23.10.2018

Brexit und Einkauf: Keiner kommt ungeschoren davon

Langsam wird die Zeit knapp. Noch knapp fünf Monate, dann ist die britische Mitgliedschaft in der Europäischen Union Geschichte. Eine Frage stellt sich vordringlich: Wird der Brexit geregelt oder ungeregelt sein? Eine DIHK-Checkliste zeigt, worauf Einkäufer beiderseits des Kanals sich beim Thema Brexit und Einkauf gefasst machen sollten.

Der Beitrag informiert darüber, wie das Verhältnis Brexit und Einkauf aussehen könnte.

Übergangsphase für den Brexit bis Ende 2020?

Am 30. März 2019 werden die Briten die Europäische Union verlassen. Derzeit ist unklar, ob es eine Übergangsphase bis zum 31. Dezember 2020 geben wird. Sollte es zu keiner Einigung auf eine Anschlusslösung kommen, würde der Handel zwischen Großbritannien und der EU lediglich nach den WTO-Regeln (World Trade Organisation) erfolgen. Das birgt „die Gefahr von handelsbezogenem Chaos auf ganzer Front“, befürchtet Volker Treier, Außenwirtschaftschef des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK). Dieser Beitrag will ausleuchten, wie es mit Brexit und Einkauf aussehen könnte.

Die Aufgaben der WTO

Auf der Website des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung finden Sie eine gute und kompakte Erläuterung der Aufgaben und Tätigkeiten der WTO.

Grenzkontrollen, Zollanmeldungen, massive Rechtsunsicherheiten

Alle Grundlagen des deutschen Handels mit Großbritannien beruhen derzeit auf EU-Recht. Dies hat sich über viele Jahre entwickelt, sagte Treier der „Märkischen Oderzeitung“.

Nach dem Brexit kommen „Grenzkontrollen, Zollanmeldungen und eine ganze Bandbreite massiver Rechtsunsicherheiten auf die Unternehmen zu“, so Treier.

Branchen wie die KFZ-Hersteller und deren Zulieferer hält der DIHK-Außenwirtschaftschef wegen ihrer engen Vernetzung mit der britischen Insel für besonders betroffen.

„Es wird aber kein Sektor ungeschoren davonkommen“, warnt er.

Rückfall in WTO-Zeiten

Ein ungeordneter Brexit bedeutet einen Rückfall auf die Handelsregeln der Welthandelsorganisation WTO. Großbritannien wird die Zollunion verlassen. Für viele Unternehmen wird das wahrscheinlich diese Folgen haben:

  • Zollkontrollen
  • Zölle
  • Fragen nach Anerkennung von Produktstandards
Treier: „Deutschland stellt wie andere EU-Länder derzeit verstärkt neue Zöllner ein.“

Er verweist auf die vom DIHK erarbeitete Online-Checkliste zum Brexit. Diese Liste haben nach seiner Aussage in den vergangenen zwei Monaten bereits mehr als 12.000 Betriebe genutzt. Das zeige, wie ernst die Unternehmen die Situation nehmen.

Großbritannien ist der fünftwichtigste Handelspartner Deutschlands. Über Jahrzehnte haben sich Wertschöpfungsketten und Just-in-time-Produktionen etabliert. Diese werden nun auf den Prüfstand gestellt. Treier vermutet, dass die Belastung durch zusätzliche Kosten und Verwaltungsaufwand deutlich steigen wird.

Allein bei den nach dem Brexit erforderlichen Zollanmeldungen rechnet er mit Bürokratiekosten für die Unternehmen von mindestens 200 Millionen Euro. Die Bremswirkungen auf Handel und wechselseitige Investitionen dürften diesen Schaden aber noch bei Weitem übertreffen.

Brexit und Einkauf: Unternehmen müssen sich auf Veränderungen einstellen

Treier prognostiziert insbesondere im Warenverkehr eine Reihe von Verschlechterungen. Die Vorbereitungen in den Unternehmen auf den Brexit könnten umfangreich sein. Das ist hauptsächlich von diesen Faktoren abhängig:

  • vom künftigen Engagement des Unternehmens in Großbritannien
  • von der Unternehmensgröße
  • von der Branche

Die vom DIHK eingerichtete Checkliste soll zeigen, wo Anpassungsbedarf in den Unternehmen herrscht. Die Themen will die Organisation im Licht der Verhandlungsergebnisse schrittweise erweitern und aktualisieren.

Dabei geht die Checkliste bei der Verwendung des Begriffs „Brexit“ davon aus, dass Großbritannien den Europäischen Binnenmarkt verlässt – entweder am 30. März 2019 oder mit Ablauf einer Übergangsphase Ende 2020.

Warenverkehr in der Bürokratiefalle

Am Beispiel des Warenverkehrs mit Großbritannien zeigen sich mögliche Auswirkungen des Brexits auf den deutschen Einkauf:

  • Einkäufer müssen dann das Zollrecht der EU sowie die nationalen und europäischen Kontrollvorschriften für die Ausfuhr und Einfuhr beachten.
  • Entsprechend müssen Zollanmeldungen erstellt oder Ausfuhr- und Einfuhrgenehmigungen beantragt werden.
  • Darüber hinaus können Zölle anfallen.
  • Für den Fall eines Freihandelsabkommens zwischen der EU und Großbritannien können herabgesetzte Zollsätze in Anspruch genommen werden.
  • Hierfür müssen Unternehmen jedoch den bevorzugten „präferentiellen“ Warenursprung entlang der jeweiligen Ursprungsregeln berechnen.
  • Sie müssen dazu entsprechende Ursprungsnachweise beantragen und ausfertigen.

Regelwerk zu Produktnormen und Standards

Nach dem Austritt aus der EU könnte Großbritannien ein eigenes Regelwerk zu Produktnormen und Standards schaffen, zum Beispiel für die Bereiche technische Sicherheit, Gesundheit, Hygiene oder Kennzeichnungsbestimmungen. Solche Änderungen können die Erfüllung der Leistungsverpflichtung zwischen Vertragspartnern erheblich verteuern, beispielsweise durch neue Prüf- und Zertifizierungsanforderungen.

Darauf müssen sich Unternehmen nach dem Brexit gefasst machen

Zollförmlichkeiten

  • personelle, administrative und technische Voraussetzungen für die Verwaltung von Zollanmeldungen im eigenen Unternehmen: Beantragung EORI-Nummer und Elster-Zertifikat, Einrichtung ATLAS-Nutzerkonto für die Abgabe elektronischer Zollanmeldungen
  • Erstellung von Zollanmeldungen, Angabe von Warentarifnummer gemäß EU-Zolltarif sowie der betreffenden Kodierungen für Zollverfahren gemäß Merkblatt für Zollanmeldungen
  • sonstige Dokumente für die Zollabwicklung: IHK-Ursprungszeugnis, Rechnung, einfuhrseitige Zollwertanmeldung
  • Kenntnis über die Abläufe der praktischen Zollabfertigung bei den zuständigen Zollämtern: Gestellung, Zollkontrolle
  • Wertschöpfungsketten: Abdeckung bestehender Wertschöpfungsketten mit Großbritannien durch besondere Zollverfahren, z. B. aktive und passive Veredelung
  • vorübergehende Verwendung eines förmlichen Zollverfahrens oder alternativ des Carnet-ATA-Verfahrens für vorübergehende Warensendungen
  • eventuell Beauftragung einen externen Zolldienstleisters mit der Bearbeitung der o. g. Zollformalitäten

Verbote und Beschränkungen

  • Vorschriften: Kontrollvorschriften der EU und Deutschlands zu Verboten und Beschränkungen im grenzüberschreitenden Warenverkehr mit Drittstaaten, z. B. Prüfung der Güter, Prüfung der Warenempfänger, Prüfung des Verwendungszwecks
  • Genehmigungen: Anzeige oder Genehmigung von Aus- und Einfuhren bei den zuständigen Stellen
  • Antragstellung, z. B. BAFA, Umweltbundesamt, Landesämter für Lebensmittelsicherheit
  • Anforderungen an unternehmenseigene Compliance-Strukturen: Benennung eines Ausfuhrverantwortlichen, Erstellung einer Arbeits- und Organisationsanweisung zur Exportkontrolle
  • Britische Unternehmen nicht mehr Importeure, so dass bei Warensendungen aus Großbritannien die Anzeigepflicht auf deutsche Unternehmen übergeht.

Zölle und Ursprungsregeln

  • Zollsätze: WTO-Zölle bei Ein- oder Ausfuhr, sollten EU und Großbritannien kein bilaterales Freihandelsabkommen abschließen
  • Ursprungsregeln: Bei Freihandelsabkommen zwischen EU und Großbritannien Inanspruchnahme von Zollpräferenzen, Vorbereitung auf Kalkulationen des präferenziellen EU-Ursprungs entlang von noch zu definierenden Ursprungsregeln sowie Ausfertigung von Ursprungnachweisen
  • Lieferantenerklärungen: keine EU-internen Lieferantenerklärungen (LE) und Langzeit-Lieferantenerklärungen (LLE) mehr für Waren mit Präferenzursprungseigenschaft nach Brexit – weder an noch durch britische Unternehmen
  • Vormaterialien zur Weiterverarbeitung aus Großbritannien: Nach dem Brexit tragen diese Materialien nicht länger zum Erreichen des präferenziellen EU-Ursprungs des Enderzeugnisses bei. Mit Blick auf den möglichen Verlust des für den Handel mit anderen Abkommenspartnern der EU (z. B. Südkorea, Südafrika) relevanten Präferenzursprungs Analyse von Zulieferstrukturen und Verlagerung von Standorten von Großbritannien in andere EU-27-Länder.
Autor: Friedrich Oehlerking (Freier Journalist und Experte für Einkauf, Logistik und Transport)