14.08.2017

Elektromobilität: Zerspanungsindustrie vor tiefgreifenden Disruptionen

Die Elektromobilität wirft ihre Schatten voraus. Dabei werden von ihr nicht nur Veränderungen für den Autoverkehr erwartet. Die erwartete Disruption setzt bereits an in der zerspanenden Industrie. Allerdings nimmt nach Expertenansicht der Anteil zerspanbarer Bauteile im Auto erst ab 2030 ab.

Steigender Anteil an E-Autos

Die Zahl der weltweit produzierten Fahrzeuge wird von derzeit 93 Millionen auf 120 Millionen im Jahr 2030 steigen – bei gleichbleibendem Niveau für Verbrenner und steigendem Anteil an E-Autos. Erst danach nehme der Anteil an Verbrennungsmotoren ab – und damit an Bauteilen im Auto für die Zerspanungsindustrie. Diese Ansicht vertrat jetzt Markus Heseding, Geschäftsführer des Fachverbandes Präzisionswerkzeuge, vor rund 200 Teilnehmern bei den Fachtagen „Mapal Dialog“ in Aalen (Wüttemberg).

Standards in der Zerspanungsindustrie

„Genaue Vorhersagen zur E-Mobilität sind schwierig, Konzepte aber gibt es. Darüber sollten wir reden,“ meinte Dr. Jochen Kress, Mitglied der Mapal-Geschäftsleitung, bei der Eröffnung der Fachtage. Sie werden veranstaltet von der Mapal Präzisionswerkzeuge Dr. Kress KG, Aalen. Das 1950 gegründete Unternehmen gehört als Zulieferer von Unternehmen vor allem aus der Automobil- und Luftfahrtindustrie sowie dem Maschinen- und Anlagenbau zu den international führenden Anbietern von Präzisionswerkzeugen für die Zerspanung nahezu aller Werkstoffe. Mit seinen Innovationen setzt das Familienunternehmen Trends und Standards in der Fertigungs- und Zerspanungstechnik. Es versteht sich dabei als Technologiepartner bei der Entwicklung effizienter und ressourcenschonender Bearbeitungsprozesse mit individuellen Werkzeugkonzepten. Das Unternehmen ist mit Produktions-, Vertriebsstandorten und Servicepartnern in 44 Ländern vertreten. Im Jahr 2016 beschäftigte die Mapal Gruppe eigenen Angaben zufolge 5.000 Mitarbeiter, der Umsatz lag bei 575 Millionen Euro.

Weiterentwicklung des Elektromotors

Einig waren sich die Experten in Aalen darin, dass der Trend zu Elektrofahrzeugen unumkehrbar sei. Niemand könne jedoch derzeit präzise vorhersagen, wie schnell sich diese Entwicklung auf breiter Front durchsetzen wird. Dafür gäbe es zu viele Unwägbarkeiten, etwa im Hinblick auf den Ausbau von Stromnetzen, Ladestationen oder der Batteriereichweite sowie zur Entwicklung des Nutzerverhaltens. Heseding bezifferte den aktuellen Marktanteil von Hybrid- und Elektrofahrzeugen in Deutschland auf etwas mehr als ein Prozent. Weil die Politik auf emissionsfreie Fahrzeuge poche, investiere die Automobilindustrie vor allem in die Weiterentwicklung des Elektromotors. Fahrzeuge mit Verbrenner würden aber nicht verschwinden. Heseding: „Die Arbeit wird uns nicht ausgehen.“

Erregten Aufsehen: e-Smart und großer e-BMW

In diesem Jahr sorgten bei dem „Mapal Dialog“ nicht nur die Neuheiten bei Präzisionswerkzeugen für Gesprächsstoff. Ein „Smart electric drive“ und ein „BMW i8“ hatten auf dem Firmengelände Aufstellung genommen. Sie waren in den Vortragspausen dicht umringt. Der Automobilsektor ist ein wichtiger Markt für die zerspanende Industrie. Sie ist von dem Wandel zur Elektromobilität ebenso betroffen wie die Automobilhersteller selbst.

Kress sieht in dieser Entwicklung sowohl Risiken als auch Möglichkeiten: „Ein Auto wird immer einen Motor haben, manche auch zwei oder drei.“ Als Sonderwerkzeughersteller komme seinem Unternehmen zugute, dass die Gehäusebearbeitung bei Elektromotoren sehr komplexe und anspruchsvolle Werkzeuge erfordere. Auch künftig werde es viele Komponenten im Fahrzeug geben, die zerspanend bearbeitet würden.

Konsolidierung des Weltmarktes für Werkzeugmaschinen

Die Hersteller von Werkzeugmaschinen und Produktionsanlagen sehen in neuen Technologien und dem Ausbau ihrer Produktprogramme ebenfalls gute Zukunftsperspektiven. Sie gehen von einer allmählichen Konsolidierung des Weltmarktes für Werkzeugmaschinen aus. „Die wachsende Weltbevölkerung und der steigende Lebensstandard in Asien werden aber auch weiteres Wachstum bringen“, zeigte sich Manfred Maier, COO Maschinenfabrik Gebr. Heller, überzeugt. Für Dr. Manfred Berger, Executive Vice President Global Business Development MAG IAS, sind flexibel einsetzbare Maschinenkonzepte das Mittel der Wahl. Mit Anlagen in modularer Bauweise seien die Zerspaner für alle Antriebskonzepte gut gerüstet.

Batterieleistung schon bald bis 700 km Reichweite

Das Unternehmen Aradex beschäftigt sich neben der Entwicklung und Produktion von Umrichtern und E-Motoren auch mit der Batteriereichweite. Vorstandsvorsitzender Thomas Vetter geht davon aus, dass Batterien mit einer Tagesleistung von 500 bis 700 Kilometer schon bald realisierbar sind. „Es werden auch Motoren mit höheren Drehzahlen auf den Markt kommen, um Gewicht und Rohstoffe einzusparen“, sagte er.

Leichtbau Disruptionsbringer Nr. 2

Der Leichtbau beim Auto der Zukunft war neben der E-Mobilität ein weiteres Thema des Mapal Dialogs. Christoph Thomann, Produktionstechnologie CFK-Bearbeitung BMW Group, Markus Vollmer, Leiter Projektierung Kernwerkstücke Chiron-Werke, und Ulrich Krenzer, Geschäftsführer Mapal Kompetenzzentrum VHM-Werkzeuge, zeigten den aktuellen Stand der Technik in diesem Bereich. Der Bearbeitung von Komponenten für den Antriebsstrang widmete sich der Vortrag von Siegfried Wendel, Sales Director Mapal. Ob Downsizing beim Verbrennungsmotor, Hybrid oder voll elektrifiziert: Zerspanungs-Know-how sei ein gefragtes Gut. Wendel ist sich mit Heseding einig: „Die Arbeit wird den Unternehmen noch lange nicht ausgehen.“

Autor: Franz Höllriegel