05.02.2020

Brexit: BVL sieht Handelsabkommen auch als Chance

They are out. Seit dem 31. Januar 2020 gehört das Vereinigte Königreich von Großbritannien und Nordirland nicht mehr zur EU. Bis Jahresende will man ein Handelsabkommen treffen – mit Auswirkungen für die Logistik über den Kanal hinweg. Die Logistik-Branche sieht durchaus Chancen.

Brexit

Logistik bereit für Brexit

Die Logistik ist bereit für den Brexit. Diese Ansicht vertritt der Vorstandsvorsitzende der Bundesvereinigung Logistik (BVL) e. V., Robert Blackburn. Die Branche habe sich in den vergangenen Jahren bestmöglich darauf vorbereitet. Gleichwohl blieben Probleme. So wisse derzeit niemand, wie die Briten den Brexit im Detail und in der Praxis ausgestalten. Die meisten Unternehmen seien von der höchsten Eskalationsstufe ausgegangen: einem No-Deal-Brexit. Entsprechend hätten sie ihre Güterströme möglichst verlagert oder Läger für eine Übergangszeit bevorratet.

Zollabfertigung am Eurotunnel

Französischer und britischer Zoll hätten getestet, wie sich der Lkw-Verkehr auf beiden Seiten des Eurotunnels im Falle einer Zollabfertigung verhalten würde. Im Vorfeld angemeldete Frachttransporte mit Barcode würden bei Passieren der Grenze schnell geprüft, der Lkw-Verkehr bleibe im Fluss. Gleichwohl stelle die Grenze zwischen EU und Vereinigtem Königreich für beide Seiten eine Bruchstelle im ansonsten freien Warenverkehr dar, wie effizient die Zollbehörden auch arbeiten. Blackburn: „Das wird Briten und EU-Ländern  Nachteile bringen.“

Brexit birgt Chancen

Andererseits habe gerade der schwebende Brexit dazu geführt, dass Unternehmen diesseits und jenseits des Ärmelkanals ihre etablierten Supply Chains genau analysiert haben. Damit sei die Chance verbunden, Abläufe nicht nur anzupassen, sondern auch bestmöglich auszugestalten. Für viele Unternehmen sei der Brexit ein Treiber der digitalen Transformation ihrer Prozesse gewesen – mit spürbaren positiven Auswirkungen noch weit über den Austritt Großbritanniens aus der EU hinaus. Beispielsweise berichtet Blackburn von derzeit laufenden Gesprächen auf EU-Ebene, neue Fährverbindungen zwischen Irland und dem europäischen Festland einzurichten, um den Zwischenstopp über England zu vermeiden.

Veränderung der Wirtschaftswege

Blackburn prophezeit eine Veränderung der Wirtschaftswege. Beispielsweise bildeten sich ihm zufolge die europäischen Häfen von einem Hub zu englischen Häfen um zur ersten Anlaufstelle für Überseetransporte. Der Markt werde sich diesen veränderten Gegebenheiten anpassen. Die Logistikspezialisten aus Industrie, Handel und Dienstleistung seien bestrebt, das Beste aus der Situation zu machen.

Blackburn: „Aber wir werden wohl erst am Ende des Jahrzehnts abschätzen können, welche Auswirkungen uns der Brexit wirklich beschert hat.“

Herausforderungen für internationale Logistik

Vor allem Handelskonflikte, daraus resultierende protektionistische Maßnahmen und dirigistische Eingriffe von Staaten in wirtschaftliches Handeln werden Blackburn zufolge die Branche in diesem Jahrzehnt beschäftigen. Eine Mischung aus Freihandelsabkommen auf der einen Seite und Zöllen auf der anderen ständen in krassem Widerspruch zu funktionierenden globalen Supply Chains. Auf diese sei aber die heutige Wirtschaft ausgerichtet. Die sich ändernden Rahmenbedingungen könnten zu einer belasteten Stimmung auf Unternehmerseite führen. Zurückhaltende Investitionen wären eine mögliche Folge.

Lichtblicke am Ende des Tunnels

Doch sieht Blackburn auch genügend Lichtblicke. Der Arbeitsmarkt erweise sich als vergleichsweise robust. Eine fortgesetzte Suche nach Fachkräften zeige den Willen der Unternehmen, weiterhin in Personal zu investieren. Zudem dürften die in Verbindung mit den Klimaschutzzielen nötigen Investitionen der Wirtschaft Auftrieb geben. Nicht als die größte Herausforderung, aber die wichtigste Aufgabe der Logistik sieht es Blackburn darum, weiterhin mutig und ideenreich ihr Geschäft zu gestalten. Blackburn: „Und was das angeht, bin ich sehr zuversichtlich.“

Autor: Friedrich Oehlerking (Freier Journalist und Experte für Einkauf, Logistik und Transport)