24.02.2022

DIHK: Konjunktur hält die Luft an

Über alle Branchen hinweg melden neun von zehn Unternehmen höhere Einkaufspreise als Folge von Lieferengpässen. Gut die Hälfte spricht sogar von Preisanstiegen „in erheblichem Umfang“. Das ergibt eine Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertages 2022.

DIHK Konjunktur

Nur vorsichtiger Optimismus in den Unternehmen

Die deutsche Wirtschaft beurteilt sowohl ihre aktuelle Lage als auch den Ausblick auf das Gesamtjahr 2022 insgesamt negativer als vor dem Jahreswechsel. Das ist das Ergebnis der bundesweiten IHK-Konjunkturumfrage zu Jahresbeginn 2022 unter knapp 28.000 Unternehmen aus allen Branchen und Regionen. Bei der Vorstellung der Umfrage Mitte Februar fasste DIHK-Hauptgeschäftsführer Martin Wansleben die Rückmeldungen aus den Industrie- und Handelskammern zusammen: „Die Konjunktur hält die Luft an. In den Unternehmen herrscht zwar weiterhin eine vorsichtig optimistische Grundstimmung.“ Viele wüssten wegen großer Unsicherheiten nicht, wie es weitergeht.

„Wir sehen bei den wichtigsten Faktoren nach den Steigerungen des vergangenen Jahres eine Seitwärtsbewegung oder gar einen leichten Knick nach unten“, so Wansleben.

Bessere Geschäfte nicht vor Jahresende

Einer DIHK-Pressemitteilung zufolge rechnet nur knapp ein Viertel der Unternehmen in den kommenden zwölf Monaten mit besseren Geschäften. Der noch positive Saldo aus Betrieben mit höheren Erwartungen und denen mit schlechteren Aussichten habe sich damit im Vergleich zum Herbst des Vorjahres von zehn auf fünf halbiert. Aufgrund der deutlich gedämpften Rückmeldungen aus den Unternehmen passt der DIHK seine ursprüngliche Wachstumsprognose von 3,6 Prozent für das laufende Jahr auf 3,0 Prozent an.

„Damit werden wir das Vorkrisenniveau unserer Wirtschaftsleistung voraussichtlich erst zur Jahresmitte erreichen”, sagte Wansleben.
Die größten Belastungsfaktoren seien neben der Corona-Krise und Lieferengpässen vor allem die stark gestiegenen Energie- und Rohstoffpreise sowie der Fachkräftemangel.

Hinzu kämen weitere zu erwartende Kostensteigerungen durch die Transformation beim Klimaschutz. Insbesondere für Unternehmen, die im internationalen Wettbewerb stehen, sei noch offen, wie ein entsprechender Ausgleich funktionieren soll. Wansleben: „Viele befürchten eine Verschlechterung ihrer Position auf den Weltmärkten. Denn der Standort Deutschland verlangt inzwischen mit die höchsten Energiepreise weltweit und liegt auch bei der Steuerbelastung für Unternehmen weit über dem Durchschnitt aller OECD-Länder.“

Die drei größten Geschäftsrisiken
Die drei größten Geschäftsrisiken

Geschäftsrisiko Nr. 1: Energie- und Rohstoffpreise

Die Energie- und Rohstoffpreise als eines ihrer größten Geschäftsrisiken stufen ein:

  • fast zwei Drittel der Betriebe
  • 85 Prozent der Industrie.

„Das ist sowohl für die Gesamtwirtschaft als auch für die Industrie der höchste bislang von uns ermittelte Wert“, so Wansleben. Über alle Branchen hinweg melden zudem

  • neun von zehn Unternehmen höhere Einkaufspreise als Folge von Lieferengpässen,
  • gut die Hälfte spreche sogar von Preisanstiegen „in erheblichem Umfang“,
  • zehn Prozent der Betriebe und damit weniger als im Herbst 2021 rechnen mit einem Ende der Lieferprobleme bis zu Jahresmitte,
  • knapp 90 Prozent stellen sich auf eine längere Durststrecke ein oder wagen keine Prognose.

Geschäftsrisiko Nr. 2: Fachkräftemangel

Auf Platz zwei der Geschäftsrisiken folge der Fachkräftemangel. Er erreicht aus Sicht der Betriebe trotz der noch nicht überwundenen Krise bereits wieder nahezu seinen historischen Höchststand:

  • 61 Prozent nach zuvor 59 Prozent der Unternehmen fürchten, nicht genügend qualifiziertes Personal zu finden.
  • 43 Prozent der Betriebe (zuvor 40 Prozent): Sorge vor steigenden Arbeitskosten – so viele wie noch nie.

Mit der Erwartung auch künftig weiter zunehmender Fachkräfteengpässe oder zur langfristigen Bewältigung des Strukturwandels können die Beschäftigungsabsichten der Betriebe am aktuellen Rand positiv sein, auch wenn die Geschäftsaussichten eingetrübt sind. In der Industrie stehen die Zeichen auf Anstieg der Beschäftigungsabsichten. Der Saldo verbessert sich dort im Vergleich zur Vorumfrage leicht von 14 auf 15 Punkte. Volle Auftragsbücher der Unternehmen, aber auch der drohende Mangel an qualifizierten Arbeitskräften machen sich bei den Einstellungsabsichten bemerkbar. Angesichts des sich abzeichnenden Renteneintritts der geburtenstarken Jahrgänge sehen es die Betriebe als notwendig an, neues Personal einzustellen.

Gleichzeitig spürten die Unternehmen mit positiven Beschäftigungsplänen bereits, dass es immer schwieriger werde, Stellen zu besetzen. Unternehmen, die Beschäftigung aufbauen wollen, sehen oft das Risiko des Fachkräftemangels. Vor einem Jahr deuteten die Beschäftigungsabsichten noch auf einen Abbau hin (Saldo von minus neun Punkten). Dabei hätten sie sich damals nach dem drastischen Einbruch nach Krisenbeginn im Frühsommer 2020 mit per Saldo minus 33 Punkten schon wieder in der Aufwärtsentwicklung befunden.

Geschäftsrisiko Nr. 3: Finanzlage

Mehr als jedes dritte Unternehmen beschreibe seine eigene Finanzlage als problematisch. „Zwei Jahre Corona-Krise haben viele Reserven aufgebraucht“, so Wansleben. Das könnten auch die Hilfen, die vieles abgefedert haben, nicht ändern. Je kleiner das Unternehmen, desto kritischer stelle sich die Finanzlage dar, vor allem beim Eigenkapital und der Liquidität:

  • Ein Viertel der kleinen Unternehmen mit bis zu 19 Beschäftigten sehen einem Eigenkapitalrückgang ausgesetzt,
  • 21 Prozent befürchteten einen Liquiditätsengpass

Besonders angespannt fällt der DIHK-Untersuchung zufolge die Bewertung der Finanzlage im Gastgewerbe und bei Unternehmen aus Kunst, Unterhaltung, Freizeit aus. Hier habe sich die Geschäftslage durch die Maßnahmen zur Eindämmung der vierten Corona-Welle zusätzlich verschärft. Noch im Herbst hatte es Anzeichen für einen Aufwärtstrend gegeben.

Zur aktuellen Finanzlage der Unternehmen
Zur aktuellen Finanzlage der Unternehmen

Bessere Erwartungen als im Herbst melden laut DIHK-Angaben:

  • Pharmaunternehmen,
  • Textilhersteller
  • Maschinenbauer.

Der Export erweise sich auch insgesamt als vergleichsweise stabil. Deshalb seien diejenigen Unternehmen optimistischer, die offenbar befürchtete Rückschläge durch den Export kompensieren können, und die nicht so hart von Corona betroffen sind.

Im Pharma- und im Maschinenbausektor wollten mehr Unternehmen in einen Ausbau ihrer Kapazitäten investieren als im Herbst 2021. Insgesamt halten sich die Unternehmen dagegen bei den Investitionen noch stärker zurück. Als Gründe dafür führt die DIHK-Studie an:

  • Hohe Kostenbelastungen,
  • aktuelle Unsicherheiten,
  • schwierige Rahmenbedingungen durch aufwendige Planungsverfahren.

Angesichts des Nachholbedarfs nach der Corona-Krise zur Erneuerung der Wirtschaft hält Wanslebens die Zeit für einen kräftigen Investitionsschub für gekommen. Tatsächlich seien die Investitionen aber zu schwach für einen selbsttragenden Aufschwung.

Planungen der Unternehmen für Beschäftigung

Die Beschäftigungsabsichten der Unternehmen bleiben trotz schwierigem Umfeld und angesichts unsicherer Entwicklung rund um das Pandemie-Geschehen mit per Saldo acht Punkten im positiven Bereich. Selbst in der aktuell großen Unsicherheit bereiteten sich die Betriebe auf zunehmenden Mangel an Fachkräften als Folge des demografischen Wandels vor:

  • Mehr als 21 Prozent der Unternehmen plane mit mehr Beschäftigung,
  • zwei Drittel mit gleichbleibendem Personalbestand,
  • 13 Prozent mit einem Abbau.

Gegenüber der Umfrage vom Herbst 2021 zeige sich eine leichte Eintrübung von per Saldo acht nach zuvor neun Punkten ab. Die Pläne lägen demgegenüber weiter merklich über dem langjährigen Durchschnitt bei einem Saldo von null Punkten.

Beschäftigungsabsichten
Beschäftigungsabsichten

Spitzentechnologie stellt mehr ein, Kraftfahrzeugbau weniger

Weitgehende Einstellungspläne haben zum Beispiel folgende Bereiche per Saldo von:

  • 25 nach zuvor 19 Punkten Spitzentechnologie
  • 25 nach zuvor 24 Punkte Elektrotechnik
  • 25 nach zuvor 19 Punkte Maschinenbau
  • 26 nach zuvor 20 Punkte Energieversorger

Hier vermuten die Meinungsforscher der Weg zur Klimaneutralität als ausschlaggebend. Er steigere die Nachfrage nach Fachpersonal dort.

Umgekehrt sind die Vorzeichen dagegen per Saldo von:

  • minus 6 nach zuvor minus 4 Punkten Kraftfahrzeugbau aufgrund:
    • der Engpässe bei Vorprodukten wie u.a. dem Chipmangel,
    • der Mobilitätswende sowie
    • der Wettbewerbsdruck in Auslandsmärkten.

Dienstleister gespalten

Die Dienstleister zeigen ein heterogenes Bild. Bei ihnen hätten nicht zuletzt Coronabetroffenheit und struktureller Wandel großen Einfluss. Hier wiesen expansive Pläne auf folgende Branche per Saldo:

  • 34 nach zuvor 30 Punkte Branchen mit Digitalisierungsbezug wie zum Beispiel Programmierer
  • 35 nach zuvor 37 Punkte IT-Dienstleister
  • 25 nach zuvor 28 Punkte Telekommunikation auf.

Gleiches gilt für Dienstleister. Sie seien mit Blick auf die ökologische Transformation gefragt wie zum Beispiel mit einem Saldo von:

  • 17 nach zuvor 20 Punkte Architektur- und Ingenieurbüros
  • 32 nach zuvor 23 Punkte Forschung und Entwicklung
  • 17 nach zuvor 16 Punkte Gesundheitswirtschaft dank demografischem Wandel mit steigender Nachfrage nach diesen Dienstleistungen.

Einschränkungen zur Pandemiebekämpfung

Neuerliche Einschränkungen zur Pandemiebekämpfung kämen in den negativen Einstellungsabsichten zum Ausdruck per Saldo:

  • minus 8 nach zuvor 2 Punkte Gastgewerbe, nachdem diese in der Vorumfrage noch leicht aufwärts gerichtet waren, im Frühsommer 2021 mit minus 24 Punkten.
  • minus 16 Punkte Reisevermittlern.
  • zwischenzeitlich minus 52 Punkte im Herbst 2020 Messe-, Ausstellungs- und Kongressveranstalter, will die Branche in Erwartung auf Geschäft 2022 Personal aufbauen. Allerdings haben sie ihre Absichten im Vergleich zum Herbst etwas heruntergeschraubt: per Saldo von elf nach zuvor 17 Punkten.

Handel mit stabilen Einstellungsplänen

Die Einstellungspläne im Handel bleiben laut DIHK gegenüber der Vorumfrage nahezu unverändert bei fünf Punkten. Damit lägen sie über dem langjährigen Durchschnitt (Saldo von minus drei Punkten. Auch hier zeige der Vergleich zum Vorjahr ein deutliches Plus um 16 Saldenpunkte. Das Vorkrisenniveau mit null Punkten Anfang 2020 werde überschritten. Im Zuge der Eintrübungen aufgrund erneuter Pandemie-Maßnahmen schraube der Einzelhandel seine Pläne gegenüber Herbst 2021 etwas zurück (Saldo von 1 nach zuvor 5 Punkten). Diese hatten sich zuvor deutlich erholt. Die Händler gesundheitsbezogener Güter wollen dagegen laut Umfrage Beschäftigung aufbauen (Saldo von 13 nach zuvor 6 Punkten).

Baugewerbe will weiter einstellen

Im Baugewerbe zeigen sich die Einstellungsabsichten nahezu mit per Saldo von fünf Punkten nach zuvor vier Punkten unverändert. Daraus, dass sie im positiven Bereich liegen, schließen die Meinungsforscher auf einen Beschäftigungszuwachs über dem langjährigen Durchschnitt von minus fünf Punkten, wenn auch unter den Werten der Jahre 2018 und 2019. Die Transformation hin zur Klimaneutralität steigere zudem die Nachfrage nach Bauleistungen und damit nach entsprechenden Arbeitskräften dort, insbesondere im Ausbaugewerbe mit sieben Punkten nach zuvor fünf Punkten – der höchste Wert innerhalb der Bauwirtschaft.

Autor*in: Friedrich (Freier Journalist und Experte für Einkauf, Logistik und Transport)