22.09.2022

Einzelhandel besorgt um Weihnachtsgeschäft

Frieren, Waschlappen, Verdunkelung – das wäre alles noch erträglich, wenn es nicht so tragisch wäre. Aber zu Weihnachten keine Geschenke unterm Christbaum, keine Weihnachtsgans, kein Weihnachtsgeschäft: der Einzelhandel schlägt angesichts wachsender Logistikprobleme Alarm.

Weihnachtsgeschäft

Kaum Aussicht auf Entspannung in der Adventszeit

Advent, Advent, kein Lichtlein brennt. Der Einzelhandel macht sich große Sorgen um seinen Nachschub. Das berichtet das ifo Institut aus einer aktuellen Umfrage unter Einzelhändlern. Demnach klagten

  • 77,5 Prozent der Einzelhändler im August über entsprechende Probleme,
  • 77,3 Prozent im Juli.

„Im Moment sieht es überhaupt nicht danach aus, dass sich die Probleme in der Vorweihnachtszeit entspannen werden“, sagt der Leiter der ifo Umfragen, Klaus Wohlrabe.

  • Besonders angespannt bleibe die Lage bei den Fahrradhändlern. 95,5 Prozent davon berichten über Lieferprobleme.
  • Ähnliches melden die Händler von Haushaltsgeräten (95,5 Prozent) und
  • Unterhaltungselektronik (95,7 Prozent).

Bei den Spielwarenhändlern habe sich die Lage ein wenig entspannt. Nachdem im Juli noch 100 Prozent über ausbleibende Ware klagten, waren es im August 73,5 Prozent.

Lieferprobleme im Einzelhandel
Lieferprobleme im Einzelhandel

Früher Beginn des Weihnachtsgeschäfts

Konsumforscher rechnen in diesem Jahr mit einem frühen Beginn des Weihnachtsgeschäfts im deutschen Einzelhandel. Der Druck sei heuer besonders stark, rechtzeitig dabei zu sein, so der Geschäftsführer des Instituts für Handelsforschung (IFH Köln), Kai Hudetz, laut dem Nachrichtenmagazin. Einen Grund für die Probleme sieht der „Spiegel“ im stockenden Welthandel. Er leide etwa unter wiederkehrenden Lockdowns bei Exportweltmeister China. Rund elf Prozent aller verschifften Waren steckten aktuell fest, heißt es darin unter Berufung auf eine Untersuchung des Kiel Instituts für Weltwirtschaft (IfW). „Nicht nur die Lieferengpässe drücken auf die Stimmung im Einzelhandel, auch die hohen Inflationsraten dämpfen die Einkaufslust der Kunden“, zitiert der „Spiegel“ Wohlrabe. Im August habe die Teuerungsrate bei 7,9 Prozent gelegen.

Anzeichen für eine Rezession

Die Bundesbank sieht vermehrt Anzeichen für eine Rezession der deutschen Wirtschaft. Sie befürchtet einen breit angelegten und länger anhaltenden Rückgangs der Wirtschaftsleistung. Sie führt dies in erster Linie darauf zurück, dass sich die gesamtwirtschaftlichen Angebotsbedingungen insbesondere der  Energieversorgung infolge des Krieges in der Ukraine erheblich verschlechterten. Hohe Inflation und Unsicherheit in Bezug auf die Energieversorgung und ihre Kosten beeinträchtigten:

  • die gas- und stromintensive Industrie sowie
  • deren Exportgeschäfte und
  • Investitionen ebenso wie
  • den privaten Konsum und
  • die davon abhängigen Dienstleister.

Die Einkaufsmanager meldeten gemäß S&P Global nachlassende Geschäfte in Industrie und im Dienstleistungssektor. Der vom Marktforschungsinstitut GfK ermittelte Konsumklimaindex sei das dritte Mal in Folge auf ein neues Rekordtief gefallen, vor allem, weil die Sparneigung der Verbraucher stark angestiegen sei.

Europäische Energiekrise

Die europäische Energiekrise spitzte sich in den letzten Wochen weiter zu. Aufgrund der zunächst gedrosselten und mittlerweile eingestellten Lieferungen aus Russland über die Pipeline Nord Stream 1 stiegen die Gaspreise sprunghaft an und erreichten Ende August zwischenzeitlich ihr Allzeithoch von 314 Euro je Megawattstunde. Im September gaben laut Bundesbank die Preise zwar wieder nach, eine Megawattstunde kostete aber weiterhin über 200 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Zudem nahm – wie auch in einigen anderen europäischen Ländern – im Gleichschritt mit dem Gaspreis der Großhandelspreis für Elektrizität zu. Der Preis für Rohöl der Sorte Brent tendierte hingegen leicht abwärts gegen zuletzt 90 US-Dollar pro Fass.

Aufgrund des andauernden Preisdrucks auf den europäischen Gas- und Strommärkten setzten sich auch auf den vorgelagerten Wirtschaftsstufen die außergewöhnlich hohen Preissteigerungen der Vormonate fort. Im Juli betrug der Preisanstieg bei Einfuhren 29 Prozent im Vergleich zum Vorjahr und bei den inländischen Erzeugnissen 37 Prozent. Nach Ansicht der Berichterstatter war ausschlaggebend weiterhin die Energiekomponente. Im Inlandsabsatz nahm die Preisdynamik bei Energie und bei Investitions- sowie Konsumgütern nochmal deutlich zu. Dagegen gab die Teuerung bei den Vorleistungsgütern, sowohl bei Einfuhren als auch bei Erzeugnissen im Inlandsabsatz, zuletzt leicht nach.

Vorübergehenden Abschwächung

Nach der vorübergehenden Abschwächung im Juni aufgrund des Entlastungspakets habe sich die Preisdynamik auf der Verbraucherstufe bereits in Juli und August wieder verstärkt. Der Harmonisierte Verbraucherpreisindex stieg dem Bericht zufolge im August im Vergleich zum Vorjahr um 8,8 Prozent und damit um gut 0,3 Prozentpunkte mehr als im Juli. Vor allem die Preise unverarbeiteter Nahrungsmittel verursachten diesen neuerlichen Preissprung. Zusätzlich habe sich die starke Preisdynamik bei verarbeiteten Nahrungsmitteln fortgesetzt, genauso wie bei Industriegütern und Dienstleistungen. Die Verbraucherpreise für Energie verharrten auf ihrem hohen Niveau.

Nach Auslaufen zum 1. September 2022 von Neun-Euro-Ticket und Tankrabatt sei es im öffentlichen Nahverkehr wie bei Benzin und Diesel zu Preissprüngen gekommen. Die Bundesbank geht davon aus, dass dies zu erneuten Preissteigerungen bei Energie und Dienstleistungen führen und die Inflationsrate entsprechend erhöhen werde. Die angekündigten Maßnahmen des jüngsten Entlastungspakets, etwa zur Gasumlage oder Strompreisbremse, würden sich wohl erst Anfang des nächsten Jahres in den Verbraucherpreisen niederschlagen. Die Inflationsrate dürfte unter dem Strich in den nächsten Monaten in den zweistelligen Bereich vorrücken.

Industrie produziert weniger

Die Industrieproduktion sei im Juli gegenüber dem Vormonat saisonbereinigt trotz abnehmender Materialengpässe spürbar (–1%) gesunken, gemessen am Frühjahrsquartal jedoch unverändert geblieben. Die hohen Energiekosten belasteten die energieintensiven Sektoren. Die Produktion der Chemischen Industrie sei wie schon seit Jahresbeginn stark zurückgegangen. Die Erzeugung von Vorleistungsgütern habe sich insgesamt leicht verringert. Die Herstellung von Konsumgütern habe branchenübergreifend deutlich abgenommen, insbesondere bei Möbeln und Pharma.

Demgegenüber habe die Fertigung von Investitionsgütern merklich zugelegt, mit beträchtlichen Steigerungen bei:

  • Datenverarbeitungsgeräten,
  • elektronischen und optischen Erzeugnissen sowie
  • beim sonstigen Fahrzeugbau.

Die Produktion von Kfz und Kfz-Teilen habe spürbar über dem Stand des zweiten Quartals gelegen, wenn auch Angaben des Verbandes der Automobilindustrie zufolge nicht ohne Einfluss durch die zeitliche Lage der Schulferien. Demnach ging die Zahl gefertigter Pkw im August kräftig zurück. Im Mittel der beiden Ferienmonate lag sie in etwa auf dem Stand des zweiten Quartals.

Weniger Aufträge für Industrie

Der Auftragseingang in der Industrie setzte laut dem Bundesbank-Monatsbericht seine seit Jahresbeginn anhaltende Abwärtsbewegung im Juli fort und gab sowohl gegenüber dem Vormonat als auch dem Frühjahrsquartal spürbar nach. Dabei sanken die inländischen Aufträge kräftig. Dagegen hätten die Aufträge aus dem Ausland insgesamt leicht zugenommen.

Stark zugenommen hätten sie aus Drittstaaten außerhalb des Euroraums. Aus den Euro-Ländern seien sie kräftig zurückgegangen. Es seien merklich mehr Vorleistungsgüter bestellt worden. Die Nachfrage nach Investitionsgütern sei etwas gesunken, wobei die Kfz-Bestellungen sie noch stützten. Ohne Berücksichtigung der Kfz verzeichnet die Bundesbank einen starken Rückgang der Auftragseingänge für Investitionsgüter. Der Auftragseingang für Konsumgüter war demnach so niedrig wie seit Februar 2021 nicht. Den Ausschlag habe die geringere Nachfrage nach pharmazeutischen Erzeugnissen gegeben. Insgesamt entfernte sich der Auftragseingang von seinen Höchstständen aus dem Sommer 2021 mittlerweile deutlich. Er lag im Juli aber immer noch rund vier Prozent über dem Stand vor der Pandemie aus dem vierten Quartal 2019. Ungeachtet der Belastungen und möglicher Produktionsbehinderungen durch die hohen Energiepreise dürften die mittlerweile aufgelaufenen Aufträge zumindest einen gewissen Puffer gegenüber der sich abschwächenden Nachfrage bilden – solange es nicht in größerem Umfang zu Stornierungen komme, so die Bundesbänker. Dafür sehen sie bislang keine Hinweise. So sei der Auftragsbestand auch im Juni noch angestiegen und erreiche einen neuen Höchststand.

Rückgang der Industrieumsätze

Die nominalen Industrieumsätze sieht der Monatsbericht im Juli gegenüber dem Vormonat saisonbereinigt in leichtem Rückgang, wenngleich über ihrem Wert des zweiten Quartals mit seinem kräftigen Wachstum. Auch preisbereinigt erhöhten sich die Industrieumsätze etwas gegenüber dem Vorquartal. In regionaler Betrachtung war der Zuwachs der nominalen Umsätze im Ausland stärker als im Inland. Sowohl in den Euro-Ländern als auch in Drittstaaten außerhalb des Euroraums sei der Absatz kräftig gestiegen.

Nach Sektoren aufgeschlüsselt trugen laut Bundesbank insbesondere die Investitionsgüterhersteller zum Anstieg der Industrieumsätze bei:

  • Der Maschinenbau und die Kfz-Industrie setzten deutlich mehr Produkte ab.
  • Die Umsätze mit Vorleistungsgütern stiegen leicht,
  • die Umsätze mit Konsumgütern sanken deutlich.
  • Die Pharmaindustrie verzeichnete gravierende Umsatzeinbußen – insbesondere im Inland mit Schrumpfung der Umsätze gegenüber dem zweiten Quartal um über ein Drittel.

Verringerung der Warenexporte

Die nominalen Warenexporte sanken im Juli saisonbereinigt gegenüber dem Vormonat deutlich, lagen aber noch höher als im zweiten Quartal. Preisbereinigt sanken sie jedoch gegenüber dem Vormonat kräftig und gegenüber dem Vorquartal spürbar, so der Monatsbericht der Bundesbank. Dabei verringerten sich die Exporte in die Drittstaaten außerhalb des Euroraums viel stärker als die Exporte in den Euroraum. Die nominalen Warenimporte ließen im Juli gegenüber dem Vormonat merklich nach und gingen auch verglichen mit dem zweiten Quartal leicht zurück. Aufgrund des starken Anstiegs der Einfuhrpreise für Energie sei der Rückgang der Importe in realer Rechnung sowohl im Vergleich zum Vormonat als auch zum Vorquartal erheblich ausgefallen.

Autor*in: Friedrich Oehlerking (Freier Journalist und Experte für Einkauf, Logistik und Transport)