12.10.2017

Tunneleinsturz: Eisenbahn-Unternehmen fordern Millionen

Die Sperrung der Rheintalbahnstrecke ist aufgehoben. Seit letzten Montag rollen die Züge hier wieder. Jetzt beginnt die juristische Aufarbeitung. Eisenbahnunternehmen fordern von Bahn und Bund Schadenersatz und Subventionen in Millionenhöhe – allerdings kaum mit Aussicht auf Erfolg.

Nach Tunneleinsturz fordern Eisenbahn-Unternehmen Millionen

Neustart nach dem Tunneleinsturz  

Der Neustart nach dem Tunneleinsturz bei Rastatt hat geklappt. Wie die „Stuttgarter Zeitung“ berichtet, läuft der Verkehr auf der Rheintalbahn seit vergangenen Montag wieder rund und weitgehend pünktlich. Kurz nach Mitternacht rollte der erste Zug über die neu verlegten Gleise bei der Havarie-Stelle.

Um pünktlich 7.32 Uhr verließ der erste grenzüberschreitend verkehrende französische Hochgeschwindigkeitszug „TGV“ den Karlsruher Hauptbahnhof in Richtung Straßburg. Der Gegenzug war kurz zuvor eingerollt. Die wirtschaftlich wichtige Nord-Süd-Strecke auf der Rheintalbahn zwischen Karlsruhe und Basel war sieben Wochen lang gesperrt (wir berichteten).

Wiederanrollen der Güterzüge

Auch der durchgehende Güterverkehr auf der Trasse lief am selben Tag wieder an. 175 Güterverkehrszüge seien angemeldet worden, zitiert die Zeitung einen Sprecher der Bahn. Viele dieser Verkehre werden von privaten Güterverkehrsunternehmen abgewickelt. Mit dem Wiederanrollen der Güterzüge enden die umfangreichen Umleitungsverkehre der letzten Wochen auf den in vielen Fällen kurzfristig ermöglichten Alternativstrecken.

Sensoren und Messeinrichtungen installiert

Mit Wiederinbetriebnahme der Trasse bei Rastatt hat die Bahn an den Gleisen der Rheintalbahn im Bereich der Tunnelbaustelle auch wieder Sensoren und Messeinrichtungen installiert. Sie sollen „lückenlos und rund um die Uhr die Lage der Gleise über der Tunnelröhre“ überwachen. Diese Sensoren hatten laut Bahn den Einsturz des Tunnels gemeldet, bevor der nächste Zug über die darüber liegende Bestandstrecke gefahren wäre.

Juristischer Ärger

Das wollen Bahn-Gegner so nicht stehen lassen. Seit dem Wochenende liegt eine Strafanzeige gegen Verantwortliche der Deutschen Bahn vor. Wegen einer „unglaublichen Fahrlässigkeit der Verantwortlichen“ sei man bei Rastatt „um Haaresbreite an einer großen Eisenbahnkatastrophe mit dramatischen Folgen“ vorbeigeschrammt, kommt in dem Zeitungsbericht ein Sprecher von „Stuttgart 21“ zu Wort.

Anfänglich habe die Bahn geleugnet und die Gefahr heruntergespielt. Demgegenüber hätten am 12. August zwischen 10.47 Uhr, dem Zeitpunkt, an dem die Gleisabsenkung mit der Tunnel-Havarie registriert wurde, und 11.03 Uhr, als die Strecke gesperrt wurde, sehr wohl noch mehrere Züge die Unfallstelle passiert.

Schadenersatz in Millionenhöhe

Als sei das nicht schon Ärger genug für die Bahn, fordern nun mehrere Eisenbahn-Unternehmen von ihr wegen der Sperrung Schadenersatz in Millionenhöhe. Das Netzwerk Europäischer Eisenbahnen (NEE) hatte mit zwei Dutzend Verbänden wiederholt und bislang vergeblich um kurzfristige staatliche Hilfe unter anderem bei Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) gebeten.

In einem der Deutschen Presse-Agentur vorliegenden Schreiben an den Vorstand der DB Netz AG heißt es: „Bisher blieben alle Hilferufe des Sektors zur Bewältigung der finanziellen Folgen der Havarie unbeantwortet.“ Die Firmen beklagen teils existenzbedrohende Ausfälle wegen der Sperrung der wichtigen europäischen Transportroute.

Schäden durch Tunneleinsturz entstanden

Das NEE pocht auf einen kurzfristigen Ersatz von einem Großteil der ihrer Ansicht nach durch den Tunneleisturz entstandenen Schäden. Erlösausfälle und Mehrkosten bei Umleitungen summieren sich nach Schätzungen des Verbandes allein für die Bahn-Unternehmen im Güterverkehr auf rund 100 Millionen Euro.

Grundsätzlich haben Unternehmen, die bei der Bahn langfristig eine Trasse gebucht haben, nach NEE-Angaben einen Schadenersatzanspruch. Wenn dieser aber gerichtlich durchgesetzt werden muss, dürften Jahre ins Land gehen. Keine Chance auf Schadenersatz haben Betreiber von Zügen für kurzfristig beauftragte Transporte. In diesem wachsenden Segment würden aber Trassen bestellt, weshalb diese Firmen nun am stärksten betroffen seien.

SUT: Schifffahrt ohne Subventionen

Bei unabhängigen Beobachtern stoßen die Forderungen der Eisenbahnunternehmen indes auf Unverständnis. So berichtet die gleichermaßen dem Transportträger Bahn wie der Schifffahrt verpflichtete Fachzeitschrift „SUT – Schifffahrt, Hafen, Bahn und Technik“ über teilweise kräftige Frachtzuschläge in der Schifffahrt. Sie seien für manchen Befrachter ruinös.

Bislang sei jedoch kein Fall bekannt geworden, in dem ein Befrachter oder ein Schifffahrtsverband bei dem Bund etwa wegen Niedrigwassern infolge von Klimaerwärmung oder unzureichender Infrastruktur Subventionen eingefordert hätte. SUT-Chefredakteur Hans-Wilhelm Dünner erwartet denn auch nicht, dass der Bund dem Ansinnen der Eisenbahner folgen wird. Dünner: „Da hat auch das Finanzministerium ein Auge drauf.“

„Xavier“ legt Bahn erneut lahm

P.S.: Kaum ist die Rheinschiene wieder befahrbar, da legt Sturmtief „Xavier“ die Bahnverbindungen vor allem von Berlin nach Hannover und Hamburg lahm. Bei Redaktionsschluss waren die Hauptverbindungen zwar wieder frei. Gleichwohl stellt sich für den Güterverkehr auch hier zunehmend die Frage einer Einbeziehung der ausgebauten Wasserstraßenverbindungen Elbe, Elbeseiten- und Mittellandkanal für einen künftigen Schienenersatzgüterverkehr in einem Gesamtgütertransportkonzept.

Man darf gespannt sein, in wieweit die Verlader nach den Erfahrungen am Rhein und durch Sturmtiefs wie zuletzt „Xavier“ endlich von ihrer rational kaum noch nachvollziehbaren Bevorzugung von Straße und Schiene gegenüber dem Transportträger Wasserstraße abweichen werden.

Autor: Friedrich Oehlerking (Freier Journalist und Experte für Einkauf, Logistik und Transport.)