13.08.2018

EU unterstützt Einkauf von Flüssigerdgas in den USA

Die russisch-europäische Gasleitung Nord Stream 2 ist den USA ein Dorn im Auge. Sie sähen es lieber, wenn die EU ihr Flüssigerdgas abnähme. Diesen Einkauf in den USA will die EU nun auch fördern. Wie der Markt das aufnehmen wird, bleibt abzuwarten.

Derzeit gibt es in der EU eine Reservekapazität von 150 Milliarden Kubikmeter.

Reservekapazität in der EU

Die EU hat den USA Infrastrukturprojekte für Flüssigerdgas (Liquified Natural Gas, LNG) im Wert von mehr als 638 Millionen Euro kofinanziert oder eine Kofinanzierung zugesagt. Zusätzlich zu den vorhandenen 150 Milliarden Kubikmetern Reserve in der EU fördert die EU nach eigenen Angaben 14 Infrastrukturprojekte für Flüssiggas. Sie sollen bis 2021 die Kapazität um weitere 15 Milliarden Kubikmeter erhöhen und die Importe aus den USA aufnehmen können – vorausgesetzt, die Marktbedingungen stimmen und die Preise sind wettbewerbsfähig.

Das sind sie nach Meinung von Thomas Kusterer aber noch nicht. „LNG ist immer eine Preisfrage. Und aktuell sind die LNG-Lieferungen aus den USA im Vergleich zu anderen Gasquellen für uns nicht wettbewerbsfähig“, zitiert das „Handelsblatt“ den Finanzchef des Energiekonzerns EnBW. Laut Kusterer sind die LNG-Lieferungen aus den USA zu teuer. Daher beziehe EnBW auch keine. Erst wenn die Preise passen, kauft EnBW LNG aus USA.

Der deutsche Energiekonzern Uniper sieht das etwas anders. Er rechnet mit Wachstum bei den Flüssigerdgas-Einfuhren aus den Staaten. Auch wenn der Atlantik zwischen Produktions- und Absatzmarkt liegt, seien die Transportwege im Vergleich zu anderen Lieferanten kurz. Einen 20-jährigen Liefervertrag über US-Flüssigerdgas hat das Unternehmen bereits abgeschlossen.

Zusammenarbeit zwischen EU und USA auch bei Flüssigerdgas

In einer Gemeinsamen Erklärung vereinbarten laut einer Pressemitteilung der Kommission am 25. Juli in Washington, D.C., EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker und US-Präsident Donald Trump, die strategische Zusammenarbeit zwischen der EU und den USA im Energiebereich zu stärken. In diesem Rahmen werde die Europäische Union mehr Flüssigerdgas aus den Vereinigten Staaten importieren, um „ihre Energieversorgung zu diversifizieren und sicherer zu machen“. Die EU und die USA wollen den Handel mit Flüssiggas weiter erleichtern.

Zwischen der Ankunft des ersten US-LNG-Tankers im April 2016 und heute sind die EU-Importe von Flüssigerdgas aus den USA von Null auf 2,8 Milliarden Kubikmeter gestiegen. Seit Anfang 2016 hat die EU den Angaben zufolge mehr als 40 Flüssigerdgas-Lieferungen aus den USA erhalten. 2017 gingen mehr als zehn Prozent der gesamten US-Flüssigerdgasexporte nach Europa; 2016 waren es nur fünf Prozent.

Steigende Flüssigerdgasexporte aus USA

Juncker misst dem steigenden Import von Flüssiggas aus den USA eine strategisch wichtige Rolle in der Erdgasversorgung der EU bei. Die USA müssten jedoch ihrerseits bürokratische Hemmnisse für den Export von Flüssigerdgas beseitigen. Derzeit ist nach den Rechtsvorschriften der Vereinigten Staaten eine vorherige Genehmigung für Ausfuhren von Flüssigerdgas nach Europa erforderlich. Für diese Beschränkungen müsse man Lösungen finden. Die USA müssten zudem ihre Vorschriften für den Export von Flüssiggas in die EU vereinfachen.

Die Präsidenten hatten bei ihrem Treffen eine hochrangige Arbeitsgruppe eingesetzt. Junckers Handelsberater und ein für Handelsfragen zuständiger EU-Beamter sollen nun in Washington die Arbeiten zur Umsetzung der Gemeinsamen Erklärung fortsetzen, um die US-Ausfuhren von Flüssigerdgas nach Europa zu steigern.

Zunehmender Wettbewerb

Die EU-Kommission sieht den weltweiten Markt für Flüssigerdgas einem zunehmenden Wettbewerb ausgesetzt. Zwischen 2017 und 2023 werde der weltweite Handel mit Flüssigerdgas voraussichtlich um mehr als 100 Milliarden Kubikmeter zunehmen: von 391 auf 505 Milliarden. Die Flüssigerdgasimporte nach Europa könnten gegenüber 2016 bis 2040 um fast 20 Prozent steigen, heißt es in der Pressemitteilung der EU unter Berufung auf die Internationale Energieagentur.

Den Anstieg der Erdgasproduktion in den USA und den Beginn der Flüssigerdgasexporte aus den USA in die EU im Jahr 2016 wertet die Kommission als wichtigen Beitrag zur Verbesserung der Gasversorgungssicherheit in Europa und weltweit.

Rund 70 Prozent des europäischen Gasbedarfs decken derzeit Importe ab. Dieser Anteil dürfte in den kommenden Jahren noch steigen – Flüssigerdgas ist eine Komponente der Diversifizierungsstrategie der EU. Als zweitgrößter Gasbinnenmarkt der Welt nach den USA ist die EU daher für die USA eine attraktive Option.

Wettbewerbsfähigkeit von US-Flüssigerdgas

Um die Einfuhren nach Europa weiter zu erhöhen, müssten nach Ansicht der Kommission die US-Preise für Flüssigerdgas auf dem EU-Markt wettbewerbsfähig sein. Die USA müssten derartige Importe erleichtern durch:

  • Ausbau von Kapazitäten für Flüssigerdgas in der EU und in den USA
    Die EU verfügt mit einer aktuellen Reservekapazität von rund 150 Milliarden Kubikmetern über gut entwickelte Kapazitäten für den Import von Flüssigerdgas. Gleichzeitig werden angesichts ihrer strategischen Bedeutung für die Diversifizierung die derzeitigen Kapazitäten ausgebaut und neue Kapazitäten entwickelt, und zwar auf der kroatischen Insel Krk im Adriatischen Meer, in der Ostsee (insbesondere in Polen) und im Mittelmeer in Griechenland.
  • Beendigung der rechtlichen Beschränkungen der USA
    Für Erdgasexporte aus den USA in die EU gebe es in der EU keine marktfremden Hindernisse. Die EU strebt eine ähnliche Behandlung vonseiten der USA an, insbesondere im Hinblick auf die Aufhebung der Verpflichtung zur vorherigen Genehmigung von Flüssigerdgasexporten in die EU.

LNG-Gewinnung durch Fracking

Dank dem Schiefergasboom produzieren die USA Flüssigerdgas in großen Mengen. Gewonnen wird LNG mit der Fracking-Technologie. Dabei presst man unter hohem Druck Wasser und Chemikalien in tiefe Gesteinsschichten.

Das so geförderte Schiefergas gibt es in Nordamerika in großer Menge. Es wird nach Einschätzung des „Handelsblatts“ die Amerikaner in den nächsten Jahren zu einem der größten Erdgasexporteure weltweit machen. Das Blatt beruft sich dabei auf die amerikanische Energieagentur. Sie geht davon aus, dass die LNG-Exporte aus den USA bis 2025 um mehr als 340.000 Kubikmeter pro Tag steigen werden.

Autor: Friedrich Oehlerking (Freier Journalist und Experte für Einkauf, Logistik und Transport)