28.02.2019

Entlastung für den Brenner durch die Bahn?

Derzeit ist eine Entlastung für den Brenner durch die Bahn schwierig, denn es hakt gewaltig an dieser Problemstrecke. Italien und Österreich schaffen die Voraussetzungen – aber Deutschland hinkt hinterher. Das will die IHK München jetzt geändert sehen.

Eine Investition in die Zukunft ist es, was die IHK München fordert: mehr Gleise, um die Güter auf die Schiene zu bringen und den Brenner zu entlasten.

Blockabfertigungen gegen Lkw-Stau

Der Stau am Brenner ist mittlerweile schon zu einer Touristenattraktion geworden. Mit stoischer Regelmäßigkeit wehrt sich das Alpenland Österreich mit Blockabfertigungen gegen den Lkw-Stau auf der Brennerautobahn. Abhilfe könnte eine zügige Realisierung des Brenner-Nordzulaufs der Bahn und eine Bündelung auf der Schiene bringen, ist Andreas Bensegger, Vorsitzender des Regionalausschusses Rosenheim der IHK München-Oberbayern, überzeugt. Zusätzliche Gleise auf einer Trasse würden zur Entlastung für den Brenner beitragen.

Bensegger: „Das Inntal ist dicht.“

Um die Güter von der Straße zu bringen, bleibe nur die Schiene. Der Nordzulauf müsse sinnvoll gestaltet und umgesetzt werden, assistiert IHK-Vizepräsident und Vorsitzender des Verkehrsausschusses Georg Dettendorfer.

Anknüpfung an künftigen Brenner Basistunnel

Der Brenner Nordzulauf bindet den im Bau befindlichen Brenner Basistunnel an das weiterführende Schienennetz nach Norden an. Der Tunnel benötige leistungsfähige Zulaufstrecken, heißt es in der Pressemitteilung der Kammer. Die Brennerquerung ist Teil des Skandinavien-Mittelmeer-Korridors. Dieser bildet den Kern des transeuropäischen Verkehrsnetzes und ist als Hochleistungs- und Hochgeschwindigkeitsstrecke im Nord-Süd-Verkehr konzipiert.

Als Grundvoraussetzung für die Verlagerung der Verkehre im Alpentransit von der Straße auf die Schiene sehen die Verantwortlichen bei Kammer und Bahn den Ausbau der Zulaufstrecken in durchgängig viergleisiger Trassierung. Der Wechsel des Verkehrsträgers reduziere beträchtlich die Schadstoffemissionen und Lärmbelästigungen im Transitverkehr. Zudem erhöhe er die Verkehrssicherheit auf der hoch belasteten Brennerautobahn.

Vom transportierten Gütervolumen über den Brenner werden derzeit etwa 70 Prozent auf der Straße und lediglich 30 Prozent auf der Schiene abgewickelt. Nur zusätzliche Kapazitäten der Eisenbahn könnten die Verlagerung und das zusätzliche Gütervolumen bewältigen. Darüber hinaus bedürfe es zusätzlicher Terminal- und Umschlagkapazitäten, um den Zugang zur Schiene zu ermöglichen.

Entlastung für den Brenner durch unterirdische Trassenführung

Um die Beeinträchtigungen für Mensch und Umwelt zu minimieren, schlägt die IHK eine unterirdische Trassenführung vor. Informationen aus erster Hand zum Brennerbasistunnel holten sich die Unternehmer unter anderem bei Prof. Konrad Bergmeister, Vorstand der Brennerbasistunnel Gesellschaft in Innsbruck.

„Der Bau des Tunnels ist Realität“, so Bergmeister.

Nahezu die Hälfte der gesamten Tunnelstrecken sei bereits aufgebrochen, derzeit arbeite man gleichzeitig an vier Baustellen im 24-Stunden-Betrieb. Noch nie habe es so viel Druck für das Projekt wie jetzt gegeben.

„Das ist positiv“, erklärt Bergmeister.

Die Chance, dieses grenzüberschreitende Projekt mit Hilfe der EU zu finanzieren, komme nie mehr.

Tirol baut, Bayern schaut

Der Bürgermeister der betroffenen oberbayerischen Gemeinde Flintsbach, Stefan Lederwascher, bringt das Problem auf den Punkt: „Tirol baut, Bayern schaut.“ Man habe sich von Anfang an eine ähnliche Bürgerbeteiligung wie in Tirol gewünscht. Die Forderungen der Inntal-Bürgermeister aus dem Jahr 2011 seien nach wie vor aktuell:

„Wenn das Projekt kommt, muss es unter die Erde. Das kostet zwar mehr, dieses Geld muss aber in die Hand genommen werden“, so Lederwascher.

Das sieht Bensegger auch so.

„Als IHK müssen wir volkswirtschaftliche Vor- und Nachteile abwägen“, zitiert ihn eine Pressemitteilung der Kammer.

Dazu gehören seiner Ansicht nach gesellschaftliche Akzeptanz und Nachhaltigkeit. Damit sowohl der Wirtschaftsstandort als auch die Bevölkerung vom Projekt profieren, seien die Art der Ausführung und die spätere betriebliche Nutzung entscheidend.

Über 100 Trassenvorschläge

Zur weiteren Planung stellt Projektleiter Torsten Gruber von der Deutschen Bahn fest:

„Bis Mitte des Jahres werden unter den über 100 Trassenvorschlägen eine Handvoll ausgewählt sein. Später folgen eine parlamentarische Befassung im Bundestag, Genehmigungsprozesse und eine Planfeststellung.“

Josef Ölhafen von der Wirtschaftskammer Tirol zu den Herausforderungen der Verkehrsinfrastruktur:

„Wir brauchen den freien Warenverkehr und müssen gleichzeitig das große Verkehrsaufkommen bewältigen“.

Die IHK bekräftigt, sich auch in Zukunft mit dem Projekt zu befassen und den Verfahrensstand kontinuierlich zu verfolgen.

„Wir dürfen als Wirtschaft den Brenner-Nordzulauf nicht aus den Augen lassen. Dafür ist das Projekt für unsere Region, ihre Bürger und Unternehmen viel zu wichtig“, so IHK-Vizepräsident Dettendorfer.

Frühzeitige Bürgerbeteiligung

Nach mehrjähriger Prüfung der baulichen Gegebenheiten im Planungsraum und der frühzeitigen Bürgerbeteiligung liegen derzeit sieben Grobtrassenentwürfe vor. Die Verantwortlichen hatten sie 2018 der Öffentlichkeit zur Diskussion gestellt.

Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) hat unterdessen bei seinem Besuch in Rosenheim im Januar 2019 einen Baustopp, wie von Projektgegnern gefordert, ausgeschlossen und eine Beschleunigung des weiteren Verfahrens in Aussicht gestellt – im Juli 2019 werde man fünf konkrete Trassen vorstellen.

Die Notwendigkeit des Projekts ergebe sich aus internationalen Verpflichtungen mit den Nachbarländern Österreich und Italien, außerdem aus der Bedarfsprognose für den alpenquerenden Schienengüterverkehr.

Autor: Friedrich Oehlerking (Freier Journalist und Experte für Einkauf, Logistik und Transport)