20.08.2021

Deutz: angeblich marktreifer Diesel-Motor für Wasserstoff-Betrieb

Hat der Verbrennermotor ausgedient? Vom Diesel-Abgasskandal bis zum Hype um das E-Auto drängt sich dieser Eindruck auf. Doch die Industrie gibt ihn nicht auf. Motorenbauer Deutz prescht mit der Behauptung vor, einen Wasserstoff-Verbrennermotor zur Marktreife gebracht zu haben.

Deutz Wasserstoff-Betrieb

Deutz‘ erster Wasserstoffmotor

Diesel-Motorenbauer Deutz hat keine Angst, den Mund möglicherweise zu voll zu nehmen. Einer Pressemitteilung des Kölner Unternehmens vom 12.08.2021 zufolge will man seinen ersten Wasserstoffmotor auf den Markt bringen: den TCG 7.8 H2. Mit dem Wasserstoffmotor baue man sein Angebot an „emissionsreduzierten und -freien Antrieben weiter aus“. Der Motor erfülle den von der EU vorgegebenen CO2-Grenzwert für „Zero Emission“, also absolut keine Emission.

Deutz sieht sich als Vorreiter für eine klimaneutrale Mobilität im Off-Highway-Bereich. Man baue „bereits heute sehr effiziente und saubere Motoren“. Nun stehe der nächste Schritt an. Der Wasserstoffmotor von Deutz sei „reif für den Markt“.

„Für uns ein wichtiger Meilenstein, um als Unternehmen unseren Beitrag zur Erreichung der Pariser Klimaziele zu leisten“, sagt Dr. Frank Hiller, Vorstandsvorsitzender der Deutz AG.
Die Serienproduktion des Motors plant Deutz für 2024.

Erste Tests auf dem Prüfstand will das Unternehmen erfolgreich abgeschlossen haben. 

Dazu Dr. Markus Müller, Chief Technology Officer der Deutz AG: „Der sechszylindrige TCG 7.8 H2 baut auf einem bestehenden Motorkonzept auf. Er läuft nicht nur CO2 neutral, sondern auch sehr leise und liefert bereits 200kW Leistung. Der Motor eignet sich grundsätzlich für alle heutigen Deutz-Anwendungen, dürfte aber auf Grund der zur Verfügung stehenden Infrastruktur erstmal in den Bereichen stationäre Anlagen und Generatoren sowie Schienenverkehr eingesetzt werden.“
Als erste Pilotanwendung des Wasserstoffmotors plant Deutz eine stationäre Anlage zur Stromerzeugung mit einem regionalen Partner. Diese soll Anfang 2022 in Betrieb gehen und die Praxistauglichkeit des Motors unter Beweis stellen.

Finger und viel Geld verbrannt

Ob das allerdings gelingen könnte, wird von Fachleuten angezweifelt. Der renommierte Fachautor Hans-Jürgen Reuß hängt seine Kritik an dem Begriff „marktreif“ auf. Das sei nicht nur im industriellen Bereich ein gefährliches Wort, schreibt er in einer Kritik zum „Deutzer Gas-Ottomotor“ vom 12.08.2021. Daran hätten sich gerade im Verbrennungsmotorenbau „schon viele Unternehmer nicht nur die Finger, sondern damit auch viel Geld verbrannt“.

Reuß führt als berühmtes Beispiel hierfür den Erfinder des nach ihm benannten Motors an, Rudolf Diesel. Der habe in einem Jahr fast die Hälfte seines gerade gewonnenen Vermögens wieder verloren. „Erste auf dem Prüfstand erfolgreich abgeschlossene Tests“ begründeten noch keine Marktreife oder gar eine „auf dem Prüfstand testierte Marktreife“, wie Reuß den „Kölner Stadt-Anzeiger“ zitiert.

Selbst Diesel musste sich den Vorwurf gefallen lassen, er verwechsele einen lauffähigen mit einem brauchbaren Motor und diesen mit einem marktfähigen.  Für „lauffähig“ und „brauchbar“ seien allein technische Gesichtspunkte maßgeblich. Zu  „marktfähig“ oder „marktreif“ gehörten neben den technischen Parametern wesentliche wirtschaftliche Parameter. Diese könnten, so Reuß, möglicherweise  sogar entscheidend für die Marktreife sein.

Vor vier Jahren begann Reuß zufolge Deutz eine Zusammenarbeit mit dem in Unterschleißheim bei München ansässigen Entwicklungs-Unternehmen Keyou GmbH. Die Unternehmen wollten zunächst einen in Köln serienmäßig hergestellten Dieselmotor für den Betrieb als Ottomotor mit Wasserstoff modifizieren. Aufgrund der bei Keyou vorhandenen Erfahrungen im Umgang mit Wasserstoff für die Verbrennung in Motoren habe nach zwei Jahren bereits ein Prototyp zur Verfügung gestanden.

Magergemisch-Verbrennungsverfahren und eine Abgasrückführung

Als Basismotor wurde Reuß zufolge ein wassergekühlter Sechs-Zylinder-Reihenmotor gewählt mit folgenden Daten:

  • Bohrung/Hub 110/136 mm
  • Hubraum 7,8 Liter
  • Leistung 260 kW
  • Drehzahl 2200 min-1
  • Emission: weniger als 1g/kWh Kohlendioxid gemäß EU-Definition für Null-Emission.

Die wesentlichen motorischen Maßnahmen dafür sind ein Magergemisch-Verbrennungsverfahren und eine Abgasrückführung zur Reduzierung der unvermeidlichen Stickoxidbildung. Die Pressemitteilung von Deutz jetzt lässt die Zusammenarbeit mit Keyou unerwähnt. Auf Nachfrage von Reuß teilte ihm Deutz mit, die Zusammenarbeit mit Keyou habe nicht zum gewünschten Ergebnis geführt. Deshalb habe man mit einer eigenständigen Entwicklung begonnen.

Abgreifen nötigen Know-hows bei Keyou

Egal, ob Deutz nach Abgreifen nötigen Know-hows bei Keyou diesen jetzt aus der Zusammenarbeit entlassen hat oder nicht – Keyou kann es ziemlich egal sein. Unter Leitung seines CEO Thomas Korn war das Unternehmen bereits 2006 an der Entwicklung des ersten BMW Hydrogen 7 beteiligt. Das Münchener Unternehmen hat im Juni 2021 die EU in sein Boot ziehen können.

Deren European Innovation Council (EIC) hat sich für 5,8 Millionen Euro Investitionen und 1,55 Millionen Euro Forschung und Entwicklung an dem Unternehmen beteiligt. Martin Bruncko, Mitglied des EIC Fund Investment Committee sieht in der Technologie von Keyou eine Schlüsseltechnologie.

„Die Investition des EIC-Fund in Keyou zeigt das Engagement des Fonds und der EU bei der Förderung von bahnbrechenden und disruptiven, innovativen Spitzentechnologien im Bereich der Dekarbonisierung.“
Keyou sei ein vielversprechendes Start-up, das konventionelle Motoren zu emissionsfreien, wasserstoffbetriebenen Motoren weiterentwickelt.
Bruncko: „Dies ist eine Schlüsseltechnologie, um einen massenhaften Übergang von schweren LKW und dem Güterfernverkehr auf der Straße in eine saubere und nachhaltige Zukunft zu ermöglichen.“

Autor: Friedrich Oehlerking (Freier Journalist und Experte für Einkauf, Logistik und Transport)