04.10.2021

Chemieindustrie leidet unter hohen Strompreisen

CO2-Preise, teure Rohstoffe, leere Gasspeicher und Windflauten ohne Ende – der Energieeinkauf energieintensiver Branchen gestaltet sich 2021 sehr schwierig, allen voran in der Chemieindustrie. Die Strompreise an verharren auf hohem Niveau. Hauptpreistreiber: zu wenig Gas.

Chemieindustrie Strompreise

Energieerzeugungskosten „durch die Decke“

Die Kosten für die Energieerzeugung in Europa „gehen durch die Decke“, berichtet „Process“. Auslöser dieser Entwicklung demnach:

  • Steigende Kosten für CO2-Bepreisung von über 60 Euro pro Tonne,
  • in die Höhe geschossene Rohstoffpreise für Gas und Kohle sowie
  • leere Gasspeicher
  • Windflaute, wegen der nachhaltiger Strom die Nachschubprobleme nicht ausgleichen kann.

Der Strompreis an der Deutschen Börse ist dem Bericht zufolge aufgrund dessen „geradezu explodiert“. Strom koste die Unternehmen derzeit drei Mal so viel wie im Vorjahr.

CO2-Bepreisung politisch festgelegt

Das nationale Emissionshandelssystem (nEHS) startet 2021 mit einem Festpreissystem. Der Preis pro Tonne CO2-Ausstoß ist laut Mitteilung der Bundesregierung fix und politisch festgelegt. Wenn Unternehmen Heizöl, Flüssiggas, Erdgas, Kohle, Benzin oder Diesel verkaufen, benötigen sie für jede Tonne CO2, die die Stoffe im Verbrauch verursachen werden, ein Zertifikat als Verschmutzungsrecht. Nach Vereinbarung von Bund und Ländern liegt der den CO2-Preis:

  • seit Januar 2021 auf 25 Euro
  • danach schrittweise bis zu 55 Euro im Jahr 2025
  • 2026 soll ein Preiskorridor von mindestens 55 und höchstens 65 Euro gelten.

Verschärfung wegen Green-Deal

Die EU habe im Zuge des Green-Deals ihre Klimaziele erneut verschärft. Deswegen sei damit zu rechnen, dass die CO2-Bepreisung weiterhin die Energiekosten für die Unternehmen erhöhen werde, schreibt „Process“. Damit Deutschland als Chemiestandort wettbewerbsfähig bleibe, stellt der Verband der Chemischen Industrie (VCI) Forderungen an die künftige Bundesregierung.

„Die kommende Bundesregierung muss alle staatlich bedingten Abgaben beim Strompreis prüfen und diese so weit wie möglich zurückfahren“, zitiert die Fachzeitschrift VCI-Präsident Christian Kullmann.
Die für 2022 beschlossene Senkung der EEG-Umlage könne bestenfalls ein Anfang sein. Kullmann: „Das EEG muss so schnell wie möglich weg.“ Voraussetzung zum Einsatz neuer klimaneutraler Technologien sei für die Branche ein Strompreis von vier Cent pro Kilowattstunde. „Diesen Preis sollte sich die neue Bundesregierung auf ihre Agenda setzen“, fordert der Chemieverband-Präsident.

Niedrige Gasreserve in den Speichern

Kommen hinzu relativ niedrige Gasreserven in den Speichern. Sie ließen die Energiekosten zusätzlich nach oben schnellen. Das Fachblatt bringt das Beispiel BASF. Der Konzern habe die Kosten für die steigenden Energiepreise nicht vollständig auffangen können – und das, obwohl er 80 Prozent  seines Strombedarfs selbst erzeugt.

Das Ludwigshafener Werk des Unternehmens ist den Angaben zufolge die größte integrierte Chemieanlage der Welt und verbraucht sechs Terawattstunden Strom pro Jahr, was dem Energiegehalt von etwa 3,5 Millionen Barrel Rohöl entspricht. Der norwegische Chemiekonzern Yara haben die Ammoniakproduktion vorübergehend um 40 Prozent gedrosselt.

Grund: „rekordverdächtige Erdgaspreise”. Zuvor hatte der britische Wasserstoff- und Stickstoffproduzent CF Industries den Betrieb seiner beiden Produktionsanlagen in Billingham und Ince eingestellt. Auch hier Grund: hohe Erdgaspreise.

Weniger Gas hergestellt, zu wenig gespeichert

Wegen des kalten Winters 2020/21 sind vor der bevorstehenden kalten Jahreszeit die Gasspeicher in Europa nur zu 71 Prozent gefüllt, wie das ZDF unter Berufung auf die Dachorganisation Gas Infrastructure Europe (GIE) berichtet. In den letzten Jahren war der Füllstand zur gleichen Zeit höher als in diesem Jahr. 2020 lag er bei 94 Prozent.

Im ZDF kommt der Gas-Experte Heiko Lohmann zu Wort. Er sieht mehrere Gründe für den Preisanstieg beim Gas. So werde in der EU – besonders in den Niederlanden – weniger Gas produziert als noch vor einigen Jahren. Der Kern des Problems liegt seiner Meinung in Asien. Die nach der Corona-Krise dort wieder erstarkte Wirtschaft dürste nach Energie.

Timm Kehler vom Branchenverband „Zukunft Gas“: „Der Grund für die hohen Preise, die wir derzeit auf den Großhandelsmärkten sehen, sind die gewachsenen Nachfragen, die wir in Asien erleben. Die Industrie in Asien produziert auf einem Niveau, was vor der Corona-Krise liegt, teilweise sogar darüber.“
Autor: Friedrich Oehlerking (Freier Journalist und Experte für Einkauf, Logistik und Transport)