27.07.2022

Droht Stillstand der Binnenschifffahrt?

Alle Sommer wieder: Niedrigwasser auf dem Rhein. Der BDI befürchtet eine Einstellung der Binnenschifffahrt. Die Nachfrage nach Transportraum vor allem wegen gestiegenen Bedarfes an Kohle ist enorm, das Angebot gering. Neue Frühwarnsysteme sollen Niedrigwasser künftig entschärfen.

Stillstand der Binnenschifffahrt

Pegelstände unterhalb des Niveaus von 2018

Laut dem BDI liegen die ersten Pegelstände bereits unterhalb des Niveaus von 2018. Damals führten deutsche Flüsse so außergewöhnlich wenig Wasser, das zeitweise beispielsweise die Bereitstellung von Kraftstoff an Tankstellen in Nordrhein-Westfalen ins Stocken geriet. Beim extremen Rheinniedrigwasser 2018 hatten Tankschiffe auf dem Weg vom Ölzentrum Rotterdam flussaufwärts nicht mehr vollladen können. Tanklastwagen konnten dies nicht vollends ausgleichen, bei vielen Tankstellen fehlten daher immer wieder Kraftstoffe (wir berichteten).

BDI fordert Resilienzplan

Ein Jahr später gelobte man Besserung (wir berichteten). Nun hat das Niedrigwasser wieder solche Tiefstände erreicht, dass der Bundesverband der Deutschen Industrie e.V. (BDI) deshalb für die kommenden Jahre einen Resilienzplan sowie Investitionen in für Niedrigwasser geeignete Schiffe fordert. Der Bund müsse die notwendigen Haushaltsmittel für die Anpassung der Infrastruktur zur Verfügung stellen, forderte der BDI weiter.

„Die deutsche Industrie sieht die Gefahr, dass die niedrigen Pegelstände die Kapazitäten in der bereits hoch ausgelasteten Binnenschifffahrt weiter verknappen“,  heißt es in einer Mitteilung des Verbandes. Die Lage könne sich rasch zuspitzen, auch wenn die Versorgung der Industrie über die Wasserstraßen aktuell noch sichergestellt sei. Erste Pegelstände im Rhein lägen bereits unter dem Niveau des Extremniedrigwasserjahrs 2018.

Von der Bundesregierung fordert der BDI weiter:

  • gemeinsam mit den Ländern, der Logistikwirtschaft und der Industrie ein engmaschiges Monitoring aufzusetzen und
  • den Umgang mit drohenden Engpässen auf den Wasserstraßen frühzeitig vorzubereiten.

Versorgungssicherheit von Unternehmen

Die Versorgungssicherheit von Unternehmen und Privathaushalten habe in der aktuellen Situation höchste Priorität. Notwendig sei eine Kapazitätsplanung für den Umstieg auf andere Verkehrsträger, die auch ein Baustellenmanagement für Schiene und Straße umfasse. Zusätzliche Engpässe durch nicht dringend notwendige Baumaßnahmen könne man sich in der derzeitigen Situation nicht leisten“, so der Verband.

Niedriger Rheinpegel am Pegel Emmerich am 17. Juli: Für die Binnenschifffahrt stellt das ein Problem dar. Sinkt der Pegel zu weit ab, dürfen Schiffe nicht mehr voll beladen werden. Wie „n-tv“ berichtet, ist die Nachfrage nach Transportkapazitäten auf den Binnenwasserstraßen ist, nicht zuletzt bedingt durch die Gaskrise und den dadurch erzeugten gestiegen Bedarf nach Kohle, enorm hoch, sie kollidiere aber mit dem niedrigen Wasserstand. Durch die geringen Pegelstände der Flüsse dürfen die Binnenschiffer ihre Schiffe nur noch zur Hälfte beladen. Folge auch hiervon: die Preise steigen.

Frachtschiffgeschäft stark eingeschränkt

Die Trockenheit schränkt das Geschäft der Frachtschiffe auf dem Rhein und anderen Flüssen in Deutschland stark ein. „Wir dürfen nur noch etwa 50 Prozent der Menge transportieren, die wir transportieren könnten“, zitiert „n-tv“ den Vorstand der Deutschen Transport-Genossenschaft Binnenschifffahrt mit mehr als 100 Schiffen, Roberto Spranzi, in Duisburg. Durch die geringere Ladungsmenge seien die Schiffe weniger schwer und nicht so tief im Wasser. Die Kapazitäten seien also reduziert. „Wir sind ausgebucht“, so Spranzi. Schweres Frachtgut sind zum Beispiel

  • Chemikalien,
  • Kies und
  • Rohstoffe wie Kohle.

Da Deutschland wegen der Gaskrise wieder verstärkt auf Kohlekraftwerke setzt, ist die Nachfrage nach Kohle deutlich gestiegen. Das merkten die Reeder. Die Versorgung mit Frachtgut über Schiffe ist aus Sicht Spranzis noch sichergestellt. Die Lage sei indes angespannt, große Regenfälle nicht in Sicht. Ergiebige längere Regenfälle sind laut Deutschem Wetterdienst gegenwärtig in Hessen und Rheinland-Pfalz nicht in Sicht. Die Stadtwerke Andernach rechnen für den Mittelrhein damit, „dass der Pegelstand noch mal weiter sinken wird“, die Schiffe aber vorerst weiterfahren könnten.

Transporteure sehen Situation gelassen

Im Gegensatz zum BDI sehen die Transporteure bislang keine Gefahr eines Lieferstopps. Spranzi: „Das wird zwar eng, aber die Schiffe werden weiter fahren.“ Ein Teil der Binnenschiffe, die üblicherweise auf deutschen Flüssen fahren, sei derzeit in Europa in den Transport von ukrainischem Getreide eingebunden. Das hat die Frachtkapazitäten zusätzlich spürbar verknappt. „Die Reedereien können viele ihrer Schiffe nur noch zur Hälfte befüllen“, erklärten einem Bericht der FAZ zufolge die Stadtwerke Andernach als Betreiber des örtlichen Hafens mit Blick auf den Rhein. Im gegenwärtigen Niedrigwasser des Flusses könnten zu schwere Frachtschiffe sonst auf Grund laufen. Nach Auskunft der Stadtwerke könnte eine weitere Verschärfung der Lage auf dem Rhein dazu führen, dass Transporte auf Lkw umgelagert werden müssen. Das wiederum führe dazu, dass die Versorgung der Tankstellen belastet werde.

BDB: enorme Nachfrage nach Schiffsraum

Der ebenfalls in Duisburg ansässige Bundesverband der Deutschen Binnenschifffahrt (BDB) spricht ebenfalls von einer „enorm hohen Nachfrage nach Schiffsraum“, etwa für Kohle, Container und Getreide. Diese Nachfrage balle sich nun wegen der Getreidetransporte und des Wiederhochfahrens der Kohlekraftwerke. „Deshalb kann es passieren, dass nicht jeder Kunde in dem Umfang bedient werden kann, wie er es sich wünscht“, kommt in dem TV-Bericht Verbandsgeschäftsführer Jens Schwanen zu Wort. Das führe „zu einer gewissen Verschärfung der Situation, die durch das Niedrigwasser ohnehin bereits gegeben ist“.

Chemieindustrie am Rhein betroffen

Der Rhein ist Europas wichtigste Wasserstraße. Er verbindet große Wirtschaftszentren wie Rotterdam, Duisburg, Ludwigshafen und Basel. Er dient unter anderem Kohlekraftwerken und Raffinerien als Transportweg. Die Chemieindustrie mit den großen Chemie-Konzernen wie BASF und Bayer nutzt den Wasserweg intensiv. Kritisch ist laut „klimareporter“ bereits für die Kohleversorgung. Die Schiffe, die die Kraftwerke rheinaufwärts versorgen, könnten laut dem Verein der Kohlenimporteure nur noch 30 bis 40 Prozent der normalen Ladung aufnehmen. Beim Essener Stromerzeuger Steag heiße es, die Kohlebeschaffung dauere länger als bei normalen Pegelständen. Der Stromkonzern EnBW, der Kraftwerke an sieben Standorten in Baden-Württemberg betreibt und in Nordrhein-Westfalen vertreten ist, spüre ebenfalls die knapperen Liefermengen. Dank Brennstoffvorräten bei den Kraftwerken könne man das allerdings noch abfedern.

Schifffahrt in Bayern schippert auf Problem zu

Die Binnenschifffahrt in Bayern „schippert“ laut „Süddeutsche Zeitung“ derweil bei weiter sinkendem Pegel wegen der Trockenheit auf ein immer größeres Problem zu. Zwischen den niederbayerischen Städten Vilshofen und Straubing fließt die Donau über 70 Kilometer frei, der Wasserstand sei damit nicht kontrollierbar. „Wir haben schon seit Wochen Niedrigwasser“, sagt Stefan Niedermeier, Prokurist im Hafen Straubing, der Zeitung. Maßgebend für den Streckenabschnitt ist der Pegel in Pfelling. Mit 2,25 Meter wurde dort der niedrigste Wert seit Aufzeichnungsbeginn gemessen. „Frachtschiffe fahren nur noch mit einem Viertel der Ladung“, so Niedermeier. Irgendwann komme es noch zum Stillstand. Niedermeier: „Da werden Unmengen an Geld über Bord geworfen.“

Größerer Tiefgang von Personenschiffen

Personenschiffe hätten in der Regel einen noch größeren Tiefgang als Güterschiffe. Einige Kreuzfahrtriesen, aber auch kleinere Fähren, könnten die Donau laut Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt (WSA) schon nicht mehr befahren. „Aufgrund der lang anhaltenden Trockenphase sinken die Wasserstände stetig“, kommt Yvonne Kallai-Bauer in dem Bericht zu Wort, Pressesprecherin des WSA Regensburg. Die bisherigen Temperaturen stellten keine Besserung in Aussicht. Ebenso besorgt sind Kanuten und Fährenkapitäne über den Wasserstand in Bayerns kleineren Flüssen. Die Pettstadter Fähre (Kreis Bamberg) bleibe wegen Niedrigwasser in der Regnitz aktuell im Hafen. Wenn der Lech weiterhin so dürftig fließe, stehe die Kanu-WM in Augsburg auf der Kippe. Laut Auskunft der Stadt versuche man, den Augsburger Stadtbach abzuklemmen und auf die Wettkampfroute umzuleiten, damit die Weltmeisterschaft auch stattfinden kann, sollte der Regen weiterhin ausbleiben.

Passau normal niedriger Wasserstand

Als „normal niedrig“ dagegen schätzt Florian Noé, Geschäftsführer der Donau-Schifffahrtsgesellschaft in Passau, den Pegel des Main-Donau-Kanals ein. Die Wasserstraße sei schleusengesteuert und der Pegel regulierbar. Zudem hätten die großen Frachter auf dem Main-Donau-Kanal bei Niedrigwasser gegenüber kleineren Routen wie der Regnitz Vorrang, was die Wasserressourcen angeht. Die Hitze halte also die Passauer Donaudampfer nicht vom Ablegen ab, allerdings die Touristen von ihrem Besuch, so Noé.

Elbe bis Hamburg no go für Frachter

Die Elbe könne südlich von Hamburg bereits seit April von Frachtschiffen nicht mehr befahren werden, sagte Matthias Bunger von der Transportgenossenschaft Binnenschiff dem NDR in Niedersachsen. Wahrscheinlich erst im Oktober, ausreichend Niederschläge vorausgesetzt, sei das wieder möglich. Dass die Elbe im Sommer nicht schiffbar ist, sei bereits seit drei Jahren so, betonte Bunger. So schlimm wie 2019 sei die Lage nicht. Aktuell liegt der Pegel in Neu Darchau (Landkreis Lüchow-Dannenberg) bei 1,22 Meter – doppelt so hoch wie vor drei Jahren.

Zwei neue Vorhersage-Modelle für Wasserstände

Reedereien mit Binnenschiffen können mit zwei neuen Vorhersage-Modellen für die Wasserstände von Rhein und teils auch der Elbe weiter in die Zukunft schauen. Wie die „Saarbrücker Zeitung“ berichtet, soll ihnen das bei sinkenden Pegelständen wie während der aktuellen Trockenheit die Planung erleichtern, wie viel Ladung sie noch aufnehmen können. Die Zeitung bezieht sich auf Angaben der Bundesanstalt für Gewässerkunde (BfG) in Koblenz, wonach mit ihrer neuen 14-Tage- und 6-Wochen-Vorhersage „effizienter auf Niedrigwassersituationen reagiert“ werden können soll.

Die neue 14-Tage-Wasserstandsvorhersage für den Rhein findet sich im Internetportal elwis.de. Sie ist laut BfG eine Verbesserung der bisherigen 10-Tage-Vorhersage und gibt Wahrscheinlichkeiten für Tageswerte der Wasserstände bei sieben Rheinpegeln an. Die 6-Wochen-Vorhersage wird dagegen zweimal wöchentlich mit Wochenmittelwerten für die Rheinpegel Kaub, Köln und Duisburg-Ruhrort sowie die Elbepegel Dresden, Barby und Neu Darchau veröffentlicht.

Autor*in: Friedrich Oehlerking (Freier Journalist und Experte für Einkauf, Logistik und Transport)