12.11.2018

Ersatzteileinkauf bei der Bahn: Zugbrand bei Montabaur wirft Fragen auf!

Vor gut zwei Wochen brennen zwei Waggons eines ICE völlig aus. Der Zug war auf dem Weg von Köln nach Frankfurt am Main. Auf offener Strecke fängt er Feuer. Die Feuerwehr bemängelt das Notfallmanagement der Bahn. Doch auch der Ersatzteileinkauf der Bahn wirft Fragen auf.

Grundsätzlich verfügt die Bahn über ein modernes Einkaufsmanagement für Ersatzteile

Zu wenige Züge für zu hohe Anforderungen?

39 mal hat es seit 2008 in ICEs der Deutschen Bahn gebrannt. Über entsprechende Recherchen des ARD-Politikmagazins „Report Mainz“ berichtet „waz-online“. Allein 2018 kam es demnach bisher in drei ICEs zu Feuer und Rauch – zwei mal davon auf der Strecke Köln-Frankfurt am Main, zuletzt am 13. Oktober. Zwei Waggons fingen plötzlich Feuer, der Zug musste evakuiert werden. Bahnexperte Prof. Markus Hecht führt die hohe Zahl der Brände auf der Schnellfahrstrecke auf die hohe Leistungsanforderung dort und eine seiner Ansicht nach zu geringe Anzahl von Fahrzeugen zurück. In der Folge würden Züge mit Schäden auf die Strecke geschickt. Ob dies auch bei dem ICE Mitte Oktober im Westerwald der Fall war, ist noch nicht geklärt. Gibt es hier auch Versäumnisse beim Ersatzteileinkauf?

Wurde ein Buchholzrelais überbrückt?

Die Deutsche Bahn soll bei den älteren ICE-1- und ICE-2-Modellen gelegentlich das sogenannte Buchholzrelais überbrücken. Das Bauteil überwacht das Transformatoren-Öl, meldet Überhitzung und schaltet notfalls den Transformator ab.

Laut Experte Hecht deute auch der Unfall Mitte Oktober „ganz stark auf eine Explosion im Kühlkreislauf des Transformators hin.“
Hecht zufolge tritt derlei auf, wenn das Buchholzrelais nicht funktioniert.

Es stellt sich die Frage, ob auch beim Unfall-ICE-3 überbrückt wurde. Das sei grundsätzlich nicht zulässig, zitiert „waz-online“ einen Bahnsprecher. Im Wartungsprozess für die neueren ICE-Klassen ICE 3 und ICE T sei dieses Vorgehen nicht vorgesehen. Eine Überbrückung sei nach derzeitigem Kenntnisstand bei ICE 3 und ICE T nicht vorgekommen.

Und warum?

In „Report Mainz“ widerspricht ein Lokführer der Deutschen Bahn diesen Aussagen. Er wirft der Bahn vor, dass sie auch ICE-3-Züge mit einem überbrückten Buchholzrelais fahren lasse. Auch andere Lokführer hätten schriftlich berichtet, bereits einen ICE 3 mit einem überbrückten Buchholzrelais geführt zu haben. Anders als bei den ICE-1- und ICE-2-Modellen befindet sich das Buchholzrelais im ICE 3 unter den Waggons und nicht in einem Triebkopf. Jeder Trafo wird mit 1540 Litern Öl gekühlt. Laut Experten sei das Überbrücken des Relais ein Sicherheitsrisiko. Trotzdem werde diese Praxis immer wieder angewandt. Die Frage ist: warum? Werden nicht genug Ersatzrelais geordert?

Ersatzteileinkauf muss funktionieren

Eigentlich erstaunlich; denn grundsätzlich verfügt die Bahn über ein modernes Einkaufsmanagement beim Ersatzteileinkauf.

„Wenn die Bahn stillsteht, müssen sofort Ersatzteile her“, ist eine aktuelle Firmeninformation des Supply-Chain-Beratungsunternehmens valantic Supply Chain Excellence AG, früher Wassermann AG, München, überschrieben. Dort heißt es: „Servicetechniker sind darauf angewiesen, das erforderliche Material schnellstmöglich am richtigen Ort zu erhalten.“
Das Unternehmen entwickelte für Siemens eine entsprechende Plattform für die Ersatzteillogistik. Hersteller dieser Baureihe sind sowohl Siemens als auch Bombardier.

Valantic optimiert Einkaufsprozesse

Seit über 30 Jahren sieht sich Valantic als Partner produzierender mittelständischer Unternehmen und internationaler Konzerne bei der Optimierung ihrer Wertschöpfungsketten und der Steigerung ihrer logistischen Leistungsfähigkeit. Das Unternehmen bietet Standardsoftware sowie integrierte Prozess- und IT-Beratung in den Bereichen Supply Chain Management, Produktions- und Logistikmanagement, Lieferantenmanagement und IT-Management. Als Entwickler von Standardsoftware liefert Valantic auf Prozessoptimierung ausgerichtete Tools, die Lean-Methoden, umfassende Planungstransparenz und Industrie-4.0-Ansätze verbinden.

Siemens bestellte B2B-Bestellplattform Rail Mall 4.0

Siemens sieht sich als international führender Anbieter von Schienenfahrzeugen. Die Mobility Division von Siemens befördert Menschen und Güter auf Schiene und Straße über kleine und große Distanzen. Für den reibungslosen Betrieb stellt das Unternehmen über 20.000 Ersatzteile online zur Verfügung. Bei Valantic bestellte das Unternehmen einen zeitgemäßen Webshop, der nutzerfreundlich, verlässlich und jederzeit erreichbar sein soll. Das Ergebnis ist eine von Valantic entwickelte SAP Hybris Commerce-Plattform. Diese führt direkt zum gewünschten Produkt: ursprünglich die „Rail Mall 4.0“, seit September 2018 der „Easy Spares Marketplace“.

Mit ihm habe Valantic eine moderne E‑Commerce-Umgebung für die Bedürfnisse von Siemens Mobility und deren Kunden geschaffen.

Diese ist ein dank neuen Prozessen „zuverlässiges Shopsystem als Enabler für Kundenakquisition, Kundenbindung und ‑zufriedenheit“, so Oliver Breithaupt von der Siemens AG.
Wie zuverlässig es letztlich für die Bahn jetzt arbeitete und wie konsequent es von ihr genutzt wurde, werden sicherlich Fragen sein, die im Zuge der Aufklärung der ICE-Brände mit zu klären sein dürften.

Autor: Friedrich Oehlerking (Freier Journalist und Experte für Einkauf, Logistik und Transport)