23.05.2018

E-Procurement: Einstieg in elektronische Beschaffung noch holprig

Wer seine Prozesse im Einkauf verbessern will, kommt langfristig nicht an E-Procurement und E-Tools vorbei. Gleichwohl lassen die Nutzungsquoten der Systeme noch zu wünschen übrig. Firmen müssen vor allem die Basisprozesse digital vorantreiben, so die BME-Studie „Barometer Elektronische Beschaffung 2018“.

Der Fortschritt von E-Procurement wird unterschiedlich bewertet.

BME-Studie zu E-Procurement 2018

Vor allem Mittelständler tun sich mit E-Procurement, mit der Implementierung digitaler Arbeits- und Produktionsprozesse in die Lieferkette, noch schwer. Das ist das Fazit der BME-Studie „Barometer Elektronische Beschaffung 2018“.

An der Befragung nahmen zwischen Oktober 2017 und Januar 2018 insgesamt 303 Unternehmen aus Industrie, Dienstleistungsgewerbe, Handel und öffentlichen Institutionen teil. Darunter befanden sich zu etwa gleichen Teilen Großunternehmen und mittelständische Betriebe.

Die Untersuchung wurde wieder von den Professoren Dr. Ronald Bogaschewsky (Universität Würzburg) und Dr. Holger Müller (HTWK Leipzig) im Auftrag des Bundesverbands Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik e.V. (BME) durchgeführt. Partner waren der Bundesverband Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik in Österreich (BMÖ) sowie die Allocation Network GmbH.

E-Procurement: Kluft zwischen KMU und Großbetrieben vergrößert sich

In der Digitalisierung geht die Schere zwischen KMU und Großbetrieben weiter auseinander, auch wenn die Digitalisierung in den Organisationen weiter vorangetrieben werde, so Müller. KMU strebten ähnliche Nutzungsintensitäten wie Konzerne an, dürften aber die geplanten Quoten nach seiner Einschätzung weder kurz- noch mittelfristig erreichen.

Bogaschewsky findet es erschreckend, wie wenig fortgeschritten viele Unternehmen hinsichtlich des Einsatzes von E-Tools im Beschaffungsbereich seien. Insbesondere KMU seien hier weiterhin zu wenig aktiv. Verglichen mit Entwicklungsstrategien führender Unternehmen sei zu befürchten, dass mehr und mehr Firmen digital abgehängt würden und dadurch massive Wettbewerbsnachteile erleiden könnten.

KMU bei digitaler Transformation im Hintertreffen

Inwieweit in den nächsten Jahren die digitale Transformation zum Einkauf 4.0 in der Breite gelingen kann, versehen die Experten derzeit mit einem Fragezeichen. Insbesondere KMU sind hier aktuell noch deutlich schlechter aufgestellt als Großunternehmen.

Die Hoffnung richtet sich derweil auf einige Betriebe, die als Leuchttürme weiter vorangehen.

Für die Mehrheit der Firmen heißt es jedoch zunächst, die grundlegenden Beschaffungsprozesse digital in den Griff zu bekommen – und dies in einer Geschwindigkeit, die den Abstand zu den besten Unternehmen nicht noch größer werden lässt.

Von der Website des BME können Sie die vollständigen Ergebnisse der Studie als PDF und kostenlos downloaden: https://assets.bme.de.

Rasante Entwicklung im E-Procurement?

Eine etwas andere Sicht auf den Fortschritt der Digitalisierung im Einkauf ergibt sich aus einer weltweiten Studie, ebenfalls aus Würzburg, diesmal aber von der Hochschule für angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt. Diese Studie wurde mit Unterstützung des Software-Herstellers für den Einkauf, SAP Ariba, erstellt.

Demnach befindet sich der Einkauf seit 20 Jahren im Übergang von einem taktisch geprägten, manuellen Prozess zu einer strategisch denkenden, digitalen Funktion. Seit Kurzem zieht der Studie zufolge das Tempo des Wandels rasant an.

Führende Einkaufsorganisationen sähen ihre Zukunft nun eindeutig in der Digitalisierung. Aus dieser Erkenntnis heraus investierten sie massiv in Technologien, die weit mehr bieten sollen als nur Automatisierung und Kostenreduktion – Technologien, mit denen sie ihre Innovationskraft steigern und Großes bewirken können. Welche Früchte dies trägt, davon konnten sich Besucher der diesjährigen SAP Ariba Live, einer führenden Global-Commerce-Konferenz im April 2018 in Amsterdam, ein Bild machen.

Studie der Hochschule Würzburg-Schweinfurt zu E-Procurement

Dr. Karsten Machholz ist Professor für Strategischen Einkauf und Supply Chain Management an der Hochschule für angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt. Ihm zufolge sind sich Verantwortliche für E-Procurement auf der ganzen Welt darin einig, dass die Digitalisierung dringlicher denn je ist.

Diese seien seit einiger Zeit aktiv, um den digitalen Wandel in ihren Organisationen zu beschleunigen und dessen Mehrwert zu maximieren. Machholz hat für die Studie mehr als 450 Procurement- und Supply-Chain-Führungskräfte in den Regionen EMEA, Nord-/Südamerika sowie Asien-Pazifik befragt.

Hauptergebnisse dieser Studie zum E-Procurement

  • Für 83 Prozent der Befragten wird ihr Geschäft in erheblichem Maße von der Digitalisierung betroffen sein.
  • Aber nur fünf Prozent verfügen bereits heute über hochautomatisierte Prozesse.
  • 88 Prozent der Procurement-Verantwortlichen verfolgen höhere Ziele als nur Kosten einsparen helfen.

Diese 88 Prozent wollen Zwangsarbeit, Konfliktmineralien und Armut aus ihren Lieferketten verbannen. Damit wollen sie ihren Unternehmen dabei helfen, sowohl unter finanziellen als auch unter ethischen Gesichtspunkten gut dazustehen. Schließlich wird alles smarter und schneller.

Roboter werden menschliche Einkäufer nicht ersetzen. Kombiniert mit künstlicher Intelligenz und maschinellem Lernen werden sie sie jedoch intelligenter und effizienter machen. Mehr als 60 Prozent der Teilnehmer an der Studie planen hierfür Investitionen in die robotergestützte Prozessautomatisierung (20 Prozent), in künstliche Intelligenz/Cognitive Computing (17), in maschinelles Lernen (15) und in Chat-Bots (neun).

Autor: Friedrich Oehlerking (Freier Journalist und Experte für Einkauf, Logistik und Transport)