17.12.2020

EU-Kommission: Verkehr soll bis 2050 emissionsfrei werden

Alle Autos, Busse, Lkw fahren emissionsfrei. Noch eher eine Utopie, soll sie bis 2050 bereits Wirklichkeit in Europa sein. Das jedenfalls hat die EU-Kommission als Ziel ausgegeben und gleich eine Strategie vorgestellt, die den Weg ebnen soll. Verbände von Transport und Energie üben Kritik.

Emissionsfrei

Neues Verkehrssystem bis 2050

Bis 2050 – also in knapp 30 Jahren – soll verkehrsbedingte Emissionen in Europa um 90 Prozent ein neues Verkehrssystem verringern mit folgenden Grundzügen:

  • intelligent
  • wettbewerbsfähig
  • sicher
  • zugänglich
  • erschwinglich

Das jedenfalls hat die Europäische Kommission am 09.12.2020 in einer „Strategie für nachhaltige und intelligente Mobilität“ und einem Aktionsplan festgelegt. Sie sollen in den kommenden vier Jahren Richtschnur des politischen Handelns in der EU bilden. Damit wolle man die Fundamente für den ökologischen und digitalen Umbruch im EU-Verkehrssystem und seine Widerstandsfähigkeit gegenüber künftigen Krisen legen, heißt es in einer Mitteilung der Kommission.

Etappenziele zur nachhaltigen Zukunft der EU

Um alle Verkehrsträger nachhaltiger und umweltfreundliche Alternativen allgemein verfügbar zu machen sowie den Wandel zu beschleunigen, wolle man Anreize schaffen. Dafür hat die Kommission folgende Etappenziele für die EU vorgegeben.

Bis 2030:

  • mindestens 30 Millionen emissionsfreie Pkw, Schiffe und Flugzeuge, erneuerbare CO2-arme Kraftstoffe samt Infrastruktur u.a. mit drei Millionen öffentlichen Ladestationen bis 2030
  • 100 Städte klimaneutral
  • Hochgeschwindigkeitsbahnverkehr verdoppelt für gesunde und nachhaltige Mobilität in und zwischen Städten
  • Linienverkehr auf Strecken unter 500 km klimaneutral
  • automatisierte Mobilität in großem Maßstab
  • Emissionsfreie Schiffe marktreif
  • zusätzliche Fahrradinfrastrukturen

Bis 2035:

  • Emissionsfreie Großflugzeuge marktreif

Bis 2050:

  • Fast alle Pkw, Lieferwagen, Busse und neue Lkw emissionsfrei
  • Schienengüterverkehr verdoppelt und ökologisiert
  • multimodale transeuropäische Verkehrsnetz (TEN-V) für nachhaltigen und intelligenten Verkehr mit Hochgeschwindigkeitskonnektivität uneingeschränkt betriebsbereit.

Zur Umsetzung der Ziele sieht die Strategie insgesamt 82 Initiativen in zehn Leitinitiativen mit konkreten Maßnahmen vor.

Nachhaltiger Verkehr:

  • Emissionsfreiheit Personenstraßenverkehr bis 2030
  • Ökologisierung des Güterverkehrs bis 2050
  • Verdoppelung Hochgeschwindigkeitsbahnverkehr bis 2030
  • emissionsfreie Flughäfen und Häfen
  • CO2-Bepreisung und Schaffung besserer Anreize für Nutzer, z. B. durch umfassende Maßnahmen zu einer verkehrsträgerübergreifend fairen und effizienten Preisgestaltung.

Intelligenter Verkehr:

Die Beförderung von Personen und Fracht will die Kommission digitalisieren:

  • vernetzte und automatisierte multimodale Mobilität, z. B. durch multimodales Reisen oder einfacheres Verladen von Gütern von einem Verkehrsträger auf den anderen.
  • Daten und künstliche Intelligenz für intelligente Mobilität, z. B: durch Drohnen, unbemannten Luftfahrzeugen und weiteren Maßnahmen zum Aufbau eines gemeinsamen europäischen Raums für Mobilitätsdaten.

Krisenresistenter Verkehr

  • Stärkung des Binnenmarktes, z. B. durch Vollendung des transeuropäischen Verkehrsnetzes (TEN-V) bis 2030 und vermehrte öffentliche und private Investitionen in die Modernisierung der Flotten aller Verkehrsträger
  • für alle gerechte Mobilität, z. B. durch erschwingliche zugängliche Mobilität in allen Regionen und für alle Fahrgäste einschließlich Personen mit eingeschränkter Mobilität sowie höherer Attraktivität des Verkehrssektors für Beschäftigte.
  • verkehrsträgerübergreifend Verkehrssicherheit und Gefahrenabwehr auch durch Senkung der Zahl der Todesopfer bis 2050 auf nahezu null.

Kritik von Verbänden

Kritik an dem Papier äußern die Verbände der Mobilität. Bei aller grundsätzlichen Zustimmung seien die Ziele nicht von heute auf morgen erreichbar. Ein hohes Maß an Pragmatismus sei erforderlich, heißt es in einer gemeinsamen Mitteilung der europäischen Transportverbände. Stakeholder und andere Betroffene müssten einbezogen werden, um alle mit ins Boot zu holen. Auch die soziale Dimension des grünen Übergangs sei zu berücksichtigen.

Zum Ziel unverzüglich in großem Maßstab einzusetzender nachhaltiger erneuerbarer und kohlenstoffarmer Brennstoffe geben die Verkehrsverbände zu bedenken, dass der Einsatz nachhaltiger Brennstoffe in Europa sehr gering sei. Es gebe kaum einen gangbaren Weg für einen Transportunternehmer, in grüne Alternativen zu investieren, wie z.B. elektrisch oder mit Wasserstoff betriebene Lastkraftwagen. Letztere hätten die Hersteller erst für die zweite Hälfte dieses Jahrzehnts angekündigt.

Die Elektrifizierung von schweren Nutzfahrzeugen befinde sich erst in einem sehr frühen Stadium. Daher müsse man die Rolle kohlenstoffarmer Kraftstoffe wie Biomethan, anderer nachhaltiger Biokraftstoffe und Power-to-X anerkennen. Darüber hinaus fehle es in dem EU-Papier an Informationen über neue Energiealternativen. Man brauche die Zusicherung, dass die dazugehörige Infrastruktur folgen wird.

Gewerblicher Straßengüterverkehr wichtig für die Güterbeförderung

Überkommene Hinweise der EU-Kommission zur Verlagerung des Güterverkehrs von der Straße auf die Schiene und die Binnenschifffahrt in dem Strategie-Papier verkennten die Rolle der gewerbliche Straßengüterverkehr für die Güterbeförderung in Europa.

Die Verbände fordern daher die Gesetzgeber auf, sich weiterhin auf die „multimodale Zusammenarbeit“ zu konzentrieren. Was die „intelligente Mobilität“ betrifft, fordern die Verbände dringend eine Klarstellung zur Datenverwaltung. Einige Daten im Straßengüterverkehr insbesondere mit kommerziellen Informationen seien hochsensibel. Von zentraler Bedeutung für die Transportunternehmen sei zudem die in Aussicht gestellte Verstärkung von Kontrollen im Straßengüterverkehr und der Anreiz für eine bessere Durchsetzung der Sozialgesetzgebung. Man müssen fairen Wettbewerb und die menschlichen Arbeitsbedingungen verteidigen. Nur damit sei nachhaltige Mobilität möglich.

BDEW plädiert für Revision der Richtlinie AFI

Aus Sicht des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) ist entscheidend die geplante Revision der Richtlinie zu alternativer Treibstoffinfrastruktur (Alternative Fuels Infrastructure AFI) auf EU-Ebene. Sie würde die Mitgliedsstaaten in die Lage versetzen, für ihren bedarfsgerechten Lade- und Tankinfrastrukturausbau die CO2-Reduktionsziele auf der Fahrzeugseite als Zielgröße zu verwenden. Letztlich müssten der Hochlauf der Fahrzeuge und der Ausbau der Lade- und Tankinfrastruktur Hand in Hand erfolgen. Nur wenn es Fahrzeuge gebe, die die Lade- und Tankinfrastruktur nutzen, könne man sie wirtschaftlich betreiben und ausbauen.

Autor: Friedrich Oehlerking (Freier Journalist und Experte für Einkauf, Logistik und Transport)