shoring, Near-Shoring und Friend-Shoring

Unternehmen bemühten sich darum, ihre Lieferketten widerstandsfähiger und redundanter zu machen, um sich gegen plötzliche wirtschaftliche, politische oder konfliktbedingte Schocks abzusichern. Sie haben, so Lanng, erkannt: die Gefahr liegt in der Entfernung. Daher der noch junge Trend zu Re-Shoring, Near-Shoring und Friend-Shoring – die Verlagerung von Produktion und Beschaffung in Länder mit stabileren und wohlgesonnenen Beziehungen.

Lanng: „Kürzere, vielfältigere Lieferketten sind auch das einzige realistische Gegenmittel gegen die regelmäßigen Bullwhips, bei denen sich schwankende Nachfragesignale über lange Lieferketten hinweg verstärken und einen Jo-Jo-Effekt auf die Preise auslösen.“

Peitscheneffekt in der Logistik

Der Peitscheneffekt in der Logistik beschreibt Nachfrageschwankungen entlang mehrstufiger Lieferketten in der Logistik, hervorgerufen etwa durch:

  • Abstimmungs- und Kommunikationsprobleme
  • zwischen den einzelnen Stufen.

Er wird umso stärker, je größer die Entfernung vom Endkunden weg in Richtung Hersteller. Folgen:

  • Falsche Deutung des Nachfragesignal vom Endkunden oder
  • verzögerte Weiterleitung
  • Bestellung des Einzelhändlers der nachgefragten Menge mit zusätzlichem Sicherheitsbestand beim Großhändler.
  • Wieder größere Bestellmenge durch Großhändler beim Hersteller zwecks Vermeidung von Lieferengpässe.
  • Aufgrund der verzögerten Bestellung auf den einzelnen Ebenen und der Bildung von Sicherheitsbeständen kann die bestellte Menge den tatsächlichen Bedarf übersteigen und hohe Lagerbestände entstehen lassen.

Der Peitscheneffekt schaukelt sich also von Stufe zu Stufe auf, da durch die fehlende oder mangelhafte Kommunikation immer größere Mengen bestellt werden. Das Bild eine Tsunamis wäre vielleicht etwas treffender als das der Peitsche. Dies führt zu:

  • ausgelasteten Produktionskapazitäten,
  • hohen Lagerkosten und
  • womöglich zu veralteten oder verdorbenen Produkten.

Der Bullwhip-Effekt ist deshalb ein wichtiger Faktor im Risikomanagement des Supply-Chain-Managements.

Beispiel für Bullwhip-Effekt

Studyflix beschreibt den Bullwhip-Effekt anhand eines Beispiels: Ein Seifenhersteller hat eine neue Sorte mit Melonengeruch auf den Markt gebracht und die Nachfrage der Endkunden steigt im Sommer von 2 Millionen auf 2,2 Millionen verkaufte Seifen an. In den Drogerien und Supermärkten macht sich das durch niedrige Bestände und teils ausverkaufte Regale bemerkbar. Deshalb beschließt der Einzelhandel, 2,8 Millionen Seifen beim Großhändler zu bestellen, um die große Nachfrage der Kunden bedienen zu können. Um mögliche Lieferengpässe zu vermeiden, bestellt der Großhändler 3,5 Millionen Seifen beim Hersteller.

Mittlerweile sind die Temperaturen jedoch wieder gesunken. Kunden steigen auf die Seife mit Vanillegeruch um. Folge: es stellt sich heraus, dass man die bestellten Mengen der Zwischenstufen zu großzügig geplant hat. Sie übersteigen den eigentlichen Bedarf. Die Folge hiervon: ausgelastete Lagerräume und hohe Lagerungskosten. Eine kleine Änderung in der Endkundennachfrage kann große Auswirkungen auf die Bestellmenge beim Hersteller nehmen und somit die Lagerbestände unnötig erhöhen. Wie groß die Sicherheitsmargen der Zwischenhändler sind, hängt dabei von unterschiedlichen Faktoren ab. Außerdem ist es entscheidend, wie viele Zwischenstufen ein Bestellvorgang durchläuft. Die Kettenreaktion und somit der Peitscheneffekt, schaukelt sich immer mehr auf, je mehr Stufen er durchläuft.

Zur Lösung dieses Effektes kommen demnach in Betracht:

  • Bessere Kommunikation auf den Ebenen
  • Verringerung der Bestellmenge und Erhöhung der Lieferfrequenz
  • Vermeidung von Preisschwankungen

Verlagerung näher an Heimatstandort

Lanng nennt Beispiele: So schätze Marktforscher McKinsey, dass mehr als ein Viertel der weltweiten Produktion in den nächsten fünf Jahren näher an den Heimatstandort verlagert wird. Intel oder Tesla tun Gleiches:

  • Intel baut Fabriken der nächsten Generation in den USA und Südasien und verringert seine Abhängigkeit vom durch China bedrohten Taiwan.
  • Tesla baut zwei neue Megafabriken in Berlin und Austin, Texas.

Chaos, Störungen und Revolutionen finden allerdings nicht nur in Übersee statt. Die USA befinden sich, so Lanng, inmitten der ersten ernsthaften Arbeitskrise ihrer Geschichte. Die Zahl der offenen Stellen habe sich allmählich abgekühlt, da die Unternehmen proaktive Maßnahmen zur Senkung der Ausgaben ergreifen. Es gebe ihm zufolge trotzdem immer noch deutlich mehr offene Stellen als Menschen, die sie besetzen können. Die demografischen Folgen des Freihandels und die sinkende Geburtenrate verschärftem dem Arbeitskräftemangel zusätzlich, so dass die USA an beiden Enden des Qualifikationsspektrums zunehmend auf Zuwanderer angewiesen sei.

Arbeitskräftemangel fördert Automatisierung

Die Diversifizierung von Erst- und Drittlieferketten sieht man bei Tradeshift also nur als Teil des Mixes. Unternehmen zögen zwangsläufig andere strategische Faktoren zur Minderung des Risikos von Arbeitskräftemangel mit in Betracht, wie beispielsweise die Automatisierung, egal wo auf der Welt die Produktion stattfindet. In der Zwischenzeit müssten die Regierungen die Industrie mit einer klugen Einwanderungs- und Umschulungspolitik unterstützen, rät Lanng. Nur so könnten sie sicherstellen, dass es genügend Menschen gibt, die die richtige Art von Arbeit verrichten.

Zinssätze hält Lanng für eine stumpfe Waffe im Kampf gegen die Inflation. Mittel- bis langfristig würden Stabilität und Vorhersehbarkeit im eigenen Land den größten Einfluss auf die Verringerung von Unsicherheit und Störungen haben. Der Einbruch im Vereinigten Königreich nach dem Brexit und der Boom im irischen Dienstleistungssektor zeigten den Vorteil von Gewissheit, insbesondere in Bezug auf die Arbeitskräfte. Alles, was die Zivilgesellschaft destabilisiere, sei es durch Arbeitsunruhen oder die polarisierenden Auswirkungen der Kulturkriege, werde einem solchen Umfeld entgegenwirken.

Lanng hält es für möglich, dass die derzeitige Inflationswelle ohne eine wesentliche Umstrukturierung der Weltwirtschaft endet. Aber das würde nur dazu führen, dass sich die Situation weiter verschlechtert. Lanng rät:

  • Unternehmen, diese Gelegenheit zu nutzen, um Entlassungen vorzunehmen und den Abstand zu verringern.
  • Regierungen, die richtigen Bedingungen für die Unternehmen zu schaffen, indem sie in einer unsicheren Welt für so viel Stabilität wie möglich sorgen.
Autor*in: Friedrich Oehlerking (Freier Journalist und Experte für Einkauf, Logistik und Transport)