16.10.2017

EU-Sanktionen gegen Russland: Deutschland am stärksten betroffen

Drei Jahre EU-Sanktionen gegen und von Russland – für beide Seiten überwiegen die Nachteile. In Deutschland führten sie zu den stärksten Rückgängen der Handelsbeziehungen mit Russland. Präsident Putin erwartet indes ein Wachstum des deutsch-russischen Handels noch 2017.

EU-Sanktionen

EU-Sanktionen und EU-Exporte nach Russland

Alleine durch die EU-Sanktionen – also ungeachtet anderer Einflussfaktoren wie z. B. Ölpreisverfall oder Abwertung des Rubels – sind die EU-Exporte nach Russland zwischen 2014 und 2016 um 10,7 Prozent eingebrochen.

Das macht rund 30 Milliarden Euro aus, wie eine im Auftrag des Europäischen Parlaments vom österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung (Wifo) durchgeführte Studie feststellt.

Handelsbeziehungen der EU-Länder zu Russland

Der Studie zufolge haben die Handelsbeziehungen der EU-Länder zu Russland durch den wirtschaftlichen Abschwung in Russland und die EU-Sanktionen stark gelitten. 2014 bis 2016 sanken die Exporte nach Russland um jährlich 15,7 Prozent. Betrugen sie 2013 noch 120 Milliarden Euro, waren es 2016 nur noch 72 Milliarden Euro. Die wechselseitigen Sanktionen zwischen der EU und Russland haben daran einen beträchtlichen Anteil.

Putin: Deutsch-russischer Handel wächst 2017

Der russische Präsident Wladimir Putin traf sich im Oktober 2017 mit deutschen Wirtschaftsvertretern in Sotschi. Dort hat er sich optimistisch über die weiteren Perspektiven der Wirtschaftsbeziehungen geäußert. Putin erwartet ein Wachstum des deutsch-russischen Handels 2017 um 25 Prozent. Auch die Investitionen seien im Vergleich zu 2016 deutlich gestiegen.

„Vor dem Hintergrund des russischen Wirtschaftswachstums eröffnen sich neue Möglichkeiten für deutsche Unternehmen“, zitiert „Russland Aktuell“ den russischen Präsidenten. Die Zusammenarbeit solle nicht nur auf Großunternehmen beschränkt bleiben, sondern solle mit kleinen und mittleren Unternehmen verstärkt werden. Putin sagte, der russische Staat habe sich das Ziel gesetzt, bis 2030 den Anteil kleiner und mittlerer Unternehmen auf 40 Prozent zu steigern.

Initiative des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft

Das jährliche Treffen ist eine Initiative des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft. Geschäftsführer von über 20 deutschen Unternehmen waren nach Sotschi gekommen, darunter Vertreter von Linde, Bauer, Knauf, Metro, Schaeffler, Wolffkran, Nord Stream und Siemens. Zuletzt hatte Putin im Frühjahr 2016 deutsche Wirtschaftsvertreter getroffen.

Wolfgang Büchele, Vorsitzender des Ost-Ausschusses, äußerte seine Überzeugung, dass es auch das Ziel der neuen deutschen Bundesregierung sein werde, freundschaftliche Beziehungen zu Russland zu pflegen.

Deutschland Hauptträger des Exportrückgangs

Laut Wifo-Studie wirkten sich die EU-Sanktionen am negativsten in Deutschland aus. Hier beträgt das Minus 11,1 Milliarden Euro (–13,4 Prozent). Somit trägt Deutschland mehr als ein Drittel des sanktionsbedingten Exportrückgangs der EU.

Polen und Großbritannien verzeichneten ein Minus von je rund drei Milliarden Euro. In Österreich sanken die Exporte nach Russland sanktionsbedingt um 9,5 Prozent, das entspricht rund einer Milliarde Euro. Besonders stark betroffen sind Zypern mit einem Rückgang der Exporte nach Russland um –34,5 Prozent, Griechenland um –23,2 Prozent und Kroatien um –21 Prozent.

2014 stärkste Auswirkungen der EU-Sanktionen spürbar

Am stärksten trafen die Sanktionen die Unternehmen im Jahr 2014. In den beiden Folgejahren gelang es – wenn auch nur in geringem Umfang – nach und nach, die Handelsströme in Drittländer umzulenken.

Beträchtlich waren die Einbrüche bei den von den russischen Gegensanktionen betroffenen Agrarprodukten und Nahrungsmitteln. Hier sank das Exportvolumen nach Russland zwischen 2013 und 2016 um 22,5 Prozent (insbesondere betroffen Milchprodukte und Früchte). Die Exporte in der Warenherstellung (vor allem Fahrzeuge) sanken um 17,7 Prozent, die Rohstoffexporte (insbesondere Eisen und Stahl) um rund 15 Prozent.

Die Handelsbeziehungen zwischen der EU und Russland vor den Sanktionen

In den Jahren zuvor waren die Handelsbeziehungen zunehmend enger geworden. Zwischen 2009 und 2012 waren die EU-Exporte nach Russland um jährlich durchschnittlich 23,5 Prozent gestiegen. 2013 war Russland mit einem Exportanteil von 7,7 Prozent der viertgrößte Handelspartner der EU außerhalb der Union – hinter den USA, der Schweiz und China. Russland wiederum lieferte im selben Jahr 42,4 Prozent seiner Exporte an EU-Länder.

Seit dem Schwächeln der russischen Wirtschaft und den Sanktionen hat sich das geändert: Im Jahr 2016 lag Russland im Ranking der wichtigsten Extra-EU-Handelspartner mit 4,6 Prozent nur noch auf dem fünften Platz – hinter der Türkei.

Autor: Friedrich Oehlerking (Freier Journalist und Experte für Einkauf, Logistik und Transport)