20.10.2022

Bestandslager bieten Einsparpotenzial

Energie ist knapp. Rohstoffe sind knapp. Umweltbelastung ist groß. Um alle drei Faktoren erträglich zu machen, helfen nachhaltig konzipierte Lager. Gerade hier liegt ein großes Einsparpotenzial. Auf der Expo Real in München zeigte die DGNB Sparpotenzial im Industrielogistikbau.

Bestandslager bieten Einsparpotenzial

Expo Real: ESG, Gebäuderessourcenpass und Zertifizierung

Wer sich bei der Expo Real in München Anfang Oktober 2022 zum nachhaltigen und klimagerechten Bauen informieren wollte, lag bei der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) richtig. Schwerpunkte des Messeauftritts waren neben der Zertifizierung die vielfältigen Angebote rund um

  • Environment Social Governance (ESG),
  • Gebäuderessourcenpass
  • Bundes­förderung für effiziente Gebäude (BEG) mit dem dazugehörigen Qualitätssiegel Nachhaltiges Gebäude (QNG)

Die Non-Profit-Organisation präsentierte sich unter dem Motto „Qualität planen. Zukunft bauen“ gemeinsam mit der Bundesarchitektenkammer, der Bundesstiftung Baukultur und dem Baukosteninformationszentrum. Die internationale Fachmesse für Immobilien und Investitionen fand in diesem Jahr vom 4. bis 6. Oktober statt.

Das Veranstaltungsprogramm am DGNB Stand eröffnete Bundesbauministerin Klara Geywitz. Inhaltlich steht außerdem der vor kurzem vorgestellte Vorschlag der DGNB für einen Gebäuderessourcenpass im Fokus. Zu den vorgestellten Angeboten zählt der Bereich Fortbildungen mit der in diesem Jahr neu eingeführten Qualifikation zum DGNB ESG-Manager. „Wir merken im Sektor einen enormen Anstieg beim Bedarf nach geschulten Fachkräften, die über die DGNB Akademie zu Auditoren, Consultants oder ESG-Managern ausgebildet wurden“, so Lemaitre.

„Schon im letzten Jahr konnte man bei der Expo Real sehen, dass die Themen Nachhaltigkeit und Klimaschutz in der Immobilienwirtschaft enorm an Bedeutung gewonnen haben“, sagt Dr. Christine Lemaitre, Geschäftsführender Vorstand der DGNB.
Dieser Trend habe sich 2022 weiter fortgesetzt. Immer mehr Investoren, Bauherren, Projektentwickler und Bestandshalter setzten sich mit den Möglichkeiten und Anforderungen von ESG auseinander. Sie ließen zum Beispiel ihre Neubauten, Bestands- und Quartiersprojekte zertifizieren oder wollen deren Konformität mit den Kriterien der EU-Taxonomie verifizieren lassen.

Nachhaltigkeit bei Industrieneubauten

Neue oder in Planung befindliche Immobilien richten ihre Erbauer bereits beim Bau stark an Nachhaltigkeitsaspekten aus. Die DGNB definiert im Bereich des Gebäudebaus hohe Standards hinsichtlich:

  • Ökologie,
  • Ökonomie und
  • soziale Aspekte.

Sie zertifiziert Industriebauten und Lager danach. Sie vergibt dafür Siegel in Platin, Gold, Silber oder Bronze. Je nach Gebäudetyp fließen bis zu 40 Nachhaltigkeitskriterien mit in die Bewertung ein, erklärt Prof. Dr. Harald Augustin, Leiter des „Steinbeis-Transferzentrum Prozessmanagement in Produktentwicklung, Produktion und Logistik“ auf der Lieferantenplattform „Wer liefert Was“ (wlw). Die höchsten Standards liegen ihm zufolge deutlich über dem, was der Gesetzgeber fordert. Viele Eigentümer solcher Neubauten legten nicht nur wegen der besseren Energieeffizienz Wert auf eine bestmögliche Zertifizierung und aus Marketinggründen, oder weil sich die Lager zertifiziert besser und teurer vermieten ließen.

Technik im Lager wichtig

Einen weiteren Aspekt sieht Augustin in der im Lager angewendeten Automatisierungstechnik. Auch hier rechne sich beim Neubau oft der Einsatz solcher Lagersysteme, die den CO2-Fußabdruck verringern. Bei Bestandsimmobilien sieht der Logistik-Professor in dieser Hinsicht jedoch noch erhebliches Potenzial, da Nachrüstungen in vielen Fällen wirtschaftlich oft nur schwer umsetzbar sind. Bei der Beleuchtung beispielsweise lassen sich ihm zufolge noch relativ leicht Verbesserungen im laufenden Betrieb erzielen, im Bereich der Automatisierungstechnik wird es schon deutlich schwieriger. Die energieeffizientesten Motoren für Fördertechnik und Lagersystemantriebe seien beispielsweise sehr teuer, sodass sich ein Einbau oder Umbau nur lohne, wenn die alten Motoren kaputtgingen und ein Ersatz angeschafft werden müsse. Augustin: „Der Austausch funktionstüchtiger Motoren lohnt meistens nicht.“

Im Lager Umweltbelastung verringern

Betrachtet man ein Lager von außen nach innen, so ließen sich im Lager die Umweltbelastung zunächst einsparen:

  • die Isolierungen der Gebäudehülle,
  • Fenster und
  • Wände.

Hier ließen sich nach Ansicht Augustins „enorme Beträge an Heizkosten“ einsparen. Das Heizen verbrauche in Lagern in der Regel mehr als die Hälfte der Gesamtenergie, abhängig vom Automatisierungsgrad. Sodann komme es auf das Heizsystem an. Bei großen Anlagen sei der Einsatz von Erdwärme denkbar, unterstützt von Photovoltaik auf dem Dach. Es gebe sogar Unternehmen, die kleine Windräder auf ihrem Grundstück aufstellen.

Lagerhallen mit Solarpaneelen

Die Statik der Gebäude muss dafür ausgelegt sein, Solarpaneele aufzunehmen. Bei Neubauten sei das zumeist der Fall. Deshalb bauen industrielle Bauherren Solarpaneele seit einigen Jahren vermehrt ein. Die daraus gewonnene Energie lässt sich zum Großteil selbst nutzen oder ins Energienetz einspeisen. Vor zehn Jahren waren diese Paneele nicht halb so leistungsfähig wie heute und daher für viele Unternehmen wirtschaftlich nicht interessant.

Nachhaltigkeit innerhalb des Gebäudes

Hier sieht Augustin in einer intelligenten Klimatechnik mit unterschiedlichen Temperaturbereichen einen Weg für große Einsparungen. Innerhalb eines Lagers gibt es Bereiche mit viel Personal, wie

  • der Wareneingang
  • der Versand,
  • horizontale und in die Höhe konzipierte Warenlager.

Diese Flächen sollten nicht oder nur zu einem erforderlichen Minimum geheizt werden, sagt Augustin. Darüber hinaus sieht er Förder- und Lagertechnik als Möglichkeit, bei den energieverbrauchenden Einzelanlagen Maßnahmen für mehr Nachhaltigkeit umzusetzen. Robotik und Automatisierung schritten immer weiter voran, zum Beispiel die Start-Stopp-Automatik, die Förderbänder dank Sensoren nur dann in Bewegung setzt, wenn Material befördert werden muss. Steuerung und Koordination von Regalbediengeräten wäre weitere Stellschrauben, um beispielsweise die entstehende Bremsenergie intern für andere Maschinen zu nutzen.

Standortplanung eines Lagers wichtig für Nachhaltigkeit?

Augustin schränkt die Chance, schon bei der Standortplanung eines Lagers Nachhaltigkeitsaspekte mitzudenken. Augustin: „Das kommt darauf an, wie das jeweilige Geschäftsmodell aussieht.“ Mehrere kleine, dezentrale Lager könnten sinnvoll sein, um Transportkosten zu sparen. Allerdings seien sie von der Energiebilanz und den Strukturkosten in der Summe oft nicht so gut. Derzeit nähmen Bauherren bei der Standortbetrachtung allerdings weniger der CO2-Fußabdruck in den Fokus als den Kostenfaktor.

Nachhaltige Lagermanagement

Vor allem die Förder- und Logistikanlagentechnik bringen ständig neue Innovationen hervor, die nicht nur leistungsfähiger, sondern auch CO2-effizienter arbeiten. Durch die steigenden Energiepreise würden solche Maschinen bei der Betrachtung der Lebenszykluskosten zunehmend interessanter. Klimapolitisch gesehen hält Augustin die Energie eigentlich immer noch für zu billig.

Er räumt allerdings ein, dass sich das schlecht verkaufen lasse. Zudem könne sich noch teurere Energie nachteilig auf den Wirtschaftsstandort auswirken.

Augustin: „Beim Neubau von Lagerstätten sehe ich auch keine Notwendigkeit, politisch einzugreifen, da die Unternehmen von sich aus viel Wert auf Nachhaltigkeit legen.“
Um den Altbestand schneller zu modernisieren, könnte die Regierung durchaus Anreize setzen, beispielsweise in Form von Kredit- oder Direktförderung. Gerade der Mittelstand investiere lieber in Produktionsmaschinen, die mehr Umsatz versprechen als in Logistik. Daher sollte der Staat auch für den Logistikbereich eine positive und unterstützende Lenkungsfunktion übernehmen, fordert Augustin.

Life Levels abgeschlossen

Nach drei Jahren Laufzeit schloss das EU-geförderte Projekt „LIFE Level(s)“ Ende September ab. Die DGNB war daran maßgeblich beteiligt und stellt die Ergebnisse auf ihrer Website zur Verfügung:

  • Zum einen bietet sie Werkzeuge für eine lebenszyklusorientierte Planung und Beschaffung bei Bauprojekten an. Angesprochen sind Kommunen, Planende und Bauproduktehersteller.
  • Zum anderen wurden Instrumente entwickelt, die dabei helfen sollen, Zertifizierungssysteme wie das der DGNB mit dem europäischen Rahmenwerk „Level(s)“ in Einklang zu bringen. Zweck dieses Programms ist die Entwicklung einer gemeinsamen Sprache und Methodik für die Nachhaltigkeitsberichterstattung von Gebäuden in Europa. An dem Projekt waren neben der DGNB sieben weitere europäische Green Building-Councils beteiligt.

Im Jahr 2020 hat die Europäische Kommission im Zuge ihres Green Deals einen freiwilligen Berichtsrahmen gemeinsamer EU-Indikatoren veröffentlicht. Sie wollte hiermit die Nachhaltigkeit von Gebäuden europaweit einheitlich erfassen und mehr ins Bewusstsein rücken. Um seine Anwendung auf nationaler Ebene in Bauprojekten zu fördern, wurden acht Green Building Councils, darunter die DGNB, mit dem jetzt abgeschlossenen Projekt „Life Level(s)“ beauftragt.

Nachhaltigkeitswerkzeuge für nachhaltige Beschaffung

Eine zentrale Fragestellung im Projekt war, wie die Inhalte des Levels(s)-Rahmenwerks in die Planung und Beschaffung von Bauprojekten implementiert werden können. „In Deutschland liegt das Beschaffungsvolumen der öffentlichen Vergabe bei 500 Milliarden Euro. Wenn hier nicht immer das günstigste Angebot den Zuschlag bekommen würde, sondern konsequent Nachhaltigkeitskriterien verankert würden, wäre das ein enormer Hebel für nachhaltigere Gebäude“, sagt Dr. Anna Braune, Abteilungsleiterin Forschung und Entwicklung der DGNB.

Damit dieses Potenzial ausgeschöpft wird, hat die DGNB eine Handreichung für eine nachhaltigkeitsorientierte Planung und Beschaffung entwickelt. Darin wird für Kommunen mithilfe einer Checkliste aufgezeigt, welche Stellschrauben für mehr Nachhaltigkeit es in bestehenden Instrumenten wie der Bauleitplanung gibt oder wie Richtlinien und Leitfäden für nachhaltiges Bauen helfen können. Analog erfahren Planende, wie projektspezifische Instrumente wie Bedarfsplanung, Ausschreibung oder Werkverträge im Sinne der Nachhaltigkeit nachgeschärft werden können.

Autor*in: Friedrich Oehlerking (Freier Journalist und Experte für Einkauf, Logistik und Transport)