14.05.2020

Corona-Pandemie: Krise im Einkauf spitzt sich zu

Dem Einkauf könnten schon bald die Lieferanten ausgehen. Das befürchten Unternehmen, die der BME in kurzer Zeit zum dritten Mal über die Folgen der Corona-Epidemie für sie befragt hat. Je länger sie dauere, desto näher rücke ein solches Szenario. Oft fehlt es an Notfallplänen.

Corona Einkauf

BME-Umfrage zu Shutdown-Strategien

Die weltweite Coronavirus-Krise setzt Einkauf, Logistik und Supply Chain Management zunehmend unter Druck. Das zeigt eine Umfrage, die der Bundesverband Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik e.V. (BME) soeben bereits zum dritten Mal innerhalb weniger Wochen unter seinen Mitgliedsunternehmen durchgeführt hat.

„Zur Aufrechterhaltung der industriellen Produktion wenden viele Unternehmen unterschiedliche Shutdown-Strategien und -maßnahmen an“, so Olaf Holzgrefe, Leiter International des BME, in einer Mitteilung an die Presse.
Das mache insbesondere die Arbeit des Einkaufs nicht leichter. Denn es falle ihm „zusehends schwer, Wertschöpfungs- und Lieferketten aufeinander abzustimmen“, so Holzgrefe weiter.

Bisher seien den vom BME befragten Einkaufsmanagern zwar noch keine Insolvenzen auf Lieferantenseite bekannt; allerdings glauben viele von ihnen, dass sich diese Situation schon bald ändern könnte. Je länger die Corona-Krise anhalte, desto wahrscheinlicher werde dieses Szenario:

  • nur noch zwei Prozent der befragten Unternehmen sind im Einkauf von der Krise nicht betroffen,
  • 45 Prozent spüren leichte negative Auswirkungen,
  • über 50 Prozent der Unternehmen starke bis kritische Beeinträchtigungen ihrer Geschäftsaktivitäten.

Wachsende Unsicherheit in Chefetagen

Eine Folge der Covid-19-Pandemie sei eine wachsende Unsicherheit in den Chefetagen der Unternehmen.

„Die meisten Betriebe berichten weiter von kurzfristigen Planungshorizonten von maximal vier bis sechs Wochen. Die Fahrt auf Sicht durch die Krise hält also an“, sagt Holzgrefe.
Seit Anfang April begleitet der Einkäuferverband seine Mitglieder durch die Corona-Krise. Die ersten beiden Umfragen hätten gezeigt, dass die von Einkäufern, Logistikern und Supply Chain Managern getroffenen Maßnahmen mittlerweile Wirkung zeigen.
„Daran wird sichtbar, dass die strategische Ausrichtung des Einkaufs vor allem in Krisenzeiten enorm wichtig ist“, meint Judith Richard, Referentin der BME-Fachgruppe Lieferantenmanagement.
Doch je länger die Krise dauere, desto größer würden die Herausforderungen und der damit verbundene Druck auf die Unternehmen.

Liquidität der Betriebe leidet

Wie die BME-Umfrage weiter ergab, leidet gegenwärtig besonders die Liquidität der Betriebe – vor allem aber der Lieferanten. Um Abhilfe zu schaffen, griffen die Unternehmen zu unterschiedlichen Maßnahmen. Einige versuchten beispielsweise, ihre indirekten Kosten zu senken. Andere wählten Second-Source-Optionen oder aktivierten Backup-Lieferanten. Hier zeigen sich jedoch Unterschiede: Während ein Teil der vom BME befragten Firmen Bestandsabbau von Lagermaterialien betreibt, berichten andere, dass sie ihre Lagerbestände wieder aufstocken.

Zudem steige die Tendenz zur Rückstellung von Lieferungen, je länger die Corona-Krise dauert. 18 Prozent der Befragten gaben an, dass aufgrund verschobener Kundenaufträge bestellte Materialien nicht mehr abgerufen wurden. Früher lag die Stornierungsrate bei nur sieben Prozent.

Der BME empfiehlt Einkäufern in dieser Situation, sich mit ihren Lieferanten regelmäßig auszutauschen – auch wenn dies in der Corona-Krise durch die dezentralen Arbeitsmethoden nicht einfach sei. Nur 22 Prozent der befragten Unternehmen hätten ein Pandemie-Szenario in ihren Risikomanagement-Aktivitäten berücksichtigt. Lediglich die Hälfte davon habe Notfallpläne mit entsprechenden Maßnahmen entwickelt, erläutert Carsten Knauer, Leiter Sektion Logistik beim BME. 89 Prozent der Unternehmen seien mithin nicht auf eine derartige Krise vorbereitet. Deshalb sei es notwendiger denn je, den Fokus auf das Supply Chain Risk Management zu richten.

Digitales Risikomanagement immer wichtiger

„In Zukunft wird ein digitales Risikomanagement immer wichtiger werden, um einen transparenten Überblick über die gesamte Lieferkette erhalten zu können. Das haben ihre Gespräche mit Einkäufern, Logistikern und Supply Chain Managern bestätigt“, ergänzt Richard.
Auf einer Online-Fachgruppensitzung haben der BME und die teilnehmenden Einkäufer beschlossen, eine vierte Umfrage zu den Auswirkungen der Corona-Krise auf ihre Geschäftsaktivitäten zu starten. Die Ergebnisse will man auf einer digitalen Fachkonferenz Anfang Juni präsentieren. Einkäufer, die an der vierten Umfrage des BME teilnehmen möchten, können sich unter der E-Mail-Adresse bme-international@bme.de dafür anmelden.

Autor: Friedrich Oehlerking (Freier Journalist und Experte für Einkauf, Logistik und Transport)