29.01.2018

EU sagt Kunststoffabfällen den Kampf an

In Ozeanen mehr Plastik als Fische? Schon ab 2050 könnte das Szenario Wirklichkeit werden, befürchtet die EU Kommission. Soweit will sie es nicht kommen lassen. Dazu hat sie jetzt eine Strategie für Kunststoffe angenommen. Nur recyclingfähiges Material soll auf den Markt gelangen.

EU will gegen Kunststoffabfall vorgehen

25 Millionen Tonnen Kunststoffabfälle

Die Europäer erzeugen jedes Jahr 25 Millionen Tonnen Kunststoffabfälle. Wie mit Plastik in der EU künftig umgegangen werden soll, hat die EU-Kommission Dienstag vergangener Woche in einer ersten europäischen Strategie dargelegt.  „Wenn wir nicht die Art und Weise ändern, wie wir Kunststoffe herstellen und verwenden, wird 2050 in unseren Ozeanen mehr Plastik schwimmen als Fische“, sagte der Erste Kommissionsvizepräsident Frans Timmermans. Er sieht die einzige langfristige Lösung darin, Kunststoffabfälle durch besseres Recycling und Wiederverwendbarkeit zu verringern.

Mit der EU-Strategie für Kunststoffe will die Kommission ein neues, stärker kreislauforientiertes Geschäftsmodell vorantreiben. Gefordert seien Investitionen in innovative Technologien, die Bürger und Umwelt schützen und die Industrie wettbewerbsfähig halten.

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Weniger als 30 Prozent für Recycling

Von den jährlich erzeugten Kunststoffabfällen werden nach Angaben der Kommission bislang weniger als 30 Prozent für das Recycling gesammelt. Weltweit machen demnach Kunststoffe einen Anteil von 85 Prozent der Abfälle an Stränden aus. Kunststoffe endeten sogar in Lungen und im Essen der Menschen. Die Auswirkungen des Mikroplastiks in Luft, Wasser und Lebensmitteln auf die Gesundheit seien bisher unbekannt. Was wenige wissen: Neben den Umweltschäden leidet auch die Wirtschaft unter dem Plastikmüll. An Strandbadeorten muss jeden Morgen Plastikmüll vom Strand beseitigt werden. Nach Angaben des World Wildlife Funds (WWF) entstehen allein für den asiatisch-pazifischen Raum der Tourismusbranche jährlich Kosten von 622 Millionen Dollar. Die Schifffahrt ist betroffen. Netze verfangen in Schrauben, Plastikmüll gerät in Ansaugstutzen.

Der gesamtwirtschaftliche Schaden durch Plastikmüll in den Meeren wird weltweit auf etwa 13 Milliarden Euro jährlich geschätzt. Wirtschaftliche Kosten, die aber nicht durch die Verursacher getragen werden.

 Verbrauch von Einwegkunststoffen zurückdrängen

Die EU-Strategie jetzt baut auf den bisherigen Arbeiten der Kommission auf. Mit ihr will man das Problem „entschieden angehen“. Nach den Plänen sollen ab 2030 alle Kunststoffverpackungen auf dem EU-Markt recyclingfähig sein. Den Verbrauch von Einwegkunststoffen will man zurückdrängen und die absichtliche Verwendung von Mikroplastik beschränken, heißt es in einer Mitteilung der Kommission dazu über den Überwachungsrahmen für die Kreislaufwirtschaft.

Zeitgleich mit der Mitteilung hat das statistische Amt der Europäischen Union „Eurostat“ auf seiner Webseite eine neue Rubrik über die Kreislaufwirtschaft eingerichtet. Dort sollen künftig die jeweils aktuellen Daten für alle Indikatoren des Überwachungsrahmens sowie Visualisierungstools zur Verfügung stehen.

Hier geht es zur Rubrik über die Kreislaufwirtschaft des statistischen Amts der Europäischen Union (Eurostat).

Design, Herstellung und Verwendung von Kunststoffprodukten

Die Strategie regelt neben dem Recycling künftig Design, Herstellung und Verwendung von Kunststoffprodukten in der EU. Ziel sind besser wiederverwendbare, reparierbare Produkte und nachhaltige Materialien. Die Kommission verspricht sich davon Chancen für Innovation, Wettbewerbsfähigkeit und Arbeitsplätze. Der mit der Kunststoffstrategie angenommene Überwachungsrahmen besteht aus zehn Schlüsselindikatoren. Er erfasst jede Phase des Produktlebenszyklus‘, um die Fortschritte beim Übergang zu einer Kreislaufwirtschaft auf EU- und nationaler Ebene zu messen.

Punkte der Strategie

Wesentliche Punkte der Strategie sind:

  • Recycling, ein lohnendes Geschäft: neue Vorschriften für Verpackungen sollen die Recyclingfähigkeit von auf dem Markt verwendeten Kunststoffen verbessern und die Nachfrage nach recyceltem Kunststoff erhöhen. Es werde mehr Kunststoff gesammelt. Dafür sollen bessere, größere Recyclinganlagen errichtet und ein standardisiertes System für getrennte Sammlung und Sortierung von Abfällen in der EU geschaffen werden. Dies soll rund 100 Euro pro gesammelter Tonne einsparen.
  • Kunststoffabfälle eindämmen: Die EU-Rechtsvorschriften hätten bereits zu einer Verringerung der Verwendung von Kunststofftragetaschen geführt. Jetzt will man gegen andere Einwegkunststoffe sowie Fanggeräte vorgehen, nationale Sensibilisierungskampagnen unterstützen, neue EU-Vorschriften noch in diesem Jahr auf den Weg bringen. Mikroplastik in Produkten will man verringern, Logos für abbaubare und kompostierbare Kunststoffe festlegen.
  • Gegen Vermüllung der Meere: neue Vorschriften über Hafenauffangeinrichtungen sollen Meeresabfälle aus Quellen auf See bekämpfen. Auf Schiffen anfallende oder auf See gesammelte Abfälle dürfen dort nicht zurückgelassen, sondern müssen an Land zurückgebracht und ordnungsgemäß bewirtschaftet werden, allerdings bei entsprechend angepasstem Verwaltungsaufwand für Häfen, Schiffe und Behörden.
  • Investitionen und Innovationen: Richtlinien sollen Kunststoffabfälle an der Quelle so gering wie möglich halten. Zusätzliche 100 Millionen Euro sollen in die Entwicklung intelligenterer und recyclingfähigerer Kunststoffe, effizienterer Recyclingverfahren und zur Beseitigung gefährlicher Stoffe und Kontaminanten aus recycelten Kunststoffen fließen.

Parlament und Rat haben das letzte Wort

Die jetzt  vorgeschlagene Richtlinie über Hafenauffangeinrichtungen wird nun dem Europäischen Parlament und dem Rat zur Annahme vorgelegt. Gemäß den Anforderungen an eine bessere Rechtsetzung wird die Kommission sodann den Vorschlag über Einwegkunststoffe vorlegen.

Autor: Friedrich Oehlerking (Freier Journalist und Experte für Einkauf, Logistik und Transport)