20.12.2018

Deutscher Automotive-Zulieferer ACI baut in Bolivien Lithium ab

Akkus für Handys, Solarspeicher, E-Auto-Batterien – die neue elektrische Welt kommt ohne Lithium für längere Zeit nicht aus. Eine der größten Lagerstätten des „weißen Goldes“ befindet sich in Bolivien. Die schwäbische Firma ACI Systems Alemania soll helfen, sie auszubeuten.

In Bolivien gibt es eine der größten Lagerstätten von Lithium. Eine deutsche Firma wird am Abbau beteiligt sein.

Lithium aus Salar de Uyuni

Der Salar de Uyuni ist ein Salzsee in den Anden im Südwesten Boliviens und die derzeit größte bekannte Lagerstätte für Lithium. Der bolivianische Staat will das Rohstoffvorkommen industriell nutzen. Dazu baut er eine komplette Wertschöpfungskette auf.

Als strategischen Partner dafür hat das Staatsunternehmen Yacimientos de Litio Bolivianos (YLB) die deutsche ACI Systems Alemania aus Zimmern ob Rottweil (ACISA) ausgewählt.

Umsetzung der Elektroauto-Offensive

Lithium gilt derzeit als aussichtsreichste Alternative zur Umsetzung der Elektroauto-Offensive. Es ist elementarer Bestandteil von Lithium-Ionen-Batterien. Benötigt wird der Rohstoff darüber hinaus für die Akkus von Mobiltelefonen und Laptops sowie für Speichersysteme von Solarenergie.

Laut einer Pressemitteilung von ACISA ist das Vorkommen am Salar de Uyuni bisher weitgehend ungenutzt. Dies soll sich nun ändern. Dafür hat Bolivien das Staatsunternehmen YLB gegründet. Es ist für Gewinnung, Nutzung und Vermarktung des Rohstoffs zuständig.

Partner für die Industrialisierung

Die Industrialisierung soll ACISA zufolge in diesen Schritten erfolgen:

  • Gewinnung und Herstellung von Rohstoffen aus Restsole
  • Aufbau von Fertigungskapazitäten
  • Produktion von Kathodenmaterial und Batteriesystemen in Bolivien
  • Vermarktung

Für die Realisierung dieser Phase hatte das bolivianische Staatsunternehmen YLB acht internationale Konsortien eingeladen, entsprechende Vorschläge einzureichen. Dazu zählte ACISA. Die eingereichten Konzepte wurden von YLB intensiv geprüft, evaluiert und entsprechend den von YLB vorgegebenen Kriterien bewertet.

Nach zahlreichen Iterations- und Diskussionsphasen hat das Staatsunternehmen schließlich ACISA als strategischen Partner für die Industrialisierung ausgewählt. ACISA ist Mitglied der ACI Group. Die Unternehmensgruppe hat sich auf diese Bereiche spezialisiert:

  • Entwicklung und Herstellung von nachhaltigen Produktionslösungen für die Photovoltaik
  • Fertigung von Batteriesystemen
  • Gewinnung und Nutzung der dafür notwendigen Rohstoffe und Materialien

Strategische Bedeutung für Deutschland und Europa

Durch diese neue bolivianisch-deutsche Partnerschaft erhält Deutschland nun Zugriff auf den begehrten Rohstoff. Der Entscheidung misst man bei ACISA strategische Bedeutung auch für Deutschland und Europa bei.

Gesamtheitliches Konzept entschied Ausschreibung für ACISA

Zum Team von ACISA gehört die K-Utec AG Salt Technologies aus dem thüringischen Sondershausen. K-Utec ging aus dem Kali- und Steinsalzbergbau der DDR hervor und plant weltweit Projekte für die salzverarbeitende Industrie.

Konzept und Projektinhalte von ACISA konnten die bolivianischen Auftraggeber durch einen ganzheitlichen Ansatz überzeugen. So werden neben Lithiumhydroxid auch Kaliumsulfat, Magnesiumhydroxid und Natriumsulfat aus der Restsole gewonnen, verarbeitet und vermarket. Dafür habe man potenzielle Partner und Abnehmer bestimmt.

Weiterer wesentlicher Punkt sei der Know-how-Transfer durch Ausbildung und Qualifizierung bolivianischer Mitarbeiter. Den Rohstoff werde man umweltverträglich gewinnen, regenerative Energien nutzen und eine dezentrale Stromversorgung aufbauen. Erstmals ermögliche das Projekt eine „grüne“ Batterie- und Kathodenproduktion, so ACISA.

Öffentlich-privates Joint Venture YLB/ACISA in Vorbereitung

Im nächsten Schritt soll bis Mitte 2019 die Gründung eines öffentlich-privaten Joint Ventures von YLB und ACI Systems Alemania in Bolivien erfolgen. An ihm werde das bolivianische Staatsunternehmen mit 51 Prozent die Mehrheit halten. Zu den Aufgaben dieses Joint Ventures gehören: Festlegung der Tätigkeitsbereiche und Ausarbeitung von Business- und Umweltplänen für die anschließend zu gründenden Projektgesellschaften. Desgleichen fällt die genaue Konzeption der technischen und wirtschaftlichen Umsetzung des Projekts in den Tätigkeitsbereich der Gesellschaft.

ACI Systems Alemania als Projektführer muss unter anderem die endgültige Auswahl der Technologie- und Realisierungspartner bis hin zum Bau der erforderlichen Produktionslinien treffen.

50.000 Tonnen Lithiumhydroxid für 70 Jahre

Wie dpa meldet, reiste der politische Direktor des Lithium-Programms, Juan Carlos Montenegro, im Dezember 2018 zur Vertragsunterzeichnung nach Berlin. Anwesend waren u.a. Außen-, Energie- und Wirtschaftsministern. Zunächst will man nur 0,4 Prozent oder etwa 40 Quadratkilometer des Salzsees industriell ausbeuten.

Ab 2021 wollen die Unternehmen laut dpa 70 Jahre lang jährlich bis zu 50.000 Tonnen Lithiumhydroxid fördern. Durch das Joint Venture sichere sich Deutschland erstmals nach Jahrzehnten wieder den direkten Zugriff auf wichtige, nicht-heimische Rohstoffe. So zitiert die dpa-Meldung ACISA-Chef Wolfgang Schmutz. Dies sei mit Blick auf die Diesel-Krise insbesondere für die deutsche Automobilindustrie von Bedeutung.

Angesichts der Pläne etwa von VW, Audi und in China bewertet Heiner Marx, Vorstandschef von K-Utec, die Lithiummenge als

„sicher nicht zu klein“.

Rohstoff-Verbraucher China bereits in Wartestellung

Im Wettbewerb um die Lagerstätte im Salar de Uyuni ist Deutschland allerdings nicht allein. Wer den Aufbau der Produktionsstätten im Salzsee besucht, fühle sich hier, auf 3600 Metern Höhe, mitten in China. So beschreibt der dpa-Bericht die Situation.

In der Containersiedlung arbeiteten fast nur Chinesen. Ein chinesisches Unternehmen habe sich schon den Zugriff auf eine riesige Kaliumchlorid-Anlage für Düngemittel mit 350.000 Tonnen Produktionsvolumen pro Jahr gesichert. Chinesische Firmen buhlen zudem auch um einen Zugriff auf die Lithium-Vorkommen.

Was am Ende Bolivien davon hat, muss man abwarten. Morales will sich dafür einsetzen,

dass in jedem Fall „ein satter Teil der Umsätze in Bolivien“ bleibt.
Autor: Friedrich Oehlerking (Freier Journalist und Experte für Einkauf, Logistik und Transport )