08.12.2020

Corona-Impfstoffe: Probleme in der Lieferkette und andere Gefahren

Nur noch wenige Wochen. Dann seien erste Impfstoffe gegen das Corona-Virus bereit. Die Bevölkerung fragt: Wer ist zuerst dran? Wie weiß ich, dass ich geimpft werde? Doch Probleme gibt’s vorher in der Supply-Chain. Gefahr droht just-in-time. Interpol warnt vor kriminellen Eingriffen.

Corona-Impfstoffe

Interpol: mögliche kriminelle Aktivitäten

Die internationale Polizeiorganisation Interpol schlägt Alarm. Sie warnt ihre 194 Partnerorganisationen weltweit vor „möglichen kriminellen Aktivitäten“ wie „Fälschung, Diebstahl und illegaler Werbung für Covid-19- und Grippeimpfstoffe“. Die Polizeibehörden stellten ein beispielloses kriminelles Verhalten fest. Mit Herannahen von Impfstoffen gegen das Virus sei die Sicherheit entlang der Lieferkette sicherzustellen. Jede Website mit falschen Produktangeboten müsse unbedingt gemeldet werden. Die Überwachungsbehörden müssten sich mit den Gesundheitsämtern zusammenschließen, um die Sicherheit der Menschen und die Gesundheit in den Gemeinden gewährleisten zu können.

Infiltrieren der Supply Chain

Jürgen Stock, Generalsekretär der Organisation warnt: „Während die Regierungen die Massenimpfungen vorbereiten, haben kriminelle Organisationen bereits Pläne in der Schublade, um die Supply Chains zu infiltrieren und zu stören.“
Kriminelle Netzwerke würden sich über getürkte Websites und falsche Heilmittel nichts ahnende Menschen zur Zielgruppe nehmen, um ihre Gesundheit anzugreifen oder sogar ihr Leben. Stock ruft die Strafverfolgungsbehörden weltweit auf alles zu tun, um sich so gut wie möglich auf kriminelle Angriffe jedweder Art in Verbindung mit der Pandemie vorzubereiten.

Er warnt insbesondere auch jeden Einzelnen, leichtfertig bei der Online-Suche nach Bezugsmöglichkeiten vorzugehen. Seine Organisation habe festgestellt, dass von rund 3.000 Websites, die unter dem Verdacht stehen, mit Apotheken mit dem Angebot illegaler pharmazeutischer Produkte zusammenzuarbeiten, etwa 1.700 Cyber-Bedrohungen wie Phishing und Spam-Malware enthalten.

Lagerung von Impfstoffen

Unterdessen warnen Fachleute vor anderen Gefahren, die auch in der normalen Lieferkette auftreten können. So führt laut „Allgemeinarzt-online“ falsche Lagerung schnell zum Verlust der Wirksamkeit des Impfstoffes. Manches Impfversagen könne eventuell auf falsche Handhabung des Impfstoffs zurückzuführen sein.

Impfstoffe sollten daher immer schnellstmöglich in den Kühlschrank eingelagert und dort bei einer Temperatur zwischen 2° und 8° Celsius aufbewahrt werden. Die Empfindlichkeit der Impfstoffe sei unterschiedlich, bewege sich allerdings fast immer in diesem Rahmen. Impfstoffe seien daher unbedingt zu schützen vor:

  • Sonneneinstrahlung
  • Erwärmung
  • Frost.

Wo wird der Impfstoff gelagert?

Transport und Lagerung des Impfstoffes könnten auch nach Feststellungen eines Berichtes des Senders „RTL“ eine Herausforderung darstellen. Er solle grundsätzlich bei einer Temperatur von rund minus 70 Grad aufbewahrt werden. US-Impfstoff-Hersteller Pfizer habe allerdings in einer Mitteilung darauf hingewiesen, man habe neue Daten, die nahelegten, dass der Impfstoff auch bei normaler Kühlschrank-Temperatur zwischen zwei und acht Grad bis zu fünf Tage stabil bleibe.

Zurzeit gib es fast 170 Impfstoffentwicklungen, 30 von ihnen werden bereits klinisch erprobt, sagt die Weltgesundheitsorganisation WHO. Nicht alle dieser möglichen Impfstoffe erforderten eine Einlagerungstemperatur von -80 Grad; die robusteren könnten ihre Wirksamkeit auch bei höheren Temperaturen behalten. Laut einem Bericht der Deutschen Welle (DW) investieren Regierungen, internationale Organisationen, Pharmaunternehmen und Speditionsfirmen Milliarden Dollar, um schnellstmöglich mit Kühlhäusern und Distributionsketten die Logistik für die Massenproduktion der Impfstoffe sicherzustellen.

UPS baut riesige Lagerkapazitäten auf

US-Logistikunternehmen UPS baut als Teil der globalen Anstrengungen in USA zwei Großkühlanlagen, um darin mehrere Millionen Impfeinheiten zur Bekämpfung des Coronavirus zu lagern und um die gesamte Welt beliefern zu können. In den Kühlhäusern, die in der Nähe der Luftverkehrsdrehkreuze von UPS in USA und Deutschland errichtet werden, sollen 600 Kühleinheiten stehen, in denen jeweils 48.000 Impfdosen gelagert werden können.

Sobald die Impfstoffe einsatzfertig wären, würden die Impfstoffe die Labore in speziellen, sehr gut isolierten Kisten, die mit Trockeneis oder gefrorenem Kohlendioxid gekühlt werden, verlassen. Diese Kisten würden in eines der Kühlhäuser gebracht, wo sie vorsichtig geöffnet und ihr Inhalt in den Kühlschränken eingelagert würden. Sie könnten, so Anouk Hesen, Chefin von UPS Healthcare in den Niederlanden zur DW, in diesen Kühlhäusern nicht ohne Schutzkleidung (Personal Protective Equipment, PPE) arbeiten. Daher rüste man seine Mitarbeiter entsprechend aus, zum Beispiel mit:

  • Spezialhandschuhen und
  • Schutzbrillen.

„Damit sie mit den Produkten arbeiten können“, so Hesen, „Räume mit solchen Temperaturen könnten sie sonst nicht betreten.“ Auf Kundenwunsch würden die Impfdosen wieder in die Trockeneiskisten verpackt. Diese könnten ihren Inhalt 96 Stunden auf Idealtemperatur halten. Je nach Anforderung würde die Wiederverpackung in Räumen mit Temperaturen von minus 20 Grad oder bei Kühlschranktemperaturen zwischen minus 2 und minus 8 Grad Celsius erfolgen, so Hesen laut DW.

Die Impfstoffe würden dann per Luftfracht weiterbefördert, um einen stabilen Zustand zu gewährleistet. UPS gibt an, für eine Über-Nacht-Zustellung zu fast jedem Ort auf der Welt sorgen zu können. Dies sei dank der Nähe der Kühlhäuser in Louisville (US-Bundesstaat Kentucky) und in der Venlo-Roermond-Region (im Osten der Niederlande, an der Grenze zu Deutschland) und ihrer jeweiligen Flughäfen möglich. Daneben werde man an anderen Orten Kühllager errichten, darunter in Frankfurt am Main und im Vereinigten Königreich.

Empfindlichkeit und Stabilität der Impfstoffe

Während die Entwicklung von Covid-19-Impfstoffen auf Hochtouren läuft, gibt es keine Erfahrungswerte zu deren Empfindlichkeit oder Stabilität. UPS will mit Impfstoffforschern und US-Behörden herausfinden, wie eine Versorgungskette aussehen könnte. Eine ihrer Einheiten liefert Anti-Covid-19-Seren für klinische Untersuchungen unter strengen Auflagen. Die Firma aus Atlanta im US-Bundesstaat Georgia war bereits daran beteiligt, größere Mengen von Schutzkleidung für Krankenhauspersonal, Corona-Tests und Ausrüstungen für Intensivstationen zu liefern.

Umgang mit den Impfstoffen in der Praxis

Mit der Ablieferung des Impfstoffes just-in-time beim Anwender – in erster Linie Praxen und Krankenhäuser – ist aber nur der erste Teil der Logistik für seine Zurverfügungstellung, die äußere Logistik erledigt. Das ist aber nur die Spitze des Eisberges, den die Hersteller für sich mehr oder weniger galant lösen können.

Die weit schwierigere Aufgabe lauert unter der Oberfläche mit der Ablieferung des Stoffes an der Tür zur Praxis oder zum Krankenhaus und der inneren Logistik dort. Hier ergeben sich wichtige weiterführende Fragen zum Umgang mit den Impfstoffen. Die Probleme hier werden zusätzlich ausgeprägt durch den Personalmangel, der schon die Bewältigung der alltäglichen Aufgaben einer Praxis oder eines Krankenhauses ohne die mit der Anti-Corona-Impfung zu einem alltäglichen Kraftakt macht. Mit der Impfung in Zusammenhang stehende Probleme des Umgangs können sein z.B.:

  • Abmessung pro Verabreichung des Impfstoffpulvers mit Wasser
  • Art des Wassers wie beispielsweise destilliertes Wasser
  • Beachtung des genauen Mischungsverhältnisses
  • genaues Einhalten der Hygiene-Vorschriften
  • Hundertprozentige Sterilhaltung des Impfvorganges
  • Exakte Portionierung des Impfmittels in der Spritze
  • Sorgfältigste Durchmischung und Auflösung der Impflösung
  • Beachtung des Haltbarkeitsdatum der Lösung in vorschriftsmäßig temperiertem Wasser eisig bzw. warm
  • Korrekte Abfüllung des Impfstoffpulvers
  • Ausreichende Vorhaltung von Spritzbesteck (Spritzen, Kanülen, Desinfektionsmittel, Tupfer usw)
  • Korrekte Lagerung des Impfmittelpulvers und des Impfmaterials in der Praxis
  • Material- u. Funktionsprüfung (Sterilität, Haltbarkeit, Produktionsfehler)
  • Vorhaltung entsprechend für die Impfung ausgebildeten Personals in Wechselschicht, die die Mischung täglich herstellen (Übergabe- Schnittstelle)

Weitere Gefahrenquellen, für mögliche, zum Teil während der Tests kaum oder nicht beachtete Komplikationen bei intermuskulären Injektionen am Patienten können u.a. sein:

  • Anstich eines Nervens
  • Anstich eines Gefäßes
  • Auftreffen eines spürbaren Widerstandes (Knochen)
  • Abbrechen der Kanüle
  • Unverträglichkeitsreaktionen wie Hautrötung, Bläschenbildung, Juckreiz, Übelkeit, Atemnot, Kreislaufstörung
  • Hämatom-Bildung
  • Nerventraumatisierung
  • Schmerzen
  • Lähmungserscheinungen
  • Abszessbildung
  • Nekrosen
  • Embolien

Fachleute bescheinigen der Just-in-Time-Lieferstrategie auf Seiten der Hersteller der Impfstoffe einen leichtfertigen Umgang mit deren Einführung nach dem Motto „nach uns die Sintflut“ – „just-in-time“, ein Gefahrenherd bei der Bekämpfung des Virus Covid-19, wobei noch nicht geklärt ist, wer von beiden sich als verhängnisvoller für die Menschen erweisen wird: die unvollständige Logistik oder das Virus.

Autor: Friedrich Oehlerking (Freier Journalist und Experte für Einkauf, Logistik und Transport)