18.11.2020

Corona-Impfstoff: Herausforderung für Lieferkette und Verteilung

Alle im Corona-Fieber: die Hersteller eines Impfstoffes. Die ersten waren die Russen im August. In Kw 46 folgten die Deutschen Arm in Arm mit Amerikanern. Und nun zieht ein weiterer Amerikaner an allen vorbei. Er behauptet, vor allem die Logistik-Fragen am besten gelöst zu haben.

Corona-Impfstoff

Pole-Position im Impfstoff-Rennen

Die Formel 1 hat 2020 wieder zwei Rekordweltmeister: Lewis Hamilton und Michael Schumacher. Auf den Plätzen Sebastian Vettel, Charles Leclerc, Carlos Sainz, Max Verstappen und all die anderen. Hamiltons Vorteil im letzten Rennen: stärkere Nerven. Er verzichtete auf einen letzten Boxen-Stopp.

Die Corona-Pandemie ist noch nicht so weit. Auf der Pole-Position standen im August 2020 noch die Russen mit ihrem Impfstoff „Sputnik V“, könnten jetzt jedoch von dem deutsch-amerikanischen Anbieterverbund BionTech/Pfizer überholt werden – und alle beide ganz neu von dem US-Anbieter Moderna. Wie es aussieht, könnte sich das Rennen weniger an der Wirksamkeit entscheiden als vielmehr an der Logistik.

Ungarn an „Sputnik V“ interessiert

Noch vor Abschluss der klinischen Tests registrierten die russischen Behörden „Sputnik V“ bereits im August 2020, ungeachtet der Bedenken westlicher Fachleute. Bis zu 30 Millionen Dosen bis Ende des Jahres 2020 hatte das russische Entwicklungsinstitut RFPI und das russische Gesundheitsministerium angekündigt. Fast im Wochentakt schlossen sie vorläufige Verträge mit interessierten Ländern, darunter Brasilien, Indien, Ägypten; zuletzt zeigte sich das EU-Land Ungarn interessiert.

Drei Monate später im November sieht es so aus, als könnte das deutsche Unternehmen Biontech zusammen mit dem US-Pharmakonzern Pfizer dem russischen Impfstoff den Vorsprung streitig machen. Die Europäische Kommission meldete in der zweiten November-Woche, kurz vor dem Abschluss eines Vertrages zur Lieferung eines künftigen Covid-19-Impfstoffs mit der Mainzer Firma BioNTech und ihrem US-Partner Pfizer für alle EU-Staaten für die Lieferung von bis zu 300 Millionen Dosen zu stehen. Pfizer und Biontech waren in der Lage, einen Prozess zu verkürzen, der bisher immer mehrere Jahre in Anspruch genommen hat – diesmal ohne Bedenken von Seiten internationaler Fachleute.

Hohe Wirksamkeit

Mitte November 2020 berichtet auch das US-Unternehmen Moderna von einer erstaunlich hohen Wirksamkeit eines von ihm entwickelten Corona-Impfstoffs. Dieser soll vor schweren Covid-19-Verläufen schützen. Neben Biontech/Pfizer hat die EU-Kommission Vorverträge mit verschiedenen Impfstoffherstellern unterschrieben wie AstraZeneca, Sanofi-GSK und Johnson&Johnson oder Verträge mit Curevac und Moderna in Aussicht gestellt.

Nicht 70, nicht 80 – über 92 Prozent

Im Rennen um die Marktführung der Impfstoffe kommt es einerseits auf ihre Wirksamkeit an. Hier wären viele Virologen lange schon zufrieden gewesen, wenn ein Impfstoff die durch das Coronavirus verursachte Krankheit Covid-19 zu 70 oder 80 Prozent verhindern könnte.

Die ersten Daten des Impfstoffes von Biontech/Pfizer deuteten auf eine Wirksamkeit von mehr als 90 Prozent hin. Dem stellen die Russen eine Wirksamkeit von über 92 Prozent entgegen – und Moderna zuletzt eine von 94,5 Prozent.

„Besser wird es nicht – 94,5 Prozent sind wirklich hervorragend“, kommentierte der US-Immunologe Anthony Fauci laut CNN.
Er wäre schon zufrieden gewesen mit einem zu 75 Prozent wirksamen Impfstoff.
„Eine ehrgeizige Erwartung wären 90 oder 95 Prozent gewesen, aber das haben wir nicht erwartet“, so Fauci laut n-tv.

Wer wird das Rennen machen?

Andererseits könnte der das Rennen machen, der die Logistik am besten in den Griff bekommt. Hier scheinen die Russen noch die größten Schwierigkeiten zu haben. In Russland hätte eigentlich schon längst die industrielle Produktion von „Sputnik V“ angelaufen sein sollen. Stattdessen reicht die aktuelle Produktion in Russland nur, um die klinischen Tests mit 40.000 Freiwilligen durchführen zu können, berichtet „Zeit Online“.

Die ursprünglichen Produktionspläne habe man mittlerweile auf 2,3 Millionen Dosen zusammengestrichen. Erst vor zehn Tagen habe die Nachrichtenagentur Reuters berichtet, dass Moskauer Kliniken wegen Engpässen beim Impfstoff kurzzeitig keine neuen Freiwilligen mehr für die Tests aufnehmen konnten. Die Behörden dementierten das zwar. Präsident Wladimir Putin habe aber eingeräumt, dass es potenziellen Herstellern an Ausrüstung und Kapazitäten mangele.

Logistische Probleme

Frei von logistischen Problemen sind auch die westlichen Entwickler nicht. Die Impfstoffe von Biontech/Pfizer und Moderna erfordern zwei Dosen, um ihre behauptete hohe Wirksamkeit zu erreichen. Die beiden Dosen werden im Abstand von drei Wochen verabreicht.

Im Juli berichtet Pfizer, seine Forscher hätten eine Woche nach der zweiten Dosis bei den Teilnehmern den höchsten Gehalt an Virus-neutralisierenden Antikörpern beobachtet.

Andere Corona-Impfstoffkandidaten, die sich noch in den klinischen Studien befinden, setzen ebenfalls Doppelimpfungen voraus. Die Teilnehmer an der klinischen Studie von Moderna erhalten zwei Dosen im Abstand von vier Wochen und in der laufenden Studie von Astra-Zeneca werden die Ergebnisse sowohl mit einer einzelnen Impfstoffdosis als auch mit zwei Dosen im Abstand von einem Monat getestet.

Ein Impfstoff mit zwei Dosen ist mit Herausforderungen in der Lieferkette verbunden. Es besteht außerdem die Möglichkeit, dass nicht jeder für die wichtige zweite Impfdosis zum Termin kommt.

Impfstoff mit doppelter Dosis

Ein Impfstoff mit doppelter Dosis erfordert laut „Business Insider“ zu einem Zeitpunkt, an dem diese Ressourcen bereits begrenzt sind, doppelt so viele

  • Spritzen,
  • Kühlmöglichkeiten und
  • Klinikbescuhe.

Der Pfizer-Impfstoff muss nach derzeitigem Stand bei minus 70 Grad Celsius versandt und gelagert werden – eine enorme Herausforderung für die Verteilung in Entwicklungsländern, insbesondere an Orten, an denen es an bereits an Strom oder einer guten Infrastruktur von Gesundheitseinrichtungen mangelt – ausgenommen derzeit vielleicht noch in Afrika, wo aber nicht abzusehen ist, wie lange es von der Pandemie noch weitgehend verschont bleiben wird.

Ebenfalls nicht abzuschätzen ist, wie viele der Impfstoffempfänger sich zu einer Nachuntersuchung werden bewegen lassen.

„Je komplizierter der Zeitplan ist, desto schwieriger ist es, Leute dazu zu bringen, wiederzukommen“, sagte Walt Orenstein, Impfstoffarzt und ehemaliger Direktor des US National Immunization Program,  gegenüber „Business Insider“.

Moderna-Impfstoff im Kühlschrank

Moderna teilte mit, dass die Haltbarkeit seines Impfstoffs bei Kühlschrank-Temperatur länger sei als angenommen: nämlich 30 Tage bei einer Temperatur von zwei bis acht Grad. Zuvor sei man von einer Haltbarkeit von sieben Tagen ausgegangen.

Laut Pfizer kann der Biontech-Impfstoff nicht länger als fünf Tage bei ähnlichen Temperaturen gelagert werden. Experten zufolge ist eine geringere Temperaturanfälligkeit des Moderna-Impfstoffs ein Vorteil bei der Logistik.

In den USA z.B. sind Arztpraxen und Apotheken zwar für eine Kühlung von Impfstoffen bei minus 20 Grad ausgerüstet – nicht aber für minus 70 Grad, wie es der Biontech-Impfstoff erfordert. Hier wird man also noch mit Spannung abwarten, wie die Logistik-Industrie eventuelle Nachteile des wirksamsten Impfstoffes durch entsprechende Lager- und Transporttechniken wird ausgleichen können.

Autor: Friedrich Oehlerking (Freier Journalist und Experte für Einkauf, Logistik und Transport)