18.07.2019

Elektroautos: Gefahr für bayerische Arbeitsplätze?

Leise, sauber, umweltfreundlich – so preist die neue E-Auto-Industrie die kommenden Wundervehikel an. Doch der Footprint ist groß, vor allem bei den Arbeitsplätzen, und ganz besonders bei den Zulieferern in Bayern. Eine neue Studie des Ifo-Institutes geht von 55.000 bedrohten Jobs aus.

Elektroautos bedrohen bayerische Arbeitsplätze in der Automobilzuliefererindustrie

55.000 plus Arbeitsplätze durch Elektroautos bedroht

Elektroautos gefährden rund 55.000 Arbeitsplätze bei bayerischen Automobilzulieferern. Das hat eine Studie des Ifo-Instituts ergeben. Die hat sie im Auftrag des Bayerischen Industrie- und Handelskammertages (BIHK) erstellt. Hinzu kommen laut Studie Tausende bedrohter Jobs bei den Herstellern der Elektroautos. Die Hersteller müssten in den kommenden fünf bis zehn Jahren zunehmend auf Elektrofahrzeuge umstellen.

Grund laut Studienautor Oliver Falck, Leiter des Ifo-Zentrums für Industrieökonomik und neue Technologien: staatliche Vorgaben, z.B. zu Emissionen, in den globalen Leitmärkten EU und China.

Falck: „Wir empfehlen, die Material- und Batterieforschung zu fördern.“

Subventionen in die Batteriefertigung für Elektroautos lehnen die Wissenschaftler jedoch ab. Mit ihr könne man nur wenige Arbeitsplätze und wenig Wertschöpfung sichern. Vielmehr müsse man den Beschäftigten mit Qualifizierung beim Strukturwandel helfen, damit sie die neuen Anforderungen meistern könnten.

Veränderungen der Wertschöpfungskette durch autonomes Fahren

Neben der Elektromobilität verändert laut einer Pressemitteilung des Institutes autonomes und vernetztes Fahren die automobile Wertschöpfungskette. Es entstehe ein beträchtliches Marktpotenzial etwa für:

  • Systeme mit Künstlicher Intelligenz
  • Dienstleistungen
  • Hardware wie Sensoren

Jedoch sieht das Institut die Gefahr, dass branchenfremde Firmen aus den USA eine dominante Marktstellung erreichen. Schon heute haben sich die amerikanischen Chiphersteller eine Schlüsselposition im Bereich Sensorik und Prozessoren erarbeitet. Das hat sie zu starken Wettbewerbern am Markt für Fahrassistenzsysteme gemacht.

Ifo fordert innovationsfreundlichen Regulierungsrahmen

Um den Wertschöpfungsbeitrag bayerischer Firmen beim autonomen Fahren zu sichern, braucht es laut Ifo zügig einen innovationsfreundlichen Regulierungsrahmen. Dazu gehörten rechtliche Grundlagen für Pilotprojekte in ganzen Regionen oder Städten.

Die Wissenschaftler regen vor allem eine Klärung der Frage an, wer die Eigentumsrechte an Daten besitzt, die während des Fahrzeugbetriebs generiert werden. Bleibe diese Frage offen, könnten die Betreiber von Cloud-Datenbanken die Datenhoheit erlangen. Deutsche Hersteller hätten dann das Nachsehen. Sie könnten in Abhängigkeit von US-amerikanischen Konzernen wie Google, Amazon oder Microsoft geraten.

„Die Karten in der automobilen Wertschöpfung werden weltweit neu gemischt. Die bayerische Autoindustrie kann ihre führende Stellung nur dann verteidigen, wenn Firmen, Forschungsinstitute und Politik an einem Strang ziehen“, sagt BIHK-Hauptgeschäftsführer Manfred Gößl laut der Ifo-Mitteilung.

Siemens setzt auf elektrische Antriebe mit Wasserstoff

Unterdessen hat ein großes bayerisches Unternehmen, Siemens, seine Absicht mitgeteilt, verstärkt in die Entwicklung elektrischer Antriebe mit Wasserstoff zu investieren und damit neue Jobs zu schaffen – aber nicht in Bayern, sondern in Sachsen. Laut einem Bericht des MDR unter Berufung auf eine Mitteilung des Unternehmens hat Siemens-Chef Joe Kaeser am Standort des Industriekonzerns in Görlitz angekündigt, dass Siemens sich in den nächsten Jahren verstärkt in Görlitz engagieren will. Unter anderem wolle man damit der strukturschwachen Oberlausitz neue Perspektiven geben.

Der Konzern hatte vor kurzem das Aus des Turbinen-Werks von Siemens in Görlitz beschlossen. Die Schließung des Werks wurde zwar nach massiven Protesten aus der Belegschaft und der Politik abgewendet, einige der rund 700 Siemens-Beschäftigten verlieren aber ihren Arbeitsplatz.

Zum Ausgleich hatte Kaeser einen Zukunftspakt für den Standort in Aussicht gestellt. Kaeser, Bundeskanzlerin Angela Merkel und der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer unterzeichneten am 15. Juli 2019 einen „Zukunftspakt Siemens Görlitz“, an dem Siemens, der Freistaat und die Fraunhofer-Gesellschaft mitwirken wollen.

Federführung bei Fraunhofer

Bei dem Besuch wurde auch bekanntgegeben, wie der Standort sich gemeinsam mit dem Freistaat und der Fraunhofer-Gesellschaft für die Zukunft aufstellen will. Laut dem Sender sollen auf dem Siemens-Werksgelände in Görlitz ein Innovations-Campus für High-Tech-Firmen und ein Labor für Wasserstoffforschung entstehen. Mit Aufbau und Koordination soll die Fraunhofer-Gesellschaft betraut werden.

Mit dem Zukunftspakt sollen Investitionen von etwa 30 Millionen Euro und die Schaffung von 100 neuen Jobs verbunden sein. Die Kosten teilen sich Siemens und der Freistaat. Kretschmer sprach von einem Meilenstein für die Entwicklung des Siemens-Standorts Görlitz und der Lausitz.

„Das stimmt mich zuversichtlich, die Lausitz als Forschungs- und Industriestandort in Deutschland nachhaltig zu stärken – von der Entwicklung bis zum Anlagenbau“, sagte Kretschmer laut MDR in Görlitz.
Autor: Friedrich Oehlerking (Freier Journalist und Experte für Einkauf, Logistik und Transport)