29.05.2019

E-Mobilität: Verschläft die Automobilbranche den Umbruch?

Wie das Kaninchen auf die Schlange: fast bewegungslos starrt die Autobranche auf das Unheil, das sich in Gestalt der E-Mobilität ihr nähert – langsam, aber unaufhaltsam. Und tut offenbar nur wenig, um sich darauf vorzubereiten. Zu diesem Schluss kommt Marktbeobachter BWA.

E-Mobilität

Wechsel vom Verbrennungsmotor zur E-Mobilität

So sicher wie das Amen in der Kirche – der Verlust von Arbeitsplätzen durch den Wechsel vom Verbrennungsmotor zur E-Mobilität kommt. Doch die Automobilbranche ist darauf nicht ausreichend vorbereitet. Diese These vertritt Harald Müller, Geschäftsführer der BWA Akademie in Bonn, laut einer Pressemitteilung. Müller verweist auf Schätzungen des Fraunhofer-Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO). Danach soll allein in der Herstellung der Antriebe bis zum Jahr 2030 jede zweite Stelle wegfallen. Das würde den Verlust von 100.000 Arbeitsplätzen bedeuten. Und dabei sollen laut Fraunhofer IAO in demselben Sektor nur etwa 25.000 neue Stellen entstehen.

Consulting, Coaching, Careers

Die BWA Akademie ist unter dem Motto „Consulting, Coaching, Careers“ seit über 20 Jahren unter Geschäftsführer Harald Müller als Spezialist für Personalentwicklung, Outplacement, Personalberatung und Training sowie für Arbeitsmarktprogramme wie Beschäftigtentransfer tätig. Sie berät Konzerne bei personellen Veränderungen. Sie versteht sich als neutraler Vermittler zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften zum Vorteil der Arbeitnehmer. Mit ihrer Hilfe hätten mehr als zehntausend Arbeitnehmer eine neue berufliche Zukunft gefunden. Das Spektrum reicht von der Begleitung von Change Management-Prozessen über Vermittlung und Coaching von Führungskräften bis hin zur Unterstützung bei der Gründung eines eigenen Unternehmens.

Missverhältnis von 100 zu 25

Das Missverhältnis von 100 zu 25 dürfte, so Müller, für die Beschäftigungssituation in weiten Teilen der Automobil- und der Zulieferindustrie gelten. Von den gewohnten Autobatterien über herkömmliche Bremsen bis hin zu Getrieben werde nichts mehr von den bislang für die Automobilbranche hergestellten Teilen benötigt. Aber an der Branche hingen direkt mehr als 800.000 Arbeitsplätze.

Müller: „Wenn tatsächlich ein Viertel davon wegfällt, stellt das nicht nur für die Betroffenen eine Katastrophe dar, sondern für den Wirtschaftsstandort Deutschland und für den sozialen Frieden hierzulande.“

Firmen fehlt Personalmatrix

Parallel zu dieser Entwicklung entstünden allerdings neue Arbeitsplätze, etwa bei Aufbau und Betrieb neuer Infrastrukturen für E-Mobilität oder bei mobilen Diensten. Müller: „Aber der Transferaufwand ist enorm.“ Zum Beispiel könne man jemanden, der bisher in der Getriebemontage tätig war, nicht nach einem kurzen Umschulungskurs an einen Computerbildschirm setzen und erwarten, dass das reibungslos funktioniere. Der BWA-Geschäftsführer weiß aus der Praxis:

„Die meisten Unternehmen führen keine Personalmatrix, wissen also nichts über die spezifischen Fähigkeiten, aber auch Hemmnisse, ihrer Beschäftigten.“
Sie besäßen keine systematischen Kenntnisse über die Potenziale ihrer Arbeitnehmerschaft und seien daher überhaupt nicht in der Lage, zu erkennen, wer für eine Umschulung bereit und dazu auch in der Lage wäre, und wer eben nicht. Die Ursachen hierfür sieht Müller darin, dass in vielen Personalabteilungen das Recruiting und die Personalverwaltung im Vordergrund stehe, während die Personalentwicklung vernachlässigt werde.

E-Umstellung bringt Probleme ans Tageslicht

Die Umstellung auf E-Mobilität sei aber politisch, gesellschaftlich und letztlich industriell gewollt. Bis 2020 will die deutsche Autobranche ihr Angebot an E-Fahrzeugen in etwa verdreifachen auf 100 Modelle, heißt es in der BWA-Mitteilung unter Berufung auf den Verband der Automobilindustrie (VDA). Die Hersteller hätten angekündigt, bis dahin rund 40 Milliarden Euro in E-Mobilität zu investieren. Autohersteller wie Zulieferer seien teilweise überfordert bei der Bewältigung damit einhergehenden Probleme.

„Die Branche wäre gut beraten, einen Gutteil davon in die Weiterbildung der Beschäftigten zu stecken, aber auch für Sozialpläne bereitzuhalten“, so Müller.
Bei einem E-Auto würden 200 Teile verbaut, während es bei einem Wagen mit Verbrennungsmotor noch 1.200 Teile gewesen seien. Dadurch sinke die Montagezeit pro Auto von 20 Stunden auf unter 15 Stunden. Müller: „Es muss also dringend ein Plan her, um die Beschäftigten bei dieser Entwicklung mitzunehmen.“ Das sei man nicht nur den betroffenen Menschen schuldig, sondern das sei auch für den sozialen Frieden in Deutschland eine unabdingbare Voraussetzung.

Autor: Friedrich Oehlerking (Freier Journalist und Experte für Einkauf, Logistik und Transport)