28.08.2018

E-Procurement: digitale Beschaffungsnetzwerke eröffnen neue Marktchancen

Wer zuerst kommt, mahlt zuerst – und am besten. Neue Marktchancen muss man nutzen. Eine große Mehrheit der Unternehmen erhofft sich, dass digitale Beschaffungsnetzwerke den Einkauf voranbringen.

Lohnt sich die Investition in digitale Beschaffungsnetzwerke?

Automatisierung und Vernetzung der Beschaffung

Automatisierte Beschaffungsprozesse und durchgängige Vernetzung von Einkäufern und Lieferanten – ohne diese Zutaten werden insbesondere mittelständische Unternehmen im Wettbewerb kaum noch bestehen. Das prognostiziert Professor Willi Muschinski, Dozent für Beschaffungsmanagement an der Hochschule Niederrhein. Er gründet seine Ansicht auf die Ergebnisse einer Umfrage. Es ging um die wichtigen Trends für den Beschaffungsmarkt. Durchgeführt hat sie sein Institut in Zusammenarbeit mit dem Bundesverband Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik (BME) für Cloud-Dienstleister Onventis. Danach erhofft sich eine große Mehrheit von 83 Prozent der Unternehmen neue Marktchancen durch digitale Beschaffungsnetzwerke und will auch verstärkt darin investieren.

„Der mehrstufige Handel wird in naher Zukunft immer mehr an Bedeutung verlieren”, so Muschinski. Studenten der Hochschule Niederrhein befragten insgesamt 438 Einkaufsverantwortliche, davon mit 33 Prozent größte Gruppe Einkaufsleiter. Fast die Hälfte aller Befragten arbeitet in großen mittelständischen Unternehmen.

Ohne agile digitale Beschaffungsnetzwerke dauert Abstimmung zu lange

Der Trend geht der Umfrage zufolge zu agilen Netzwerken und Zusammenarbeit, so die Meinungsforscher. „Ohne eine elektronische Vernetzung dauern Abstimmungsprozesse erheblich länger und sind somit prozesskostenintensiver”, erklärt Onventis-Geschäftsführer Frank Schmidt. Die Leistung von Beschaffungsplattformen bestehe zuvörderst darin, die Koordinationsprozesse zu vereinfachen, damit die Kooperationspartner durch ein abgestimmtes Verhalten eine bessere Marktleistung erreichen können.

Laut Umfrage versuchen Unternehmen teilweise bereits, mit digitalen Prozessen ihren Einkauf zu verbessern. Doch es besteht noch ein extrem großer Nachholbedarf in der Durchdringung und Automatisierung. So haben sich kollaborative Prozesse zwischen Beschaffungsabteilungen der Unternehmen und deren Lieferanten zwar schon etabliert, doch fehlt oft noch eine durchgängige digitale Unterstützung, heißt es in einer Mitteilung des BME an die Presse.

Ohne Vernetzung keine Zukunft

Nach Ansicht der Fachleute werden globale digitale Beschaffungsnetzwerke die Zukunft des Einkaufs bestimmen. Ohne Vernetzung keine Zukunft, ohne Kollaborations-Plattformen keine Vernetzung. Amazon, Google, Uber & Co. gelten hier als Vorreiter. Das Zeitalter klassischer On-premise-Lösungen habe seinen Zenit überschritten. Vernetzungsplattformen aus der Cloud lägen im Trend.

Digitalisierung erfordert hohe Investitionen

Doch was nützt der schönste Trend, wenn das Geld für die nötigen Anschaffungen nicht da ist? Zahlreiche Umfragen zu diesem Thema zeigen, dass ein wesentliches Hemmnis der Digitalisierung in Unternehmen der zu hohe Investitionsbedarf ist.

Digitalisierung erfordert nun mal hohe finanzielle Vorleistungen, etwa

  • den Einkauf technischer Lösungen
  • die notwendige Weiterbildung der Beschäftigten
  • die Anpassung von Unternehmensprozessen
  • den Aufbau von Cybersecurity-Lösungen
  • einen langen finanziellen Atem

Investitionsmittel nur vermeintlich begrenzt?

Wenn Unternehmen aufgrund ihrer tatsächlichen oder nur vermeintlich begrenzten Investitionsmittel vor einem Einsatz digitaler Lösungen zurückschrecken, besteht die Gefahr, dass sie den technologischen Anschluss verlieren.

Dies hat dann in der Regel nachteilige wirtschaftliche Konsequenzen. Die Betriebe können entweder nicht so effizient arbeiten wie ihre „digitale Konkurrenz“ oder sie können die Kundenbedürfnisse weniger passgenau bedienen – so schlussfolgert das „Handelsblatt“.

Kosten- und Ertragsseite der Digitalisierung

Das Handelsblatt Research Institute (HRI) hat sich im Rahmen eines Forschungsprojekts mit der Kosten- und Ertragsseite der Digitalisierung auseinandergesetzt. Man wollte herausfinden, welche Aspekte hier eine Rolle spielen.

Darüber hinaus ging es um die Frage, ob die befragten Unternehmen bereits in der Anfangsphase der digitalen Transformation eine „digitale Dividende“ erzielen, also wie in der Finanzwelt eine Gewinnausschüttung, ein durch die Digitalisierung erzielter wirtschaftlicher Überschuss.

Das HRI hat in Zusammenarbeit mit dem Marktforschungsunternehmen Techconsult 999 deutsche Mittelständler unterschiedlicher Größe und aus unterschiedlichen Branchen nach ihrer digitalen Strategie sowie nach den Komponenten der Digitalisierung auf der Kosten- und Ertragsseite befragt.

HRI-Umfrage: Investition in Digitalisierung lohnt sich

Wichtigstes Ergebnis: Knapp 40 Prozent der befragten Unternehmensleitungen schätzen, dass die bereits sichtbaren Vorteile der Digitalisierung die bisher entstandenen Kosten übersteigen. Auf Basis dieser Aussage und der Annahme, dass die Vorteile schlussendlich auch zu einer Gewinnsteigerung führen, erzielen diese Unternehmen nach eigener Einschätzung eine digitale Dividende.

Zu beachten geben die HRI-Forscher, dass es sich um eine subjektive Einschätzung der Befragten handelt. Zudem können sich die Aspekte, die von den Befragten als Vorteile und Kosten gesehen werden, sowie deren Größenordnung von Fall zu Fall unterscheiden.

Auf der Onventis-Website können Sie die Ergebnisse der zuerst genannten Studie abrufen, unter „Onventis Trendbarometer 2018 – digitale Netzwerke im Einkauf“.

Auf der Handelsblatt-Website lesen Sie mehr über die zuletzt genannte HRI-Umfrage „Die Digitalisierung bringt eine Dividende“.

Autor: Friedrich Oehlerking (Freier Journalist und Experte für Einkauf, Logistik und Transport)