25.03.2019

Bummelstreik der französischen Zollbeamten simuliert Brexit

Dienst nach Vorschrift. Mit dieser Art des Bummelstreiks bereitet sich der französische Zoll bei Calais auf einen möglichen Brexit vor. In den Fährhäfen Calais und Dünkirchen fertigen sie seit Anfang März weniger Lkws ab. Diese fahren großräumig Stauräume an.

Der Bummelstreik der französischen Zollbeamten hat auch auf den deutschen Gütertransport erhebliche Auswirkungen.

Erheblich weniger Lkws abgefertigt

Ein Bummelstreik der französischen Zollbeamten verursacht bei Englandverkehren erhebliche Verzögerungen am Ärmelkanal. Davor warnt in einer Pressemitteilung der Güterverkehr- und Logistikverband BGL. Bereits seit 4. März 2019 führen demzufolge die französischen Zollbeamten ihren „Dienst nach Vorschrift“ durch. In der Folge fertigt der Zoll in den Fährhäfen Calais und Dünkirchen und am Eurotunnel erheblich weniger Lkws ab als üblich.

Die Zöllner drohen weitere verschärfte Kontrollen an, sollte auf ihre Forderung nach mehr Personal und Prämien nicht eingegangen werden. Doch durch ihren Streik beeinträchtigen sie massiv die Gütertransporte von und nach Großbritannien.

Keine Versorgung, keine sanitären Einrichtungen

Viele in Richtung Großbritannien fahrende Lkws verweisen französische Ordnungsbehörden bereits an der belgisch-französischen Grenze auf Stauräume entlang der französischen Autobahnen A16 und A26. Mehrere tausend Lkws warten dort auf eine Einfahrt in die Fährhäfen bzw. in das Eurotunnelterminal. Dies führt z.B. bei der Verschiffung zu Verzögerungen von bis zu acht Stunden.

Im Anschluss haben häufig die Entladestellen beim Kunden in Großbritannien nicht mehr geöffnet. Deswegen kommen leicht Verzögerungen von bis zu 24 Stunden für einen Lkw-Umlauf zustande. Für die betroffenen Fahrer bedeutet dies erhebliche Belastungen. In den Stauräumen auf den Autobahnen bestehen zudem keinerlei Versorgungsmöglichkeiten. Es sind auch keine sanitären Einrichtungen vorhanden. Die wirtschaftlichen Schäden für das betroffene Transportlogistikgewerbe sind erheblich, berichtet der BGL.

Bei Brexit noch größeres Chaos

Der Bummelstreik der französischen Beamten trifft das Straßentransportgewerbe zu einem Zeitpunkt, zu dem die Transportnachfrage angesichts des bevorstehenden Brexits ungewöhnlich hoch ist. Der BGL nimmt als Grund dafür an, dass Industrie und Handel im Vereinigten Königreich angesichts der Unsicherheit über das Austrittsprocedere – mit oder ohne Deal – und das Austrittsdatum bestrebt seien, Lagerbestände durch Importe vom Kontinent soweit wie möglich aufzufüllen. So kann die Nachfrage der britischen Wirtschaft und der Verbraucher zumindest über einen gewissen Zeitraum noch bedient werden.

Wenn das britische Unterhaus einem Austrittsvertrag zustimmt, hat die EU eine Verschiebung des Brexits auf den
22. Mai angeboten. Sollte dem nicht so sein, gilt die Verlängerungfrist nur bis zum 12. April. Planungssicherheit für die betroffenen Unternehmen: laut BGL „weiterhin Fehlanzeige“.

Die fortgesetzten Streikaktionen der französischen Zollbeamten wertet der Verband bereits jetzt als einen „bitteren Vorgeschmack auf den nach wie vor nicht auszuschließenden harten Brexit“. Bei einem solchen rechnet der Verband mit einem noch größeren Chaos.

BGL: Kein Verständnis für Bummelstreik der französischen Zollbeamten

Vor diesem Hintergrund hat der BGL kein Verständnis für die Streikaktion der französischen Zollbeamten. Der Verband hegt den Verdacht, dass die Zollbeamten die angespannte Situation vor dem Brexit ausnutzen, um ihre Lohnforderungen zu stellen.

„Das deutsche Transportgewerbe appelliert nachdrücklich an die Vernunft aller Beteiligten und bittet, die auf dem Rücken der Fahrer ausgetragenen Streikaktionen umgehend zu beenden“,

so BGL-Vorstandssprecher Dirk Engelhardt.

Französische Zöllner wollen nicht nachgeben

„Wir kontrollieren die Gütertransporte so genau, wie wenn die Engländer nicht mehr in der EU wären. Das dauert wegen der Zollformalitäten und der Wareninspektion etwa zehnmal länger“,

zitiert die „Frankfurter Rundschau“ (FR) einen französischen Zollbeamten. An manchen Tagen bilde sich beispielsweise in Calais eine vier Kilometer lange Lkw-Warteschlange über den Bahnhof und den Fährhafen hinaus bis auf die Autobahn A16.

Man werde die Kontrollen noch verschärfen, wenn die Regierung nicht auf die Forderungen der Zöllner eingehe. Diese sind laut dem FR-Bericht mehr Personal und mehr Prämien, das wäre nach „eurotransport.de“ ein Paket von 14 Millionen Euro. Die französische Regierung hat im Januar bereits 50 Millionen Euro bewilligt, damit die Flug- und Fährhäfen Veterinär- und andere Kontrollen einrichten können. 600 neue Zöllner werden auf der französischen Seite gesucht oder eingeschult.

Auch Eurostar-Züge behindert

Unterdessen behindert der Bummelstreik der französischen Zollbeamten auch den Verkehr der Eurostar-Züge von Paris nach Großbritannien erneut massiv, wie der SWR berichtet. Am Sonntag, den 17. März 2019, fielen deswegen schon vier Züge aus. Am Eingang zum Eurotunnel sowie an den Fährhäfen kommt es zu Staus und Verzögerungen. Eurostar empfiehlt, nur zu reisen, wenn es absolut notwendig sein sollte.

Wie bereits erwähnt, fordern die französischen Zollbeamten in Calais und Dünkirchen mehr Geld und Personal. Sie befürchten eine Verschlechterung ihrer Arbeitsbedingungen nach dem Brexit.

Frankreich zwischen Sorge und Furcht vor Brexit

Tatsächlich hat sich Frankreich dem FR-Bericht zufolge bisher bedeutend weniger Brexit-Sorgen gemacht als die Exportnation Deutschland. Französische Firmen führen demnach Waren und Dienstleistungen für jährlich 32 Milliarden Euro ins Vereinigte Königreich aus: Autos und Rotwein, Kosmetika oder Zuckerrüben aus der Umgebung von Calais.

Studien halten einen Rückgang der Ausfuhren um zehn Prozent für möglich. Das hat Folgen für 50.000 Arbeitsplätze in Frankreich, so der Bericht. Einzelne Wirtschaftszweige sind besonders beunruhigt. Die Kanalfischer etwa befürchten, dass sie ihre Netze in Zukunft nicht mehr auf der britischen Seite auswerfen können. Damit verlören sie auf einen Schlag ein Drittel ihrer Fanggründe. Große Sorgen macht sich in Calais die Transportbranche. Der Fährhafen bereitet sich mit millionenschweren Bauinvestitionen auf den Brexit vor.

… und noch ein Problem: Paletten

„eurotransport.de“ weist auf ein bislang kaum wahrgenommenes Problem hin: Mehr als drei Millionen Paletten pendeln pro Monat zwischen UK und dem Kontinent. Weniger als ein Drittel davon erfüllten Drittstaaten-Normen. Bei einem harten Ausstieg drohe deswegen in Großbritannien eine Palettenknappheit – das Aus für jeden achten landwirtschaftlichen Betrieb.

Autor: Friedrich Oehlerking (Freier Journalist und Experte für Einkauf, Logistik und Transport)