28.06.2022

Einbruch von Lieferketten: Lakestar und Maersk kooperieren bei Robotik

Einbrüche in den Lieferketten, steigende Umsatzeinbußen – die Logistik arbeitet am Limit. Lagerung, Versendung und Lieferung von Waren möglichst sofort – Unternehmen stehen unter Zeit- und Kostendruck. Container-Reeder Maersk will Abhilfe schaffen durch Roboter und KI.

Einbruch von Lieferketten

Hunderte Milliarden Euro BIP-Verlust wegen Logistik-Einbruch

920 Milliarden Euro – so groß schätzen Experten den Verlust am Bruttoinlandsprodukt (BIP) der europäischen Volkswirtschaften bis 2023 allein durch die Einbrüche in den Lieferketten. Dennoch seien mehr als 80 Prozent der Lagerhäuser noch nicht automatisiert. Abhilfe will das britische Start-up BotsAndUs schaffen. Wie das Unternehmen mitteilt, erfasst es Echtzeit-Daten von Lagerabläufen mithilfe von

  • vollständig autonomen Robotern und
  • künstlicher Intelligenz.

Die Roboter arbeiten den Angaben zufolge ohne menschliches Eingreifen. Sie erfordern überdies keine zusätzlichen Investitionen in digitale Infrastruktur. Große Unternehmen in Einzelhandel, Luftfahrt und Schifffahrt setzen sie bereits ein, wie z. B. Menzies Aviation oder Huboo. Das Unternehmen wendet sich damit an den Automatisierungsmarkt. Das Unternehmen rechnet mit einer Marktzunahme von voraussichtlich 70 Milliarden US-Dollar bis 2025.

Daten in Echtzeit

2015 mit dem Ziel gegründet, die Datenerfassung in Lagerumgebungen neu zu gestalten, entwickelt BotsAndUs hochmoderne Robotics- und Produkte mit künstlicher Intelligenz (KI). Die Lösungen des Unternehmens erfassen Echtzeitdaten zu Logistik und Lagerhaltung. Dies soll Unternehmen dabei helfen, bessere Geschäftsentscheidungen in diesen Bereichen zu treffen. Die Roboter sind:

  • vollautonom,
  • mobil und
  • modular aufgebaut.

Sie messen, verfolgen und erkennen Waren in verschiedenen Lagern, ohne den Arbeitsablauf zu unterbrechen. Die Roboter speisen die Daten in Echtzeit in digitale Zwillinge, so dass Logistik- und Warehouses schnell auf operative Herausforderungen reagieren können. Der sofortige Zugriff auf Echtzeitdaten ist wichtig, um aktuelle Abläufe stetig zu verbessern, Risiken zu verringern und Herausforderungen an jedem Standort und in jeder Phase der Lieferkette im Lager und im Versand zu lösen.

Echtzeit-Daten von Lagerabläufen
Echtzeit-Daten von Lagerabläufen mithilfe von Robotern und KI: BotsAndUs-Roboter

Koop mit Maersk und Lakestar

Das Unternehmen hat jetzt eine Kooperation mit dem Container-Carrier Maersk vereinbart. Grundlage ist eine Seed-Finanzierung von 13 Millionen US-Dollar durch die Investment-Unternehmen Lakestar, Maersk Growth, Kindred Capital und Capnamic Ventures. Lakestar mit Sitz in Berlin, Zürich und London hat es sich zur Aufgabe gemacht, bahnbrechende Technologie-Unternehmen, die von herausragenden Entrepreneuren in Europa und darüber hinaus gegründet worden sind zu finanzieren. Zu den frühen Investitionen des Teams zählen Skype, Spotify, Facebook und Airbnb. Lakestar hat seinen ersten Fonds im Jahr 2013 aufgelegt; inzwischen verwaltet das Unternehmen ein Gesamtvolumen von über 1,5 Milliarden Euro in drei Frühphasen- sowie einem Wachstumsfonds. Lakestar unterstützt seine Portfoliounternehmen aktiv in den Bereichen Marketing, Recruiting, Technologie, Produktentwicklung und Regulatorik. Es begleitet Entrepreneure in allen Wachstumsphasen, vom Seed- und Growth-Stage bis hin zum Exit.

Funktionierende Warenlager braucht die Logistik

Um globale Lieferketten aufrecht zu erhalten und den Logistik-Prozess so reibungslos wie möglich gestalten zu können, müssen Warenlager effizient funktionieren. Die Nachfrage nach sofortiger Lagerung, Versand und Lieferung von Waren steigt rasant und setzt Unternehmen dabei unter massiven Zeit- und Kostendruck. Aus diesem Grund planen laut einer Mitteilung von BotsAndUs rund 69 Prozent aller Unternehmen ihre Bestandskontrolle zu verbessern und Kosten nachhaltig zu senken.

BotsAndUs sammelt mit seinen vollautonomen und mobilen Robotern Daten in Echtzeit. So können Güter in jeder Phase ihrer Reise durch ein Lager digital verarbeitet werden. Sobald die Waren das Lager erreichen, erfassen die Roboter bei der Anlieferung:

  • Volumen und
  • Zustand der Paletten.
  • Dieselben Roboter scannen die Güter in den Regalen.
  • Sie erfassen deren Standort und
  • Menge.

Ohne menschliches Zutun, ohne zusätzliche Investitionen in Infrastruktur

Die Roboter arbeiten ohne menschliches Zutun und erfordern keine zusätzlichen Investitionen in die Infrastruktur. So sollen die BotsAndUs-Roboter für eine erhebliche Zeitersparnis sorgen. Die Bestände müssen weder manuell bemessen, noch überprüft werden. Dies ermögliche es Lagerhausmitarbeitern, einen vollumfänglichen Überblick über ihre Prozesse zu erlangen, in Echtzeit und ohne den Schreibtisch verlassen zu müssen.

„BotsAndUs verfolgt die Vision, das Potenzial der Logistikbranche mit  künstlicher Intelligenz und Robotics auf das nächste Level zu heben. Das neue Investment bestätigt uns in unserem Vorhaben. Es ist großartig zu sehen, wie unsere integrierte KI- und Robotics-Plattform Unternehmen dabei hilft, ihre Leistung zu steigern und ihr volles Potenzial auszuschöpfen. Wir sind zuversichtlich unsere Vision verwirklichen können: Wir wollen Logistik durch Echtzeitdaten weltweit transformieren, um Fehler zu eliminieren und die Leistung in allen Bereichen zu steigern“, sagt Mitgründer und CEO, Andrei Danescu.

Zusammenarbeit mit Luftfrachtunternehmen

BotsAndUs hat bereits renommierte Kunden aus zahlreichen Branchen gewonnen: Neben Maersk und Huboo arbeitet das Startup unter anderem mit Menzies Aviation zusammen. Das Luftfrachtunternehmen bedient den Angaben zufolge mehr als 200 Flughäfen, darunter den größten Flughafen Europas, London Heathrow. Kürzlich ist BotsAndUs eine Partnerschaft mit Maersk eingegangen,  dem globalen Integrator von Containerlogistik. Gemeinsam arbeiten die beiden Unternehmen mit Maersks Abteilung für Lager- und Kontraktlogistik, zunächst in einem der Lager des Unternehmens, daran, die Automatisierung der Bestandsverwaltung und der Annahme-Prozesse voranzutreiben. Darüber hinaus sollen Kunden langfristig eine höhere Sichtbarkeit und einen verbesserten Zugang zu ihren Beständen über verschiedene Lager hinweg bekommen.

Frisches Kapital zur Erschließung neuer Märkte

Mit dem frischen Kapital fokussiert sich das Unternehmen neben Großbritannien auf die Märkte in Deutschland, Frankreich, Skandinavien sowie den USA und Kanada. Die Produktentwicklung soll ebenfalls vorangetrieben werden. „Mehr als 80 Prozent aller Lagerhäuser sind noch nicht automatisiert“, weiß Christoph Schuh, Investment Partner bei Lakestar. Dabei rechne man bis 2025 mit einer Verdopplung der Lagerflächen. Bereits heute verzeichne man einen Arbeitskräftemangel. So fehle rund ein Drittel der benötigten Lagerfachkräfte. Schuh: „Wir sehen die Automatisierung als Schlüssel für die Optimierung der Logistikprozesse. Schaut man sich die Logistikbranche an, stellt man fest, dass die Industrie historisch unter Margendruck steht und nur wenig Mittel hat, um in eine digitale Infrastruktur zu investieren. BotsAndUs bietet durch die Echtzeit-Datenerfassung die Infrastruktur sowie Grundlage, um den Lagerbetrieb nachhaltig zu automatisieren.“

Für Maersk Beleg seiner Ende-zu-Ende-Sichtbarkeit

Die Investition von Maersk Growth in BotsAndUs soll ein Beleg dafür sein, wie Maersk daran arbeite, die Ende-zu-Ende-Sichtbarkeit sowie den Zugang zu den Beständen  über die Lager hinweg zu verbessern. So könne man seinen Kunden künftig eine in Echtzeit anpassbare und eine an sich verändernde Anforderungen zugeschnittene Auftragsabwicklung anbieten, ergänzt Ingrid Ebner, Global Head Kontrakt-Logistik bei Maersk. Oliver Finch, Investment Partner bei Maersk Growth, erkennt an, dass BotsAndUs eine immense Marktchance in den globalen Lieferketten nutzt. Die Mehrzahl der Lagerhäuser seien nur begrenzt oder gar nicht automatisiert. Sie könnten erheblich von Automatisierung profitieren. Viele Unternehmen stießen bei der Bewältigung der operativen Herausforderungen derzeit an die Grenzen ihrer personellen und prozessualen Kapazitäten. BotsAndUs biete eine einfache Lösung für Lagerhäuser, um die Automatisierung anzugehen, Daten anzureichern und eine intelligente Optimierung zu ermöglichen. „So können vorhandene und noch ungenutzte Ressourcen und ihre Teams voll ausgeschöpft werden“, ergänzt Finch. Maersk Growth ist der Venture-Arm von Container-Reederei A.P. Moller-Maersk. Zweck dieses Unternehmens ist es, Lieferketten zu digitalisieren, demokratisieren und dekarbonisieren. Es will Wachstum durch Investments in mit talentierten Startups, Scaleups und visionären Wegbereitern ermöglichen. Durch das Ausnutzen der umfassenden Werkzeugkiste aktiviere man das volle strategische Potential seiner Portfolio-Unternehmen und stifte Wert für die Konzernmutter.

Neue Sicherheitslösung für Mearsk

Die hat unabhängig davon die beabsichtigte Übernahme des norwegischen Unternehmens ResQ für ihre Tochtergesellschaft Maersk Training bekannt gegeben, einem führenden Anbieter von Dienstleistungen und Know-how in den Bereichen Sicherheitstraining und Notfallvorsorge in Norwegen. Seit 2019 ist ResQ ein Subunternehmer von Maersk Training, der Dienstleistungen zur Unterstützung der globalen Schulungsmanagementverträge von Maersk Training erbringt. ResQ verfügt über fünf Überlebenszentren, die strategisch in Norwegen gelegen sind, um die Ausbildung in der Nordsee zu ermöglichen, und bietet mehr als 70 Kurstitel an, während der Krisenmanagement-Teil aus einem vollständigen Notfall-Setup-Setup besteht, das vollständig an die Bedürfnisse des Kunden angepasst werden kann und alle Aspekte eines Notfalls abdeckt. ResQ hat 67 feste Mitarbeiter und über 300 temporäre Ressourcen, die über das ganze Land verteilt sind. Norwegen ist aufgrund des Engagements in Öl- und Gas- und maritimen Segmenten in der Nordsee ein wichtiger Knotenpunkt für Schulungsdienstleistungen, und folglich ist Norwegen ein Kernmarkt für viele der globalen Kunden von Maersk Training.

Londoner Bürgermeister: Aufregende Logistik in London

Rajesh Agrawal, stellvertretender Bürgermeister von London für Wirtschaft, kommentiert: „Es ist eine aufregende Zeit für Technologie in London und Robotik und KI zählen mit zu unseren innovativsten Wachstumssektoren. Wir begrüßen daher die Investition in BotsAndUs – unsere Position als globales Zentrum für Innovation und Risikokapital wird dadurch weiter gefestigt.“

Autor*in: Friedrich Oehlerking (Freier Journalist und Experte für Einkauf, Logistik und Transport)