21.04.2020

Corona: Frachtfliegerei nutzt Flaute im Passagiergeschäft

Die Corona-Pandemie hält den Flugpassagierverkehr fest im Griff. Zum Nutzen der reinen Frachtfliegerei. Sie bricht laut DVZ derzeit Rekorde. Grund: hohe Frachtraten und globale Flaute im Passagiergeschäft. Derzeit setzten 22 Airlines in Frankfurt Passagierjets für Cargo-Flüge ein.

Frachtfliegerei

Frachtflüge vor Ostern in Frankfurt/M.

Am Flughafen Frankfurt zählte man in der Woche vor Ostern 610 reine Frachtflüge, rund 200 mehr als im Jahresschnitt 2019. Der Branche fehlen jetzt gleichwohl die Transportkapazitäten der Passagierflugzeuge. Sie übernehmen zu normalen Zeiten rund 40 Prozent der Frachtmenge. Zudem fliegen sie auch in entlegenere Winkel der Weltwirtschaft. So funktionierte US-Gesellschaft Amerijet aus Miami Passagierjets vom Typ Boeing 767 zu Frachtern um.

Ganz ausgeglichen sei die Frachtraumbilanz allerdings nicht. Die in Frankfurt registrierte Frachtmenge habe im März 17,4 Prozent unter dem Vorjahreswert gelegen. Die Passagierzahl ist demgegenüber um 62 Prozent gesunken und liege derzeit nahe am Nullpunkt. Die DVZ zitiert Max Philipp Conrady, Leiter des Frachtbereichs bei Fraport als Flughafen-Betreiber. Ihm zufolge hat die Verknappung des Frachtraums zu deutlich höheren Preisen geführt, die üblicherweise nach Volumengewicht abgerechnet werden. Sie hätten auf nachgefragten Verbindungen das Drei- bis Vierfache des Vorkrisen-Niveaus erreicht.

Fraport-Flugbilanz März 2020

Im März zählte der Flughafen Frankfurt etwa 2,1 Millionen Passagiere, ein Minus von 62,0 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat. Kumuliert über die ersten drei Monate des Jahres lag der Rückgang demnach bei minus 24,9 Prozent. Die Reisebeschränkungen und der Nachfrageeinbruch durch die Covid-19-Pandemie wirkten sich massiv aus. Diese Entwicklung habe sich im Monatsverlauf verstärkt.

Auch die Sonderflüge im Rahmen von Rückholprogrammen der Reiseveranstalter und der Bundesregierung konnten diese Effekte nur leicht abmildern. Die Zahl der Flugbewegungen ging mit 22.838 Starts und Landungen um 45,7 Prozent zurück. Die Summe der Höchststartgewichte verringerte sich ebenfalls um 39,2 Prozent auf etwa 1,6 Millionen Tonnen. Das Cargo-Aufkommen war im März der Fraport-Mitteilung zufolge gleichwohl mit 167.279 Tonnen um 17,4 Prozent rückläufig.

Rückgang Passagier und Fracht

Die negative Entwicklung des Passagieraufkommens setzt sich laut Fraport auch im April fort: In der Kalenderwoche 15 (6. bis 12. April) betrug das Minus 96,8 Prozent auf 46.338 Fluggäste im Vergleich zur gleichen Kalenderwoche des Vorjahres. Die Zahl der Flugbewegungen war mit 1.435 Starts und Landungen um 86,3 Prozent rückläufig. Auch das Cargo-Aufkommen ging um 28,1 Prozent auf 32.027 Tonnen zurück.

Mit einem Plus von rund 29 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum nahm die Anzahl der Fracht-Flüge aufgrund der hohen Nachfrage nach zusätzlichen Kapazitäten zur Sicherstellung wichtiger Lieferketten zwar zu. Dieser Zuwachs konnte den Wegfall von Beiladefracht in Passagiermaschinen jedoch nicht vollständig ausgleichen. Das Passagieraufkommen war bereits in der ersten Aprilwoche (30. März bis 5. April) im Vergleich zur gleichen Kalenderwoche des Vorjahres um 95,2 Prozent zurückgegangen.

Frachtflüge nach Festland-China auf Vorkrisen-Niveau

Der Fraport-Hauptkunden Lufthansa Cargo AG. Der Konzern bange derzeit um Staatshilfe. Seine Logistiktochter habe ihre eigenen Frachtflüge nach Festland-China wieder auf Vorkrisen-Niveau aufgestockt. Er setze zusätzlich noch einmal fast die gleiche Kapazität mit derzeit nicht ausgelasteten Passagiermaschinen ein. Diese fliegen auch nach München; in Wien gingen mehrere Boeings der Tochter Austrian Airlines auf Frachtreise nach China. Auch am zweitwichtigsten Frachtflughafen Deutschlands in Leipzig/Halle mit dem DHL-Stern sowie in Köln und am Hunsrück-Flughafen Hahn brumme das Frachtgeschäft, berichtet dpa.

Wegen des Coronavirus‘ ist der Flugverkehr seit Wochen zumindest im Passagierbereich nahezu komplett eingestellt, berichtet „kinzig.news“. Viele Flugzeuge der Lufthansa parkten auf einer Landebahn, ein Terminal wurde geschlossen. Fraport spreche von einem Passagierrückgang von rund 97 Prozent zum vergleichbaren Vorjahreszeitraum. Am Flughafen arbeiten 81.000 Menschen. Für sie bedeutet der Ausfall harte Einschnitte. Hinzu kommen viele Unternehmen und Mitarbeiter, die im Umfeld arbeiten und vom Flughafen-Betrieb leben. Im Flughafen selbst sind derzeit nur wenige Geschäfte geöffnet.

Schulte: Genügend Liquidität für Corona

Fraport-Chef Stefan Schulte zufolge verfügt Fraport zwar über genügend „Liquidität, um Corona gut durchzustehen“. Im FAZ-Interview geht er davon aus, dass es auch im Mai noch keinen wesentlichen Flugverkehr geben werde. Fliegen biete den Vorteil, dass man über die Passagiere gut informiert sei. Die Luft sei in den Flugzeugen zudem stark gefiltert. Man habe also ein hohes Maß an Kontrolle und könne intensive Vorsorge betreiben.

Bei Fraport, Lufthansa und in der gesamten Branche in Europa gehe nun in erster Linie um die Frage, wie man den Verkehr wieder hochfahren kann. Man müsse die Politik überzeugen, in der Lage zu sein, vom Check-In über das Boarding bis ins Flugzeug Abstandsregeln einzuhalten.

Schutzmasken und medizinisches Material

Sehr viel häufiger als sonst hätten die in Europa landenden Maschinen Schutzmasken und anderes medizinisches Material sowie Pharmazeutika an Bord, berichtet Fraport. Wegen des Homeoffice-Booms ist zudem die Nachfrage nach IT-Hardware deutlich gestiegen, ganze Charter-Maschinen aus China voll mit Tablets, Handys und anderen Arbeitsmaterialien landen derzeit am umschlagstärksten Frachtflughafen Europas.

Rückgänge gibt es hingegen bei Modeartikeln, die wegen der ohnehin verlorenen Saison aus Asien gar nicht mehr oder nur noch langsam per Schiff verschickt werden. In der Gegenrichtung fehlen laut Frachtbereichsleiter Conrady Maschinenteile und hochwertige Autoteile aus europäischer Produktion, die schon vor der Krise nicht mehr zu den Frachtrennern gehörten.

Autor: Friedrich Oehlerking (Freier Journalist und Experte für Einkauf, Logistik und Transport)