17.09.2020

COVID-19: Deutschland beschafft Impfstoff nicht selbst

Zur Chefsache hat die EU den COVID-19-Impfstoff erklärt. Eigentlich wollte Deutschland auf Nummer Sicher gehen und sich mit ausreichenden Reserven davon eindecken. Doch die EU will bessere Preise herausholen. Derzeit verhandelt die EU-Kommission über 400 Millionen Impfdosen.

COVID-19 Impfstoff

EU übernimmt Vertrag mit Pharmakonzern AstraZeneca

Die EU-Mitgliedstaaten verhandeln nicht mehr selbst mit potenziellen Impfstofflieferanten. Stattdessen schließt die Europäische Kommission im Namen aller 27 Partnerländer Abkommen über den Einkauf von mehreren Millionen Impfdosen mit verschiedenen Herstellern. In diesem gesamteuropäischen Konzept geht die Impfallianz von Deutschland, Frankreich, Italien und Niederlande auf.

Das berichtet das „Ärzteblatt“ und beruft sich dabei auf ein internes Papier der Kommission. Demnach haben die vier beteiligten Länder die EU beauftragt, ihren bereits mit dem britisch-schwedischen Pharmakonzern AstraZeneca geschlossenen Vertrag über 300 Millionen Impfdosen zu übernehmen und diesen für alle 27 Mitgliedstaaten weiter zu verhandeln. Mittlerweile hat die EU diese Vereinbarung um eine Option auf weitere 100 Millionen Impfdosen erweitert.

Absicherung gegen ein Scheitern der Verhandlungen

Gemeinsam sei man besser gegen ein Scheitern abgesichert. Überdiese könne man durch Streuung von Risiken sowie Bündelung von Investitionen Vorteile erzielen, zitiert das „Ärzteblatt“ aus einer Mitteilung der Kommission an den europäischen Rat, das europäische Parlament und die europäische Investitionsbank. Und weiter aus einer Anfrage des Blattes an das Bundesgesundheitsministerium (BMG):

„Die Vertragsverhandlungen mit den Impfstoffherstellern sind von der EU-Kommission übernommen worden und dauern noch an.“

Stellungnahme der Stiko

Impfstrategien zu

  • Schutzimpfungen der gesamten Bevölkerung oder
  • bestimmter Risikogruppen,
  • Zeitpunkt und
  • Intervallen

sollen in nationaler Verantwortung bleiben. Die vom BMG mit der Priorisierung zu impfender Gruppen beauftragte Ständige Impfkommission (Stiko) am Robert Koch-Institut (RKI) rechnet damit, dass Anfang 2021 ein oder mehrere Impfstoffe zum Schutz vor COVID-19 in der EU zugelassen werden könnten.

Möglicherweise könnte aber nicht von Anfang an genügend Impfstoff für die gesamte Bevölkerung zur Verfügung stehen. Um dennoch den größten Nutzen der Impfung zu erreichen, erarbeite man derzeit ein sogenanntes mathematisches Transmissionsmodell. Solche Modelle können, so der Bericht im „Ärzteblatt“, den weiteren Verlauf einer Pandemie unter bestimmten Rahmenbedingungen simulieren, in diesem Fall die Zulassung und Verteilung eines Impfstoffs. Dazu seien laut Stiko weitere Daten nötig unter anderem zu:

  • alters- und berufsspezifischen Infektionsrisiken,
  • Risiko für schwere Erkrankungen, dem je nach Alter und Risikogruppe erreichbaren Impfschutz
  • Qualität des Impfschutzes.

Angesichts der begrenzten Datenlage zu den Impfstoffen müsse man erste Empfehlungen zu einer Priorisierung auch auf Grundlage von Annahmen treffen. Die Empfehlungen aktualisiere man deswegen laufend unter Berücksichtigung neuer wissenschaftlicher Erkenntnisse.

Nationalstaaten müssen zahlen

Die EU dürfte in ihrer Strategie berücksichtigen, dass zunächst nur eine begrenzte Menge an Impfstoff verfügbar sein könnte. Eine Priorisierung, etwa danach, wie schwer ein Land von COVID-19 betroffen ist, werde in dem Papier nicht erwähnt. Die Aufteilung der Impfstoffdosen zwischen den Mitgliedstaaten würde laut Mitteilung der Kommission nach einem Verteilungsschlüssel anhand der Bevölkerungszahl erfolgen.

Welche Mengen an Impfstoff sich die EU im Rahmen der Verhandlungen insgesamt sichern will, ist vorerst unklar.

„Wir besprechen den jeweiligen Bedarf mit den Mitgliedstaaten und identifizieren auf dieser Basis ein Beschaffungsziel“, erklärte ein Kommissionssprecher auf Anfrage des „Ärzteblattes“.
Bezahlen müssen die Nationalstaaten die ihnen durch die Abkommen zustehenden Impfstoffmengen selbst. Die geschlossenen Vereinbarungen seien keine Kaufverträge, sondern lediglich Garantien auf das Recht, innerhalb eines bestimmten Zeitraums und zu einem bestimmten Preis eine bestimmte Anzahl von Impfstoffdosen kaufen zu können.

Autor: Friedrich Oehlerking (Freier Journalist und Experte für Einkauf, Logistik und Transport)