12.02.2021

Brexit: Lkw-Transport auf und von der Insel ruckelt

Großbritannien ist nicht mehr Mitglied der EU. Seit Jahresbeginn gelten deswegen neue Regeln bei der Lkw-Abfertigung an der EU-Außengrenze zu Großbritannien. Dabei scheint es derzeit noch an einigen Hürden heftig zu ruckeln. Verkehrschaos und steigende Frachtpreise sind die Folge.

Brexit Lkw-Transport

Neues Handelsabkommen zwischen EU und Großbritannien

Derzeit kommt es im Warenverkehr zwischen der britischen Insel und dem europäischen Kontinent zu zum Teil heftigen Verzögerungen. Anfang des Jahres ist das neue Handelsabkommens zwischen EU und Großbritannien in Kraft getreten. Seither ruckelt es bei der Abwicklung der Grenzformalitäten im Lkw-Verkehr, berichten Medien unter Berufung auf dpa.

Viele Abläufe vor allem bei der Zollabwicklung müssten sich noch einspielen. Viele Lastwagenfahrer steckten deswegen oft stundenlang auf britischer Seite fest.

„Es kam bereits vor, dass mit englischen Waren für den Kontinent beladene Lkw wieder zum Absender zurückgeroutet wurden, weil die Verzollung an der Grenze GB/EU nicht sichergestellt war“, kommt der Bundesverband Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung (BGL) in den Meldungen zu Wort.

Probleme mit neuen Regelungen

Vor allem kleine und mittlere Unternehmen hätten große Probleme, die neuen Regelungen zu überblicken und einzuhalten. In Großbritannien bestehe zudem ein chronischer Engpass an Zollagenten, sagte BGL-Hauptgeschäftsführer Dirk Engelhardt. Diese Agenten kümmern sich in der Regel um die Zollformalitäten. Lastwagenfahrer auf der Fahrt von Großbritannien zurück in die EU müssten im britischen Hinterland zwölf bis 36 Stunden ausharren und vor allem auf Zollpapiere warten, sagte Engelhardt.

Tausenden Lastwagen drohe zudem aufgrund längerer Abfertigungszeiten an der Grenze ein Verkehrschaos. Laut BGL sind für tierische und pflanzliche Produkte inzwischen zusätzliche Dokumente fällig. Diese seien obendrein nicht billig. Manche Transportunternehmen lehnten Fahrten nach Großbritannien inzwischen ab, weil ihnen die Unsicherheiten auf dem Rückweg zu groß seien.

Auswirkungen auch für große Logistiik-Konzerne

Selbst große Logistik-Konzerne wie Deutsche-Bahn-Tochter DB Schenker hatten zuletzt die Auswirkungen des Brexits und dem nun vereinbarten Handelsabkommen zu spüren bekommen. Im Januar nahm Schenker vorübergehend keine Sendungen mehr aus der EU nach Großbritannien an:

  • Bei einem Großteil der Lieferungen fehlten Dokumente,
  • Mitarbeiter seien mit der Nachverfolgung nicht hinterher gekommen,
  • Einzelhändler auf beiden Seiten hätten Lieferungen aus oder in die EU bereits eingestellt.

Mittelfristig gehe er davon aus, dass aus all diesen Gründen die Frachtpreise deutlich steigen werden, „um bis zu 50 Prozent“, so Engelhardt.

Außenhandelsexperten gehen davon aus, dass sich zumindest die Probleme bei der Zollabwicklung mittelfristig lösen werden. Solche Anlaufschwierigkeiten seien normal, hieß es vom Bundesverband Großhandel Außenhandel Dienstleistungen (BGA) gegenüber dpa.

Strengere Regeln für Transport-Paletten

Erschwert wird die Situation an der Grenze durch das Palettenproblem. Seit dem Brexit gelten für Transport-Paletten strengere Regeln. Jetzt ist eine Schädling-Behandlung nötig. Die werde oft ignoriert, berichtet die „Welt“. Deswegen dürfte es nicht nur an den Grenzen Ärger geben, sondern auch an den Supermarkt-Regalen.

„Jeder dritte Lastwagen könnte deswegen bald stehen bleiben“, zitiert das Blatt Joachim Hasdenteufel, Präsident des Bundesverbands Holzpackmittel, Paletten und Exportverpackung (HPE).
Hintergrund ist der sogenannte Internationale Standard für Phytosanitäre Maßnahmen (ISPM) mit seinen Vorschriften unter Punkt 15. Diese Norm der Nahrungsmittel- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen FAO regelt den Schutz von Pflanzen. Danach müssen Verpackungsmaterialien aus Holz im grenzüberschreitenden Verkehr gegen mögliche Schädlinge behandelt werden.

Bestehende Regel seit 2003

Diese Vorgabe gibt es bereits seit 2003. Im Europa offener Grenzen finde die Norm aber innerhalb des Wirtschaftsraums EU wie auch beim Handel mit der Schweiz keine Anwendung. Großbritannien hat nun die EU verlassen. Somit gilt es als Drittstaat und somit ISPM-15. Die Vorschrift muss dort umgesetzt und kontrolliert werden. Viele Firmen hätten reagiert und beachteten den Standard. „Es gibt aber noch immer eine ganze Reihe von Unternehmen, die nichts davon gehört haben oder es schlicht darauf ankommen lassen“, so Hasdenteufel gegenüber der Zeitung.

Autor: Friedrich Oehlerking (Freier Journalist und Experte für Einkauf, Logistik und Transport)