03.03.2022

BME: Einkäufer erwarten Auswirkungen des Ukraine-Kriegs

Unternehmen machen sich Sorgen um Lieferanten und Produktion. Der Benzinpreis überspringt die Zwei-Euro-Grenze, Anleger gehen in Deckung, Der Ukraine-Krieg wirkt sich unmittelbar auf den Einkauf der Unternehmen aus. Direkte Auswirkungen auf die Lieferketten befürchtet.

BME Ukraine-Krieg

Prinzip der Gegenseitigkeit

Den Einmarsch Russlands in die Ukraine betrachten deutsche Unternehmen mit großer Sorge. Das schreibt u.a. Oliver Stock im „European“ und beruft sich dabei auf Aussagen des vom Bundesverband Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik (BME). Sie sehen demnach darin eine wachsende Gefahr für das eigene Geschäft. Viele der Firmen aus dem Beschaffungssektor erkennten die kritische Lage und träfen entsprechende Vorbereitungen, um den Schaden so niedrig wie möglich zu halten. Der BME hatte zum Krieg eine Mitglieder- Blitzumfrage gestartet, „angesichts der zu erwartenden negativen Auswirkungen auf die internationalen Lieferketten und Beschaffungsprozesse“, zitiert Stock den BME.

Fast die Hälfte der Befragten schätzen der Umfrage zufolge die gegenwärtige Situation als hochbrisant ein. Das gelte insbesondere bei einer militärischen Auseinandersetzung zwischen beiden Konfliktparteien. Die Zuspitzung des Russland-Ukraine-Konflikts wird von deutschen Unternehmen mit großer Sorge verfolgt und als wachsende Gefahr für das eigene Geschäft betrachtet. „Eine aktuelle Mitglieder-Umfrage hat uns angesichts der zu erwartenden negativen Auswirkungen auf die internationalen Lieferketten und Beschaffungsprozesse ein genaues Stimmungsbild geliefert“, sagte Gundula Ullah, Vorstandsvorsitzende des BME, in Eschborn bei der Präsentation des „BME Pulse Check zum Russland-Ukraine-Konflikt“.

Aktuelle Lage

Im Falle westlicher Sanktionen sehen jeweils rund 30 Prozent in der Beschränkung von Handelswegen und dem Stopp der Ostsee-Pipeline „Nord Stream 2“ direkte Auswirkungen auf ihren Geschäftsbetrieb.

„Finanzmarktbeschränkungen werden von unseren Befragten zwar aktuell als weniger gefährlich angesehen. Jedoch könnten diese Sanktionen gravierende Auswirkungen auf alle Handelsströme haben und sollten deshalb nicht unterschätzt werden“, warnt BME-Hauptgeschäftsführerin Dr. Helena Melnikov.

Ein weiteres zentrales Umfrage-Ergebnis: Mehr als 90 Prozent der Unternehmen erwarten deutlich höhere Einkaufspreise, die den Inflationsdruck weiter erhöhen. Dabei dürften vor allem die Energie- und Rohstoffkosten kräftig anziehen. Es ist darüber hinaus mit einer Verteuerung der Endprodukte zu rechnen.

Einige der Befragten erwägen einen Strategiewechsel in ihren Unternehmen:

  • fast zwei Drittel (64 Prozent) wollen auf alternative Beschaffungs- und Absatzmärkte ausweichen.
  • Knapp 13 Prozent spielen mit dem Gedanken, ihre ausländischen Direktinvestitionen in Russland und der Ukraine zu reduzieren.
  • 23 Prozent überprüfen die Sicherheit ihrer Logistikwege, Beschaffungsquellen und Geldflüsse.

Ersatz durch Lieferungen aus anderen Regionen

Der BME wollte auch wissen, ob die Einkäufer, die in beiden Ländern beschafften Waren und Rohstoffe zeitnah durch Lieferungen aus anderen Regionen ersetzen könnten. Hier ergab die Umfrage, dass nur eine Minderheit der Unternehmen (15 Prozent) nicht in der Lage wäre, diese Güter woanders einzukaufen.

Zur Risikominimierung haben die Befragten bereits konkrete Maßnahmen getroffen beziehungsweise planen diese. So wurde die Suche nach alternativen Beschaffungsmöglichkeiten (Double Sourcing) intensiviert. Gleichzeitig erhöhen viele Firmen (39 Prozent) ihre Lagerbestände – soweit das bei der ohnehin angespannten Beschaffungssituation überhaupt möglich ist. Die Substitution von Rohstoffen und Materialien wird ebenfalls verstärkt geprüft, um die Abhängigkeit von Russland und der Ukraine zu verringern. „Genannt wurde auch die Umstellung der Beschaffung weg vom Spot- und hin zum Terminmarkt. Dies kann vor allem das Risiko von Preissteigerungen in einem verträglichen Rahmen halten“, erläutert Ullah.

Lieferketten betroffen

Ein vollständiges Zerreißen der Lieferketten als Folge der Auseinandersetzungen zwischen Russland und der Ukraine befürchtet ein gutes Fünftel der Befragten. Allerdings erwarten über 75 Prozent der Teilnehmenden, dass auf Ihre Unternehmen Einschränkungen zukommen beziehungsweise der Beschaffungsaufwand steigt. „Das können sowohl der monetäre Aufwand als auch personelle Ressourcen und komplizierter werdende Prozesse sein“, so Melnikov. Der gegenwärtige Konflikt wirft ein Schlaglicht auf die globalen Entwicklungen: Mehr als 70 Prozent der Teilnehmenden sehen deutliche Risiken in Bezug auf die Handelsrouten der Neuen Seidenstraße.

E.on: Konsequenzen für die Industrie

Pessimistisch bewertet der Chef des Energieversorgers Eon Leonhard Birnbaum die Kriegsfolgen. Er warnt vor Konsequenzen für die gesamte deutsche Industrie. Wegen Engpässen bei der Energieversorgung müssten „einige Betriebe, Stand heute, von der Versorgung abgeschaltet werden.“ Zwar wären die akuten Auswirkungen nicht so drastisch. Das Ende der Heizperiode sei ja fast erreicht. Aber im nächsten Winter könnte die Energiewirtschaft wahrscheinlich eine Reihe von Industriekunden nicht mehr ohne Weiteres versorgen, zeigt sich Leonhard besorgt.

Deutschland im Fokus

Deutschland sieht „The European“ aus mehreren Gründen besonders betroffen:

  • Energiewende: Deutschland hat besonders energieintensive Branchen wie
    • Chemieindustrie,
    • Stahlverarbeitung,
    • Automobil- und
    • Maschinenbau.
  • Menschen in Deutschland legten durchschnittlich mehr als 11.000 Kilometern im Jahr mit dem Auto zurück und damit mehr als die Bewohner anderer Länder. Hohe Spritkosten schlügen also bei vielen deutlich zu Buche.

Die Menschen hierzulande träfen laut „The European“ bei langanhaltendem Krieg in der Ukraine und entsprechenden Strafmaßnahmen eben den Unternehmen wegen:

  • Plötzlich ansteigenden Energiepreisen
  • Zurückhaltung der Anleger
  • Verminderung touristischer Aktivitäten

Russlands Trümpfe

Russland ist weltweit einer der führenden Öl- und Erdgasproduzenten. Die Europäische Union hängt mit mehr als einem Drittel ihres Erdgases von Russland ab. Deutschland bezieht mehr als die Hälfte seines Erdgases aus Russland. Den Schritt Deutschlands, die Genehmigung des Betriebs von Nord Stream II auf Eis zu legen, bezeichnet Stock als „dramatisch“. Aber es führe kein Weg daran vorbei. Sanktionen gegen Russland müssten darin bestehen, seine Öl- und Erdgaslieferungen in den Westen inklusive den USA abzuschneiden. Das wiederum führe zu höheren Preisen, die Privatkunden und Industrie bezahlen müssen. Russlands Ex-Präsident Dmitri Medwedew laut „European“: „Herzlich willkommen in einer neuen Welt, wo die Europäer bald schon 2000 Euro pro 1000 Kubikmeter Gas zahlen.“

Der Crash am Aktienmarkt ist zwar ausgeblieben, der Dax tendiere seit einem halben Jahr Monat für Monat schwächer, unterm Strich bleibe es aber ruhig an der Börse. „Die bisher beschlossenen Sanktionen des Westens gegen Russland führen nicht zu einer Beeinträchtigung der Energielieferungen“, zitiert „The European“ Carsten Fritsch, Rohstoffexperte bei der Commerzbank. Verbraucher und Anleger verlören langfristig ihre Zuversicht, aufgrund:

  • rasant steigender Preise in Folge der Ukrainekrise
  • nicht ausgestandener Pandemie.

Die Nürnberger Gesellschaft für Konsumforschung „GfK) signalisiert nach vorheriger Besserung für März einen Rückgang des Konsumklimas. Grund: Inflationssorgen. „Vor allem die Erwartungen auf eine deutliche Entspannung bei der Preisentwicklung zu Jahresbeginn haben sich vorerst zerschlagen”, lässt GfK-Experte Rolf Bürkl zu Wort kommen.

Verhängnisvolle EZB-Politik

Kommt hinzu die verhängnisvolle Inflationspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB). Sie käme durch steigende Energiepreise im Ukraine-Krieg zusätzlich unter Druck. EZB-Ratsmitglied Robert Holzmann kann sich angesichts der hohen Inflation nicht mehr gegen Zinserhöhungen noch in diesem Jahr wehren. „Mir würden zwei Zinsschritte bis Ende dieses oder Anfang nächsten Jahres gefallen“, so der österreichische Notenbanker auf der Nachrichtenplattform. Das dürfte den Aktienmarkt belasten. Steigende Zinsen hätten meistens zur Folge, dass Anleger ihr Geld umschichten und Aktien verlasen. Einige Beispiele:

  • Aktie von E-On-Abspaltung Uniper: verlor nach dem Ausstieg Deutschlands aus der russisch-deutschen Gaspipeline „Nord Stream II“. Uniper sollte die Pipeline mit betreiben.
  • Handelsriesen Metro: gibt ebenfalls seit Tagen nach. Metro hat ein großes Russland- und Ukraine-Geschäft. Keiner weiß, wie der Düsseldorfer Handelskonzern dieses Geschäft unter den Bedingungen eines Sanktionsregimes weiterführen soll. Alles was ihm noch bleibt ist die Hoffnung auf diplomatische Bemühungen aller Seiten, um eine weitere Eskalation abzuwenden. Metro beschäftigt in Russland rund 10.000 Mitarbeitern und bedient 2,5 Millionen Kunden über im vergangenen Geschäftsjahr in Russland 93 Märkte und einem Umsatz von rund 2,4 Milliarden Euro. Der Konzern beschafft in Russland Lebensmittel vor allem aus heimischer Produktion. In der Ukraine betreibt Metro den Angaben zufolge 26 Märkte und kam dort zuletzt auf rund 800 Millionen Euro Umsatz.

Flieger bleiben am Boden

Lufthansa hat Flüge von und nach Kiew sowie nach Odessa am ukrainischen Schwarzmeer ausgesetzt. Interkontinentalverbindungen sind ebenfalls betroffen. Für Strecken nach Asien nutzen viele Jets nun Routen nördlich oder südlich der Ukraine. „Überflüge finden grundsätzlich nicht statt“, teilt die Lufthansa mit. Das gelte auch für den Luftraum über Belarus. Fast nur noch Linienflugzeuge seien unterwegs, die an einem ukrainischen Flughafen starten oder landen.

Ifo: Sanktionen schwach

Ifo-Chef Clemens Fuest hatte die westlichen Sanktionen gegen Russland nach dem Angriff auf die Ukraine als insgesamt schwach bezeichnet. Der Präsident des Wirtschaftsforschungsinstituts sagte der Deutschen Presse-Agentur: „Dass man sich überhaupt schnell auf Sanktionen geeinigt hat, ist positiv. Die Sanktionen sind aber insgesamt schwach, sie werden die russische Regierung kaum beeindrucken.“ Es wäre wünschenswert, gegen eine deutlich größere Zahl russischer Banken und Einzelpersonen vorzugehen, deutlich mehr ausländisches Vermögen einzufrieren und umfassendere Exportverbote zu verhängen. Die Bundesregierung hat mittlerweile einen Schwenk vorgenommen und spricht sich für einen Ausschluss russischer Banken aus dem internationalen Zahlungssystem Swift ebenso aus wie für Sanktionen gegen russisches Führungspersonal.

Autor*in: Friedrich (Freier Journalist und Experte für Einkauf, Logistik und Transport)