15.09.2020

EU-Aktionsplan zu kritischen Rohstoffen vorgelegt

Keine Masken aus Europa – Schock zu Beginn der Corona-Krise. Plötzlich stelle man fest: nicht nur medizinische Artikel aus Europa sind rar, auch bei Rohstoffen zeigte sich eine erschreckende Abhängigkeit vom Ausland. Jetzt will die Kommission mit einem Aktionsplan gegensteuern.

EU-Aktionsplan

Das weiße Gold der E-Mobilität: Lithium, ein kritischer Rohstoff

60-mal mehr Lithium bis 2050 – so viel wird Europa allein für Batterien von Elektrofahrzeugen und zur Energiespeicherung benötigen, bis 2030 immer noch bis zu 18-mal. Das belegt eine Zukunftsstudie, die EU-Kommissionsvizepräsident Maroš Šefčovič im Rahmen des nun beschlossenen Aktionsplans der EU-Kommission vorlegt. Sie belege u.a. die derzeitige Abhängigkeit der EU von fossilen Brennstoffen. Die EU könne es sich nicht erlauben, diese gegen eine Abhängigkeit von kritischen Rohstoffen einzutauschen.

Lieferketten kritisch hinterfragt – COVID-19 macht’s möglich

Das Coronavirus habe die strategischen Wertschöpfungsketten der EU gestört und die Abhängigkeit noch deutlicher aufgezeigt. Wegen der COVID-19-Krise wird derzeit in vielen Teilen der Welt kritisch geprüft, wie die Lieferketten organisiert sind, insbesondere, wenn die öffentliche Sicherheit oder strategische Sektoren betroffen sind. Der von der Kommission vorgeschlagene Konjunkturplan legt den Schwerpunkt auf einen ökologischeren, digitaleren und widerstandsfähigeren Wiederaufbau. Deshalb rät die Kommission dazu, offene strategische Autonomie zu entwickeln und die Rohstoffversorgung zu diversifizieren.

Umfangreicher Aktionsplan

Der Aktionsplan der Europäischen Kommission zu kritischen Rohstoffen ist umfangreich:

  • eine Liste kritischer Rohstoffe 2020,
  • eine Zukunftsstudie über kritische Rohstoffe für strategische Technologien und Sektoren für die Zeiträume bis 2030 und bis 2050,
  • Maßnahmen, um die Abhängigkeit Europas von Drittändern zu verringern und Versorgungsquellen zu diversifizieren.

Zudem will die Kommission die Ressourceneffizienz steigern und die Kreislaufwirtschaft stärken. Weltweit soll die verantwortungsvolle Rohstoffbeschaffung gefördert werden, heißt es in einer Mitteilung der Kommission.

Ziel: starkes Bündnis, gegen Abhängigkeit

Ziel ist ein starkes Bündnis, um gemeinsam die hohe Abhängigkeit zu überwinden mithilfe

  • einer diversifizierten,
  • nachhaltigen und sozial verantwortlichen Rohstoffbeschaffung sowie
  • durch das Kreislaufprinzip und durch Innovation.

Die Kommission sieht eine Reihe von Rohstoffen als unerlässlich an, um den Mitgliedsstaaten beim grünen und digitalen Wandel eine Vorreiterrolle und als führender Industriestandort zu sichern. Man könne es sich nicht leisten, sich ausschließlich auf Drittländer zu verlassen, bei einigen seltenen Erden sogar nur auf ein einziges Land.

Durch Diversifizierung der Versorgung aus Drittländern und Ausbau der eigenen Kapazitäten für Förderung, Verarbeitung, Recycling, Raffinierung und Trennung seltener Erden könne man widerstandsfähiger und nachhaltiger werden. Die Umsetzung der von der Kommission vorgeschlagenen Maßnahmen erfordert konzertierte Anstrengungen von Industrie, Zivilgesellschaft, Regionen und Mitgliedstaaten. Die Letzteren sollen Investitionen in kritische Rohstoffe in ihre nationalen Konjunkturprogramme aufnehmen, so Binnenmarkt-Kommissar Thierry Breton.

Die im Aktionsplan aufgeführten Maßnahmen sollen beim Übergang zu einer grünen und digitalen Wirtschaft helfen. Zugleich sollen sie Europas Widerstandsfähigkeit und die offene strategische Autonomie bei den Schlüsseltechnologien erhöhen, die für einen solchen Wandel notwendig sind.

Liste kritischer Rohstoffe aktualisiert

Die Liste der kritischen Rohstoffe hat die Kommission aktualisiert, um der veränderten wirtschaftlichen Bedeutung und den Herausforderungen bei der Versorgung mit Rohstoffen, die sich aufgrund ihrer industriellen Verwendung ergeben, Rechnung zu tragen. Sie enthält 30 kritische Rohstoffe, erstmals mit dabei Lithium, das für einen Übergang zur E-Mobilität unerlässlich ist.

Wichtigste Lieferländer von kritischen Rohstoffen an die EU
Wichtigste Lieferländer von kritischen Rohstoffen an die EU

Der Aktionsplan für kritische Rohstoffe zielt darauf ab,

  • widerstandsfähige Wertschöpfungsketten für die industriellen Ökosysteme der EU zu entwickeln,
  • die Abhängigkeit von kritischen Primärrohstoffen durch kreislauforientierte Ressourcennutzung, nachhaltige Produkte und Innovation zu reduzieren,
  • die inländische Rohstoffbeschaffung in der EU zu stärken und
  • die Beschaffung aus Drittländern zu diversifizieren sowie, unter voller Einhaltung der internationalen Verpflichtungen der EU, Verzerrungen des internationalen Handels zu beseitigen.

Zehn konkrete Maßnahmen

Ihre Ziele will die Kommission mithilfe von zehn Maßnahmen erreichen, z.B.:

  • Gründung der Europäischen Rohstoffallianz in den kommenden Wochen maßgeblicher Interessenträger für dringendste Bedürfnisse, zwecks Erhöhung der Widerstandsfähigkeit in den Wertschöpfungsketten für seltene Erden und Magnete als unverzichtbar eingestuft für die meisten industriellen Ökosysteme wie erneuerbare Energien, Verteidigung und Raumfahrt, später Ausweitung auf den Bedarf an anderen kritischen Rohstoffen und Grundmetallen
  • Einsatzbereitschaft bis 2025 von noch zu ermittelnden Bergbau- und Verarbeitungsprojekten in der EU
  • In Einklang mit dem EU-Green-Deal Kreislaufprinzip und Nachhaltigkeit in der Rohstoff-Wertschöpfungskette, bis Ende 2021 Festlegung von Kriterien für eine nachhaltige Finanzierung des Bergbaus und
  • der mineralgewinnenden Sektoren
  • Erfassung des Potenzials kritischer Sekundärrohstoffe aus EU-Beständen und Abfällen und Ermittlung entsprechender Projekte bis 2022
  • Aufbau strategischer internationaler Partnerschaften, um die Versorgung mit kritischen und in der EU nicht vorkommenden Rohstoffen sicherzustellen,
  • Pilotpartnerschaften mit Kanada, interessierten Ländern in Afrika und der Nachbarschaft der EU ab 2021.
  • Förderung internationaler Zusammenarbeit
  • sowie nachhaltiger und verantwortungsvoller Bergbauverfahren und
  • Transparenz.
Autor: Friedrich Oehlerking (Freier Journalist und Experte für Einkauf, Logistik und Transport)