14.10.2021

Deutsche Expertise für russische Anti-CO2-Strategie

Weltweit will es die Wirtschaft bei Wasserstoff jetzt wissen. Zwei Beispiele: In Deutschland treibt die Schaeffler-Gruppe die industrielle Herstellung von Wasserstoff voran. Russland will seine östlichste Region Sachalin zum Wasserstoff-Land ausbauen – mit deutscher Expertise.

russische Anti-CO2-Strategie

Kohlenstoffarme Wirtschaft in Sakhalin

Sakhalin, die östlichste Region der Russischen Föderation, will bis 2025 den Ausstoß von CO2 auf null reduzieren. Hierfür hat sich die Region deutsche Unterstützung gesichert. Die Regierung der Sakhalinskaya Oblast hat mit dem Verein „ThinkTank-H2“, Stuttgart, einen Vor-Vertrag (Memorandum of Understanding – MoU) zur Gründung einer ÖPP (Öffentlich-Private Partnerschaft, public private partnership – PPP) abgeschlossen.

Die Vereinbarung wird die Entwicklung einer kohlenstoffarmen Wirtschaft in der Oblast Sakhalin fördern. „ThinkTank-H2“ wird vor allem seine internationalen Kontakte zu Wissenschaft, Politik, Verwaltungen und Investoren nutzbringend einsetzen, um die Oblast Sakhalin bei der Umwandlung von einer fossil-gestützten zu einer CO2-neutralen Wirtschaft bis 2025 auf Grundlage einer umfassenden Nutzung von Wasserstoff (H2) zu unterstützen.

Vereinbarung des „ThinkTank-H2“ mit Sachalin

Ziel des MoU des „ThinkTank-H2“ mit der Sakhalinskaya Oblast ist der Aufbau eines Kompetenzzentrums in Sachalin für die Wasserstoff-Nutzung in den relevanten Bereichen der Wirtschaft Sakhalins:

  • Energie,
  • Transport,
  • Infrastruktur.

Das Kompetenzzentrum soll voraussichtlich ab 2022 allen staatlichen und privaten Organisationen in Sakhalin bei der Evaluierung ihrer Projektideen und -Vorschläge mit Beratung und fachlicher Expertise bei der Auswahl von Wasserstoffprojekten zur Seite stehen.

Russlands Weg in die Wasserstoff-Zukunft

Russland verfolgt die Absicht, bei der Energiewende eine führende Position einzunehmen. Neben Öl, Gas und Atomstrom will es künftig vermehrt Wasserstoff auf dem Weltmarkt absetzen. Die Insel Sachalin liegt im Pazifik nördlich von Japan ungefähr auf derselben Breite wie Deutschland zwischen dem Ochotskischen Meer im Osten und dem Japanischen Meer im Westen. Vor der Insel Sachalin liegen die größten bekannten Erdöl- und Erdgasvorkommen Russlands. Im Küstengebiet östlich der Insel werden mindestens 700 Millionen t Erdöl und 2500 Milliarden m³ Erdgas auf einer Fläche von 20.000 km² vermutet, ähnlich große Reserven wie in der Nordsee.

Limarenko: Sachalin wird Modellregion für Wasserstoff in Russland

Valery Limarenko, Ministerpräsident der Sakhalinskaya Oblast: „Die Sakhalinskaya Oblast hat sich das ehrgeizige Ziel gesetzt, zur Modellregion für die Entwicklung kohlenstoffarmer Energie der Russischen Föderation zu werden. Wir freuen uns sehr, dass unsere Kollegen vom ThinkTank-H2 aus Deutschland uns in dieser Richtung unterstützen möchten.“
Maria Ganchenkova, Rektorin der Staatlichen Universität Sakhalin: „Die Entwicklung der internationalen Beziehungen im Rahmen der Bildungssysteme hat für uns höchste Priorität. Unsere Forschungsprogramme widmen sich mittlerweile wesentlich der Erforschung der technischen und wirtschaftlichen Nutzung nicht nur von Öl und Gas, sondern zunehmend auch dem Wasserstoff. Wir sehen darin den entscheidenden Energieträger, ohne den eine Energiewende zu einer karbonneutralen Zukunft schlicht nicht denkbar ist. Wir freuen uns sehr, dass wir den ThinkTank-H2 gewinnen konnten, uns mit seiner Expertise und Erfahrung in diesem Bereich zu unterstützen.“

Bungeroth: Riesige Entwicklungsmöglichkeiten für Wasserstoff im Fernen Osten

Lutz Bungeroth, Vize-Präsident des ThinkTank H2, der als Projektleiter den „ThinkTank-H2“ im Beirat des Kompetenzzentrums vertritt: „Wir sehen hier im Fernen Osten Russlands riesige Entwicklungsmöglichkeiten für den Energieträger der Zukunft, Wasserstoff, über die Region hinaus für ganz Russland und weltweit.“ Raimund Nickel, CEO der WP Mobility & Industrial Solutions GmbH, Stuttgart: „Wir freuen uns, dass unsere bisherige langjährige Zusammenarbeit als WP MIS GmbH uns jetzt zu dieser zukunftsträchtigen Kooperation mit der Sakhalinskaya Oblast und der Universität von Sakhalin geführt hat.“

Schaeffler Schweinfurt treibt Wasserstoff-Entwicklung voran

Unterdessen entwickelt die in Schweinfurt ansässige Schaeffler-Gruppe mit Förderung des Bundes neue Technologien für die industrielle Wasserstoffherstellung im Projekt „H2Giga“. Schaeffler sieht enormes Potenzial in grünem Wasserstoff. Es spielt in der Roadmap 2025 des Unternehmens eine herausragende Rolle. Als Automobil- und Industriezulieferer profitiert Schaeffler von der spartenübergreifenden Zusammenarbeit und der Nutzung von Synergien bei der Entwicklung und Produktion von Technologien für die Wasserstoffindustrie.

Grüner Wasserstoff für Brennstoffzellen und Elektrolyse

Schaeffler sieht in ihren Lösungen zur Herstellung von grünem Wasserstoff Einsatzmöglichkeiten sowohl in der Nutzung von Wasserstoff durch Brennstoffzellen als auch in der Produktion von Wasserstoff mittels Elektrolyse.

„Ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg zur Energiekette mit grünem Wasserstoff ist dessen Produktion in industriellem Maßstab. Schaeffler positioniert sich dabei strategisch an gleich mehreren Stellen mit Produkten, etwa für Elektrolyse- Stacks, und verfügt über die entsprechenden Technologien“, betont Dr. Stefan Spindler, Vorstand Industrial bei Schaeffler und Mitglied im Nationalen Wasserstoffrat in Deutschland.

Strategisches Geschäftsfeld Wasserstoff

Innerhalb der Sparte Industrial von Schaeffler sind die Entwicklungen rund um Wasserstoff als strategisches Geschäftsfeld angesiedelt.

„Mit unseren Komponenten und Dienstleistungen sorgen wir schon seit vielen Jahren dafür, dass erneuerbare Energie, gerade im Bereich Windkraft, zuverlässig und wirtschaftlich erzeugt wird“, sagt Bernd Hetterscheidt, Leiter Strategisches Geschäftsfeld Wasserstoff bei Schaeffler.
Man sei damit bereits nah an den Systemen, die einen wesentlichen Teil des grünen Stroms erzeugen, der durch Elektrolyse in Wasserstoff umgewandelt wird. Hetterscheidt: „Der hier bestehende Kontakt zu unseren Kunden und das vorhandene Know-how in schnell skalierbaren Produktionssystemen und Elektrochemie sind entscheidende Faktoren, um im Markt erfolgreich zu sein.“

Wasserstoff-Leitprojekt „H2Giga“

Für die Industrialisierung der Wasserelektrolyse beteiligen sich den Angaben zufolge über 130 Institute und Unternehmen an dem Wasserstoff-Leitprojekt „H2Giga“. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) fördert es mit rund 500 Millionen Euro. Schaeffler beteiligt sich als Konsortialführer am Verbundprojekt „Stack Scale up – Industrialisierung PEM Elektrolyse“. An diesem Projekt sind neun Partner aus Industrie und Forschung beteiligt. Zweck: Entwicklung neuer Stack-Technologien und großserientauglicher Produktionsverfahren für Kernkomponenten der Niedertemperatur-Elektrolyse. Hierfür bringt Schaeffler vor allem seine Kernkompetenzen ein in:

  • Material-,
  • Umformungs- und
  • Oberflächentechnologie
  • Innovationsbereich Elektrochemie.

Beobachter gehen davon aus, dass das Know-how von Schaeffler in der Industrialisierung zu einer schnellen Überführung von Innovationen in die Serienproduktion beitragen.

Autor: Friedrich Oehlerking (Freier Journalist und Experte für Einkauf, Logistik und Transport)