05.12.2022

Energiekrise: Lagerhaltung und Preisbremsen

Die Industrie steht unter hohem Energiedruck. Sie reagiert darauf mit verstärkter Lagerhaltung und Senkung ihrer Gas- und Stromverbräuche. Die Regierung ihrerseits hat vor Weihnachten Preisbremsen auf Gas und Strom beschlossen. Sie sollen noch weiter zum Energiesparen anregen.

Energiekrise: Lagerhaltung und Preisbremsen

Störungen der internationalen Lieferketten

Die deutsche Industrie hat seit 2020 vor allem mit verstärkter Lagerhaltung auf die Störungen der internationalen Lieferketten reagiert. Das geht aus einer Umfrage des ifo Instituts hervor:

  • 68 Prozent der befragten Firmen haben ihre Lager vergrößert.
  • 65 Prozent haben sich zusätzliche Lieferanten gesucht.
  • 54 Prozent überwachen ihre Lieferketten jetzt besser als zuvor.
Reaktion auf Lieferkettenunterbrechungen
Reaktion auf Lieferkettenunterbrechungen

„Die Unternehmen kämpfen an vielen Fronten, um Lieferkettenunterbrechungen zu vermeiden. Die Lieferketten sind komplexer und somit störanfälliger geworden. Kleine Brüche können häufig einen Produktionsausfall verursachen“, sagt Lisandra Flach, die Leiterin des ifo Zentrums für Außenwirtschaft.

Weitere Ergebnisse der ifo-Umfrage:

  • 38 Prozent der Industriefirmen sortieren bestehende Lieferanten um.
  • Nur 13 Prozent erhöhen ihre Fertigungstiefe, stellen also Zulieferteile jetzt selbst her.

Die Ergebnisse unterscheiden sich nach Größe der Firmen:

  • Vor allem kleine und mittelgroße Unternehmen (KMU) erhöhen ihre Lagerhaltung (73 Prozent),
  • große Unternehmen tun dies etwas weniger (64 Prozent).
  • Großunternehmen suchen sich vor allem neuen Lieferanten (72 Prozent),
  • bei den KMUs nur 55 Prozent.
  • Große Firmen überwachen auch ihre Lieferkette stärker als kleine (59 gegen 48 Prozent).
  • Sie schichten stärker um zwischen Lieferanten (43 gegen 30 Prozent).

Beim Zurückholen von Fertigung ins eigene Unternehmen gibt es fast keine Unterschiede:

  • Große Unternehmen zu 14 Prozent,
  • kleine zu 12 Prozent.
Reaktion auf Lieferkettenunterbrechungen
Reaktion auf Lieferkettenunterbrechungen

Zumal im B2C-Geschäft erwarten laut „sevDesk“ Kunden, dass Produkte immer verfügbar sind und die Lieferung sehr schnell erfolgt. Perfekte Prozesse im Lager seien eine Grundvoraussetzung, um diesen Anforderungen gerecht zu werden. Lagerung von Produkten könne darüber hinaus andere Gründe haben. So wird Wein im Laufe der Jahre immer besser und muss deshalb gelagert werden. Eine andere Möglichkeit sind nicht aktiv genutzte Spekulationsobjekte wie beispielsweise Goldbarren. Sie lagern über Jahre, um zu einem passenden Zeitpunkt nach der Lagerdauer wieder weiterverkauft zu werden.

Strategien der Lagerhaltung

Die Lagerhaltung optimal zu gestalten ist das Ziel aller Unternehmen, die ein Lager betreiben. Wie das am besten passieren soll, hängt davon ab:

  • wozu dient die Lagerung?
  • um welche Produkte handelt es sich?

Abhängig von diesen Faktoren gibt es verschiedene Strategien, die hier zum Einsatz kommen können.

  • First In – First Out, „Fifo“: Produkte gelangen zuerst ins Lager und aus ihm wieder hinaus,ist verbreitet, zählt zu den am häufigsten genutzten Strategien, in vielen Branchen anwendbar.
  • Last In – First Out, „Lifo”: Produkte gelangen zuletzt ins Lager und gehen als erste aus ihm wieder hinaus, kommt zur Anwendung, wenn es räumliche Gründe im Lager es nicht anders zulässt und die Güter nicht verderblich sind, Beispiel Baumarkt Lampen, neue Lampen wird geliefert, eine Lampe liegt noch im Regal, die neu gelieferten werden darüber gestapelt, sodass die eine verbliebene Lampe ganz unten liegt, die zuletzt eingeschichtete Lampe hingegen wird als erste verkauft.
  • First Expired – First Out, „Fefo“: bei verderblichen Gütern naheliegend, etwa bei Lebensmitteln oder Medikamenten, Produkte, die zuerst ablaufen, verlassen zuerst das Lager.
  • Chaotische Lagerhaltung, „Chaola“: einzelne Stück von jedem Produkt im gesamten Lager verteilt, damit an unterschiedlichen Orten Mitarbeiter oder Lagerfahrzeuge kurze Wege zu dem benötigten Produkt haben, das das Lager gegebenenfalls besonders schnell verlassen kann, Chaos im Sinne von Effizienz.

Einkauf - Logistik - Transport

Cleverer Einkauf. Durchdachte Logistik. Sicherer Transport.

€ 699.00Jahrespreis zzgl. MwSt.

Online-Version

Industriefirmen senken Gasverbrauch ohne Produktion zu drosseln

Viele Unternehmen im Verarbeitenden Gewerbe haben bisher Erdgas mit nur geringen Einschränkungen der Fertigung eingespart. Das wird allerdings in der Zukunft schwerer, wie eine Umfrage des ifo Instituts ergeben hat:

  • 59 Prozent der Firmen nutzen Erdgas für ihre Produktionsprozesse.
  • Davon haben 2021 75 Prozent Gas gespart, ohne die Produktion drosseln.

„Dieser hohe Anteil ist erfreulich, allerdings sind die Unterschiede zwischen den Branchen erheblich“, sagt Karen Pittel, die Leiterin des ifo Zentrums für Energie, Klima und Ressourcen. Überdies scheine der Spielraum für weitere Einsparungen ohne Produktionsrückgang zunehmend ausgereizt:

  • 14,1 Prozent der Firmen mussten ihre Produktion senken, um weniger Gas zu verbrauchen,
  • 7,4 Prozent haben bisher keine Maßnahmen zum Gassparen ergriffen.

Besonders viele Unternehmen haben bereits ihre Produktion gedrosselt bei:

  • Druckerzeugnissen (40 Prozent),
  • in der Metallerzeugung und -bearbeitung (35) und
  • bei den Herstellern von Textilien (25).
  • In der Chemie sind es 17,3 Prozent der Firmen
  • bei Glas/Keramik 14 Prozent.
Minderung des Erdgasverbrauchs
Minderung des Erdgasverbrauchs

Für die kommenden sechs Monate geben nur noch 38,8 Prozent der Firmen an, ihren Gasverbrauch beim gleichem Level in der Fertigung weiter senken zu können. Immerhin 41,4 Prozent der Industriefirmen sagen, Gassparen sei nur noch möglich, wenn gleichzeitig die Produktion sinke:

  • Glas/Keramik 69 Prozent,
  • Pharmaindustrie 67 Prozent,
  • Chemie 57 Prozent.

12,3 Prozent aller Industriefirmen erklären laut ifo, um den Gasverbrauch noch zu reduzieren, sei es jetzt erforderlich, die Herstellung zu stoppen. Das gelte insbesondere für

  • Nahrungs- und Futtermittel-Hersteller (27 Prozent),
  • Druck-Erzeugnisse (24 Prozent) und
  • die Hersteller von Metallprodukten (24 Prozent).

Bundesregierung will Gas- und Strompreise bremsen

Die Bundesregierung hat am 25.11.2022 im schriftlichen Verfahren zwei Gesetzesentwürfe zur Einführung einer Gas- und einer Strompreisbremse verabschiedet. Sie sollen die infolge der Energiekrise gestiegenen Energiekosten für Haushalte und Unternehmen durch Subventionen verringern helfen. Das berichtet die „Neue Züricher Zeitung“ in ihrem Deutschland-Teil. Die beiden Entwürfe lehnen sich demzufolge an die im Oktober 2022 vorgelegten Empfehlungen der Expertengaskommission und EU-Vorgaben an. Beide Bremsen sollen bis Ende April 2024 gelten.

Gaspreisbremse für Haushalte und kleinere Unternehmen

Gegenüber früheren Ankündigungen soll die Gaspreisbremse für Haushalte und kleinere Unternehmen rückwirkend für Januar und Februar greifen. Geplant ist ihre Einführung für März 2023. Die Umsetzung sei aus technischen wie Verwaltungsgründen nicht schneller zu schaffen. Ursprünglich wollte die Regierung die Zeit bis zum Start durch die von Bundestag und Bundesrat bereits beschlossene sogenannte Soforthilfe für Dezember überbrücken. Sie sollte nach Ansicht der Regierung die monatliche Zahlung nicht nur verringern, sondern auch Haushalten und Unternehmen mit Verbrauch von weniger als 1,5 Millionen Kilowattstunden (kWh) Gas oder Wärme pro Jahr eine ganze monatliche Zahlung im Dezember erlassen. Bundesländer, Oppositionspolitiker und Sozialverbände befürchteten dadurch allerdings eine Winterlücke. Diesem Druck hat sich die Regierung nun gebeugt, was zusätzliche Kosten verursachen werde.

Jetzt sind folgende Funktionsweisen vorgesehen für:

  • Gaspreisbremse: für 80 Prozent des Jahresverbrauchs vom Vorjahr (gemessen am im September 2022 prognostizierten Verbrauch), für den Rest der mit dem Versorger vertraglich vereinbarte (Markt-)Preis
    • Gas gedeckelt bei brutto 12 Cent/kWh
    • Wärme bei 9,5 Cent/kWh
    • private Haushalte,
    • kleinere Unternehmen mit Gasverbrauch unter 1,5 Millionen kWh Gas pro Jahr
    • Pflege-, Forschungs- und Bildungseinrichtungen

Die Deckelung der 80 Prozent verringere die monatliche Abschlagszahlung in vielen Fällen, da der Durchschnittspreis derzeit höher liegt. Zudem soll der Mechanismus finanzielle Anreize zum Energiesparen aufrechterhalten. Wer gemessen am Vorjahr weniger Gas verbraucht, erhält bei der Jahresabrechnung Geld zurück. Senkt ein Bezieher den Konsum um mehr als 20 Prozent, erhält er für die zusätzliche Einsparung den Vertragspreis und nicht den reduzierte Preis erstattet. Unternehmen mehr als 1,5 Millionen kWh Gasverbrauch erhalten ab 2023 unabhängig vom tatsächlichen Verbrauch einen Garantiepreis von sieben Cents/kWh netto für 70 Prozent ihrer bisherigen Verbrauchsmenge, bezogen auf den Verbrauch im Jahr 2021. Hinzu kommen Steuern und Umlagen.

  • Strompreisbremse: ähnlich wie beim Gas erhalten Haushalte und kleinere Unternehmen mit bis zu 30 000 kWh Jahresverbrauch 80 Prozent ihres bisherigen Stromverbrauchs zu einem garantierten Bruttopreis von 40 Cents/kWh. Für den Rest gilt der mit dem Versorger vertraglich vereinbarte Preis. Auf dieser Grundlage erfolgen die monatlichen Abschlagsberechnungen. Sie fallen damit in der Regel tiefer aus als ohne Strompreisbremse. Der Jahresrechnung liegt der tatsächliche Verbrauch zu Grunde. Wer weniger verbraucht, bekommt jede Kilowattstunde zum neuen hohen Vertragspreis zurückerstattet, selbst wenn er gegenüber dem Referenzwert mehr als 20 Prozent gespart hat, Stichwort finanzieller Sparanreiz. Diese Entlastung beginnt März 2023 mit Rückwirkung ab Januar 2023. Größere Unternehmen mit mehr als 30.000 kWh Jahresverbrauch erhalten einen Garantiepreis von netto 13 Cents/kWh für 70 Prozent ihrer bisherigen Verbrauchsmenge (gemessen am Jahr 2021). Hinzu kommen Steuern, Abgaben und Umlagen.

Abschöpfung Zufallsgewinne

Der Strompreis orientiert sich am Erzeugungspreis jener Kraftwerke, die am teuersten produzieren und deshalb zuletzt ans Netz genommen werden. Das sind wegen der hohen Gaspreise derzeit vor allem Gaskraftwerke. Kraftwerke mit vergleichsweise geringen Erzeugungskosten erzielen deshalb sehr hohe Zufallsgewinne, die sie der Energiekrise zu verdanken haben. Einen Teil dieser Zufallsgewinne sollen diese Kraftwerke deshalb abführen. Der Staat will diese Mittel über die Strompreisbremse an Haushalte und Unternehmen umverteilen. Betroffen wären:

  • Wind-,
  • Solar- und Wasserkraftanlagen,
  • Abfallverbrennungsanlagen,
  • Kernkraftwerke sowie
  • Braunkohlekraftwerke mit Ausnahmen für Kleinanlagen.

Die Gewinnabschöpfung soll am 1. Dezember 2022 beginnen. Sie ist zunächst bis Juni 2023 befristet mit Option auf Verlängerung bis Ende April 2024 per Verordnung. Die vorgesehenen Regeln zu Berechnung und Abschöpfung der Zufallsgewinne seien im Detail kompliziert. Ein Sicherheitszuschlag soll Unsicherheiten über die Produktions- und Preisdaten auffangen. Zudem werden nur 90 Prozent der errechneten Zufallsgewinne abgeschöpft, damit sich der Stromverkauf weiter lohnt und Investitionsanreize bleiben.

Autor*in: Friedrich Oehlerking (Freier Journalist und Experte für Einkauf, Logistik und Transport)