18.06.2020

Bundeskabinett beschließt Nationale Wasserstoffstrategie

Die Nummer 1 bei Wasserstoff – das möchte Deutschland gern werden. Geplant ist das schon seit vielen Monaten, einen konkreten Schritt dahin unternahm das Bundeskabinett erst jetzt. In der Zeit hat das Ausland längst hochgerüstet. Deutschland will auf veraltete Technologien setzen.

Wasserstoffstrategie

Am 10. Juni 2020 verabschiedete das Bundeskabinett Deutschlands Nationale Wasserstoffstrategie. Das berichtet u.a. das Energiewende-Portal „energiezukunft“. Geplant war demnach dieser Schritt seit vielen Monaten, jedoch habe die Große Koalition bislang keine Einigung erzielen können. Bereits im letzten Jahr gab Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) bekannt, dass Deutschland bei den Wasserstofftechnologien die Nummer 1 auf der Welt werden soll. Passiert sei seitdem wenig, so die Plattform für Erneuerbare Energien.

Bewegung in die Debatte habe die im Zuge der Corona-Krise angeschlagene Wirtschaftslage Deutschlands gebracht. Lösungen zum Ankurbeln der Konjunktur mussten her. Deshalb kündigte die Bundesregierung nun ein 130 Milliarden Euro schweres Konjunkturpaket an, auf das sich die Koalitionäre geeinigt hätten.

Fünf Gigawatt bis 2030

Bis 2030 sollen zentrale Anlagen zur Herstellung von Wasserstoff mit einer Gesamtleistung von bis zu fünf Gigawatt entstehen. Den Finanzbedarf hierfür schätzt „energiezukunft“ auf etwa sieben Milliarden Euro. In den darauffolgenden Jahren soll die geplante Kapazität von Elektrolyseuren, also der Vorrichtungen zur chemischen Umwandlung von Ausgangsstoffen in Wasserstoff mit Hilfe elektrischen Stromes, um weitere fünf Gigawatt aufgestockt werden. Da diese Kapazität für den Wasserstoffbedarf der Bundesrepublik bei weitem nicht ausreicht, will die Koalition große Teile importieren lassen.

Die Förderung für den Einsatz von Wasserstoff soll sich dabei auf viele Gebieten erstrecken wie beispielsweise in der Stahl- und Chemieindustrie oder im Verkehr. Ein wichtiger Punkt der Nationalen Wasserstoffstrategie sei die Befreiung der Wasserstofferzeugung von der EEG-Umlage. Dieser Punkt war ebenfalls bereits im Konjunkturpaket enthalten.

Das Strategie-Papier der Bundesregierung unterscheidet vier Arten von Wasserstoff:

Grauer Wasserstoff: Einsatz von fossilen Kohlenwasserstoffen bei der Dampfreformierung von Erdgas mit erheblichen CO2-Emissionen verbunden.

Blauer Wasserstoff: Erzeugung mit einem CO2-Abscheidungs- und -Speicherungsverfahren (engl. Carbon Capture and Storage, CCS). Das dabei erzeugte CO2 gelangt nicht in die Atmosphäre und die Wasserstoffproduktion kann bilanziell als CO2-neutral betrachtet werden.

Grüner Wasserstoff: CO2-freie Erzeugung durch Elektrolyse von Wasser ausschließlich durch Strom aus erneuerbaren Energien.

Türkiser Wasserstoff: Herstellung über thermische Spaltung von Methan (Methanpyrolyse) mit Entstehung festen Kohlenstoffs anstelle von CO2, Voraussetzung: Wärmeversorgung des Hochtemperaturreaktors aus erneuerbaren oder CO2-neutralen Energiequellen sowie dauerhafte Bindung des Kohlenstoffs.

Aus Wasserstoff können Folgeprodukte hergestellt werden wie:

  • Ammoniak,
  • Methanol,
  • Methan usw.

Produkte aus Grünem Wasserstoff nennt man Power-to-X (PtX), in gasförmiger oder flüssiger Form Power-to-Gas (PtG) bzw. Power-to-Liquid (PtL).

Aktionsplan der Wasserstoffstrategie

Die Nationale Wasserstoffstrategie enthält laut Bundesregierung einen Aktionsplan mit 38 Maßnahmen in den Handlungsfeldern:

  • Erzeugung von grünem Wasserstoff
  • Anwendungsbereiche Verkehr, Industrie, Wärme
  • Infrastruktur/Versorgung
  • Forschung, Bildung, Innovation
  • Europäischer Handlungsbedarf
  • Internationaler Wasserstoffmarkt

Die im Aktionsplan beschriebenen Maßnahmen bilden die erste Phase der Strategie ab, in der bis 2023 der Markthochlauf und Grundlagen für einen funktionierenden Heimatmarkt angestoßen werden sollen.

Rahmen für zukünftige Erzeugung von Wasserstoff

Mit der Nationalen Wasserstoffstrategie bezweckt die Bundesregierung einen Rahmen für die zukünftige Erzeugung und Verwendung von Wasserstoff und damit für entsprechende Innovationen und Investitionen. Dabei legt sie die Schritte fest, um die Vorreiterrolle deutscher Unternehmen im Bereich der Wasserstofftechnologien auszubauen, neue Wertschöpfungsketten für die deutsche Wirtschaft zu schaffen und zur Erreichung der Klimaziele beizutragen. Konkret bedeutet das:

  • bezahlbaren CO2-freien Wasserstoff
  • Schaffung eines Heimatmarktes für Wasserstofftechnologien
  • CO2-freier Wasserstoff als alternativer Energieträger und Kraftstoff im Verkehr
  • Nachhaltig produzierter Wasserstoff für synthetische Kraftstoffe insbesondere im Luft- und Schwerlastverkehr
  • Wasserstoff als nachhaltiger Grundstoff für die Industrie
  • Transport- und Verteilungsinfrastruktur
  • Wissenschaft fördern, Fachkräfte ausbilden
  • Transformationsprozesse begleiten
  • Weltweite Marktchancen für deutsche Unternehmen sichern
  • Internationale Märkte und Kooperationen für Wasserstoff etablieren
  • Globale Kooperationen als Chance
  • Rahmenbedingungen stetig verbessern und aktuelle Entwicklungen aufgreifen

Investitionen in ein Auslaufmodell

Ein Großteil der Investitionen sollen dabei in die zentrale Herstellung von Wasserstoff in großen Fabriken und die Verteilung über aufwendige Verteilnetze wie z.B. Tankstellen erfolgen. Ein Milliardenaufwand, der schon heute in der Fachwelt als Investition in eine Auslaufmodell gilt. So arbeiten Autobauer in Fernost bereits an Technologien zur dezentralen Herstellung von Wasserstoff just-in-time z.B. im Motorraum unmittelbar vor dem Verbraucher, beispielsweise einem Motor, der bislang Benzin oder Diesel verbrannt hat, oder einer Brennstoffzelle.

Damit könnten Wasserstofffabriken und Verteilnetze zum großen Teil eingespart werden. Mit der Markteinführung entsprechender Produkte zur dezentralen Herstellung und Verwendung von Wasserstoff wird lange vor dem von der Bundesregierung ausgegebenen Ziel gegen Ende des neuen Jahrzehnts gerechnet.

Obsolete Kritik

Damit dürften auch die zentralen Punkte der Kritiker der Nationalen Wasserstoffstrategie weitgehend obsolet werden. So kritisiert der Umweltverband BUND noch, Deutschland könne durch die Wasserstoffstrategie einen hohen Energieverbrauch verstetigen und zentrale Anforderungen an Energiesparen und Energieeffizienz außer Acht lassen mit entsprechenden Folgen für die zu befürchtende  Importabhängigkeit.

Die Nachfrage nach Wasserstoff im Jahr 2030 soll nach Berechnungen der Bundesregierung bereits 90 bis 110 Terawattstunden (TWh) betragen, wovon Deutschland aber selbst nur etwa 14 TWh erzeuge. Antje von Broock, Geschäftsführerin Politik und Kommunikation beim BUND, laut „energiezukunft“:

„Der zusätzliche Ausbau erneuerbaren Stroms muss dringend und drastisch beschleunigt werden, um die Importabhängigkeit zu verringern.“
Ihre Organisation fordert für eine echte grüne Wasserstoffstrategie einen Ausbau der Erneuerbaren Energien auf einen Anteil von 75 Prozent an der gesamten Stromerzeugung bis 2030.

Autor: Friedrich Oehlerking (Freier Journalist und Experte für Einkauf, Logistik und Transport)